Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445
Ein Gebackenes von sieben Farben: Bestreiche eine Pfanne mit Schmalz. Schlage das Eiweiß hinein, sodass es nicht anbrennt. Färbe jedes Eiweiß mit einer Farbe deiner Wahl.
Wenn du dann so viele gebacken hast, wie du möchtest, lege sie übereinander. Bestreiche die Ränder ringsum mit einem Eier-Teigelchen (Eigelb). Lege es dann wieder in die Pfanne mit Schmalz. So wird es zusammenhalten. Und es ist höfisch.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| smalcz | Schmalz | - | Pflanzenöl |
| wijsz von eyeren | Eiweiß | Supermarkt | - |
| einerley farben wilch du wilt | Periodentreue Speisefarbstoffe: Safran (gelb/orange), rotes Sandelholz oder Alkanna (rot), Petersilien-/Spinatsaft (grün), Kornblume/Tournesol/Heidelbeere (blau), Veilchen/Malve/Maulbeere (violett) | Gewürzhandel / Kräuterhandel | Safran (gelb/orange), rotes Sandelholz oder Alkanna (rot), Petersilien-/Spinatsaft (grün), Kornblume/Tournesol/Heidelbeere (blau), Veilchen/Malve/Maulbeere (violett) |
| eime eyer deygelin | Eigelb | Supermarkt | - |
Welches Gericht ist das? Ein reines Schaugericht - und zwar ein mittelalterlicher Regenbogen: Dünne Eiweiß-Fladen werden einzeln in der Pfanne gebacken, jeder in einer anderen Farbe, dann übereinandergestapelt, an den Rändern mit einem Eigelb-'Teigelchen' verklebt und nochmals gebraten, bis der Stapel zusammenhält. Angeschnitten zeigt er farbige Schichten. Hier geht es nicht um Geschmack, sondern um Effekt - Essen als Augenschmaus an der Fürstentafel (houelich).
Sieben Farben = der Regenbogen. Dass es ausgerechnet sieben Farben sind, ist ein hübscher Zufall der Geschichte: genau die Zahl, die Newton später dem Regenbogen gab (ROYGBIV - Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett). Mit periodentreuen Speisefarbstoffen lässt sich das Spektrum tatsächlich abbilden:
Der Star ist Tournesol (Folium, aus der Lackmuskraut-Verwandten Chrozophora tinctoria): Je nach Säuregrad schlägt es von Rot über Blau nach Violett um - ein mittelalterliches 'Chamäleon', mit dem sich gleich mehrere Bänder des Bogens treffen lassen.
Warum Eiweiß? Eiklar ist fast geschmacksneutral und gerinnt weiß-opak - die ideale, neutrale 'Leinwand', auf der die Farben rein leuchten. Wasserlösliche Farbstoffe (Safran-Auszug, Kräutersaft, Beeren- und Blütensäfte, Tournesol) lassen sich gut ins flüssige Eiklar rühren; fettlösliche wie Alkanna löst man besser vorher in etwas warmem Fett.
Das Eigelb als Klebstoff. bestrijch die ende al vmb mit eime eyer deygelin - die Ränder der gestapelten Fladen werden mit einem Eigelb-Teigchen bestrichen; beim erneuten Braten gerinnt es und 'schweißt' die Schichten zu einem festen, schneidbaren Block zusammen.
Verwandtschaft. Reiht sich in die ehrgeizigen, als houelich/hoffelich bezeichneten Repräsentationsgerichte des Buchs ein (vgl. das aufgehende Hühner-Förmchen rfk-064 und die Galantine rfk-050).
Praxis. Eiklar mehrerer Eier in Portionen teilen und jede mit einem Farbstoff einfärben. Nacheinander dünn in gefetteter Pfanne bei milder Hitze zu Fladen stocken lassen (nicht bräunen!). Stapeln, Ränder mit verquirltem Eigelb bestreichen, kurz nachbacken. Erkalten lassen, dann quer aufschneiden - der Regenbogen liegt frei.
Ja, als Schaugericht ist es gut geeignet. Die Zubereitung der sieben Farben und das sorgfältige Schichten erfordern Zeit und Präzision, was sich gut als Vorführungselement eignet.
Mit natürlichen Speisefarbstoffen lässt sich der ganze Regenbogen (ROYGBIV) darstellen: Rot mit rotem Sandelholz (saunders) oder Alkanna; Orange mit kräftig dosiertem Safran (ggf. plus etwas Sandelholz); Gelb mit Safran; Grün mit ausgepresstem Petersilien- oder Spinatsaft; Blau mit Kornblumensaft, Heidelbeere oder Tournesol/Folium; Indigo mit dunklem Heidelbeer-/Schlehensaft; Violett mit Veilchen, Malve, Maulbeere/Brombeere oder Tournesol im alkalischen Bereich. Tournesol ist das mittelalterliche ‚Chamäleon‘, das je nach Säuregrad von Rot über Blau bis Violett umschlägt. (Echtes Indigo/Waid ist ein Textilfarbstoff und für Speisen ungeeignet.) Eine ausführliche Übersicht der periodentreuen Speisefarben findest du in den Grundlagen.
Dieses Rezept stammt aus dem Rheinfränkisches Kochbuch (~1445, Mittelrhein). Sammlung von 76 Koch- und Backrezepten in rheinfränkischer Mundart, entstanden um 1445. Schwerpunkt Fastenspeisen: Krapfen, Fladen aus Fischrogen, Fasten-Schauspeisen (z.B. ein aus Fisch geformtes Rebhuhn-Imitat). Überliefert als Teil des astrologisch-astronomischen Sammelbands Ms. germ. fol. 244 der Staatsbibliothek zu Berlin (fol. 285r-294v). Akademisch erschlossen seit 2021 in der CoReMA-Edition (Böhm/Klug, Universität Graz, FWF-Projekt) als hyperdiplomatische Transkription. Die Fyndling-Edition ergänzt diese akademische Erschließung um die kulinarische Dimension: moderne Übersetzung, Zutaten-Listen mit Bezugsquellen, FAQ zur Zubereitung und Scan-Anzeige im Browser - damit erstmals als praktische Edition für Hobby-Köche und mediävistisch interessierte Laien.
Eine mittelhochdeutsche Bezeichnung für ‚höfisch‘ oder ‚elegant‘, die den repräsentativen Charakter dieses Schaugerichts unterstreicht.
Sieben Farben - mit periodentreuen Speisefarbstoffen lässt sich der komplette Regenbogen (ROYGBIV) abbilden: Rot (Sandelholz/Alkanna), Orange (Safran satt), Gelb (Safran), Grün (Petersilien-/Spinatsaft), Blau (Kornblume/Tournesol/Heidelbeere), Indigo (dunkle Heidelbeere/Tournesol), Violett (Veilchen/Malve/Maulbeere). Tournesol (Folium) schlägt je nach pH von Rot über Blau nach Violett um.
Ein Diminutiv von ‚Eier-Teig‘, der hier wahrscheinlich Eigelb oder eine Eigelb-Eiweiß-Mischung zum Binden der Schichten meint.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Eyer deygelin
Gewählte Lesart: Eigelb. Das Eigelb dient als Bindemittel und sorgt für eine goldene Farbe beim erneuten Braten, was gut zum höfischen Charakter passt.
Andere mögliche Lesart:
farben wilch du wilt
Gewählte Lesart: Periodentreue Speisefarbstoffe. Im Mittelalter wurden ausschließlich natürliche Farbstoffe aus Pflanzen und Tieren (Safran, rotes Sandelholz, Petersilien-/Spinatsaft, Kornblume/Tournesol, Veilchen/Maulbeere) verwendet, um Speisen zu färben.
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