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Hühnchen mit geriebener Sauce

Wel ende edelike spijse · Gent, Flandern · 1475

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit45 Min.Portionen4 PersonenBuchVon guten und edlen Speisen (Wel ende edelike spijse) (~1475)

Nimm junge Hühnchen und koche sie im Sommer in einem Topf in Stücke geschnitten. Wenn sie halb gar sind, gib genug Wein und ein wenig Wasser hinzu.

Füge Rosinen, Schweineschmalz und ausreichend Eigelb hinzu. Lasse alles zusammen gar ziehen, bis eine gebundene Sauce entsteht.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
Poelgen Hühnchen Metzger, Supermarkt -
wijns ghenouch Wein - -
lettel waters Wasser Leitung -
druuen van rosinen Rosinen - -
barghin smout Schweineschmalz Metzger, Supermarkt -
dodere van eyers ghenouch Eigelb - -

Welches Gericht ist das? Ein Hühnerfrikassee in Weinsauce, am Ende mit Eigelb gebunden - ein früher Verwandter der Blanquette und des klassischen Frikassees. Junge Hühnchen werden in Stücken im Wein gegart, dann mit Rosinen, Schmalz und Eigelb zu einer reichen, gebundenen Sauce vollendet. Verwandt mit den eigelbgebundenen Hühnergerichten hkb-023 und mha-061.

Die geriebene Sauce. Rasspeyte (zum Verb raspen = reiben, raspeln) bezeichnet eine Sauce, die durch eine geriebene Zutat ihre Textur bekommt - im zeittypischen Rahmen am ehesten geriebenes Brot zur Bindung, ergänzt durch das Eigelb am Schluss. Der genaue Reibe-Bestandteil wird nicht genannt; der Begriff selbst ist mittelniederländisch selten, weshalb wir die Lesart als wahrscheinlich, nicht als gesichert führen.

Sommer-Garung. Das Rezept nennt ausdrücklich inden somer: junge Hühnchen der Sommersaison, die schnell und zart gar werden. Erst zur Hälfte in eigenem Saft angaren, dann mit reichlich Wein und wenig Wasser ablöschen - der Wein ist Garflüssigkeit und Würze zugleich.

Eigelb als Bindung - nicht kochen. Das dodere van eyers wird zum Schluss eingerührt und darf nur noch ziehen, nicht mehr sprudelnd kochen, sonst gerinnt es zu Rührei statt zu binden. Genau das meint „lasse alles zusammen gar ziehen, bis eine gebundene Sauce entsteht".

Praxis. Ein zerteiltes Hühnchen (ca. 1,2 kg) in etwas Schmalz anziehen lassen, mit reichlich Weißwein und einem Schuss Wasser bis knapp zur Hälfte garen. Eine Handvoll Rosinen zugeben. Wenn das Fleisch fast gar ist, 2-3 Eigelb mit etwas warmer Sauce verquirlen, unterrühren und bei sehr milder Hitze unter Rühren binden lassen - nicht mehr aufkochen. Wer die geriebene Brotbindung will, gibt 1-2 EL fein geriebenes, rindenfreies Weißbrot vor dem Eigelb dazu.

Was bedeutet 'rasspeyte' in diesem Rezept?

'Rasspeyte' ist ein mittelniederländischer Begriff, dessen genaue Bedeutung in diesem Kontext nicht eindeutig überliefert ist. Er leitet sich wahrscheinlich vom Verb 'raspen' (reiben, raspeln) ab und könnte eine Sauce bezeichnen, die durch das Reiben von Zutaten (wie Brot zur Bindung oder Gewürzen) eine besondere Textur oder Geschmacksnote erhält. Die Zutaten des Rezepts (Wein, Rosinen, Schmalz, Eigelb) deuten auf eine reichhaltige, gebundene Sauce hin, die oft mit geriebenem Brot angedickt wurde.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Es benötigt lediglich einen Topf und eine Feuerstelle zum Kochen. Die Zutaten sind robust und lassen sich gut transportieren.

Was ist der Unterschied zwischen 'zieden' und 'braden'?

Im Mittelniederländischen bedeutet 'zieden' (oder 'sieden') 'kochen' oder 'sieden', also das Garen in Flüssigkeit. 'Braden' hingegen bedeutet 'braten' oder 'rösten', also das Garen mit trockener Hitze, oft in Fett oder über offenem Feuer.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Von guten und edlen Speisen (Wel ende edelike spijse) (~1475, Gent, Flandern). Älteste erhaltene mittelniederländische Rezeptsammlung (~1475). Handschrift UB Gent 1035, 62 Rezepte in zwei Kapiteln - vollständig erhalten, kein Fragment. Höfische Küche des spätmittelalterlichen Flandern: Geflügel, Wild, Fisch, Pasteten und Saucen.

.J. Poelgen metten rasspeyte inden somer ziedse in eenen pot met sticken ende alsij taluen ghezoden sijn doe ter in wijns ghenouch ende lettel waters daer toe druuen van rosinen ende barghin smout ende dodere / van eyers ghenouch
Poelgen

Junge Hühnchen oder Küken, die für ihre Zartheit geschätzt wurden.

rasspeyte

Ein mittelniederländischer Begriff, der sich wahrscheinlich vom Verb 'raspen' (reiben, raspeln) ableitet und eine Sauce bezeichnet, die durch das Reiben von Zutaten (wie Brot zur Bindung oder Gewürzen) eine besondere Textur oder Geschmacksnote erhält.

ziedse

Kurzform von 'ziede sie', bedeutet 'koche sie'.

taluen ghezoden

'Halb gekocht' oder 'halb gar'.

barghin smout

Schmalz vom 'Borg', einem kastrierten Schwein, also Schweineschmalz.

Handschrift
Wel ende edelike spijse
Sprache
Mittelniederländisch (2. Hälfte 15. Jh.)
Entstehung
Gent, Flandern, 1475

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartrasspeyte

Gewählte Lesart: Eine „geriebene" Sauce (zu raspen = reiben): durch eine geriebene Zutat, am ehesten Brot, gebundene Sauce. Im Verbund mit dem Eigelb am Schluss ergibt das eine reichhaltige, sämige Sauce.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine speziell mit geriebenen Gewürzen abgeschmeckte Sauce statt mit geriebenem Brot. - Der Text nennt die geriebene Zutat nicht; raspen könnte sich ebenso auf das Reiben der Gewürze beziehen. Die Brotbindung ist zeittypisch wahrscheinlicher, aber nicht zwingend.

Originalwerk (~1475) gemeinfrei.

Bildquelle
Scan 005, Universiteitsbibliotheek Gent, BHSL.HS.1035 (ca. 1475), Public Domain
Transkription
Coquinaria.nl - Christianne Muusers, Digitale Edition 2020 (Hs. UB Gent 1035) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Reines Topfgericht über dem Feuer; nur beim Eigelb-Binden die Hitze zurücknehmen, damit es nicht stockt.
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