Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350
Wer einen Fladen aus Weichseln machen will, der nehme sie (von) den Stielen ab und siede sie in einem Topf, bis sie (weich) werden, in ihrem eigenen Saft. Und gieße sie dann (ab und lass) sie kühlen und schlage sie durch ein Tuch. Und schmiere (eine Fläche) gut mit Honig und gieße die Kirschen darauf und setze (sie) auf Holz an die Luft, bis sie trocken ist. Hat man das nicht, so setze sie an einen kühlen Hof. Und wenn das (getrocknet ist), so schneide es und bestreue es mit Gewürzen. Und iss es wie eine Latwerge.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| wisseln / wiseln / kirsen | 1 kg Sauerkirschen | Wochenmarkt, Supermarkt | Tiefgekühlte Sauerkirschen |
| honige | 200-300 g Honig | Supermarkt, Imker | - |
| wuertzen | 1-2 TL Gewürzmischung (z.B. Zimt, Ingwer, Nelke, Muskat) | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein getrocknetes Sauerkirsch-Fruchtleder - der mittelalterliche Vorläufer des Frucht-Roll-ups. Passierte, mit Honig behandelte Kirschmasse wird dünn ausgestrichen, an der Luft getrocknet und in Stücke geschnitten; gegessen wird sie als ein latwergen (wie eine Latwerge). Das ist die trockene Schwester zum eingekochten Sauerkirsch-Kumpost bgs-084 desselben Buchs und eng verwandt mit der Weichsel-Latwerge m811-004 und der Vorrats-Weichselsauce m5919-047.
Honig: Fläche oder Masse? An der Stelle vnd smir wol mit honige fehlt in unserer Handschrift das Objekt des Schmierens - smir heißt wörtlich „schmieren/bestreichen", nicht „süßen". Der unmittelbar folgende Satzteil vnd schuete die kirsen dor vf (und schütte die Kirschen darauf) setzt voraus, dass zuvor etwas anderes behandelt wurde, auf das die Kirschmasse erst gegossen wird - naheliegend ist die hölzerne Trocknungsunterlage. Wahrscheinlich wird also zunächst das Brett mit Honig bestrichen und danach die passierte Kirschmasse darauf gegossen, statt den Honig direkt in die Masse einzurühren. Da unsere Handschrift das Bezugswort nicht ausschreibt, bleibt dies eine wahrscheinliche, aber nicht letztgültig gesicherte Lesart.
Latwerge und Trocknung. Eine latwerge ist eine süße, dicke Fruchtpaste (auch als Heilmittel/Elektuarium gebräuchlich), gut haltbar und transportabel. Hier wird die Paste nicht eingekocht wie beim Kumpost, sondern durch Lufttrocknung haltbar gemacht: vf holtze an den luft (auf Holzbrettern an der Luft), ersatzweise in einen kuelen hof (an einen kühlen, luftigen Ort). Das Ergebnis ist biegsam, aber nicht mehr klebrig.
Praxis. Sauerkirschen entstielt im eigenen Saft weich kochen (auf kleiner Flamme unter gelegentlichem Rühren, bis genug Saft austritt), abkühlen lassen, durch Tuch oder feines Sieb streichen (Kerne und Häute entfernen). Reichlich mit Honig versehen (Richtwert siehe Zutatenliste) - wahlweise in die Masse eingerührt oder als Schicht auf der Trocknungsunterlage, siehe oben. Sehr dünn (3-5 mm) auf Backpapier ausstreichen. Heute am besten im Dörrautomaten oder Backofen bei niedrigster Temperatur (50-70 °C Umluft, Tür einen Spalt offen) durchtrocknen, bis es biegsam ist. In Stücke schneiden und mit einer süßen Gewürzmischung (wuertzen - Zimt, Ingwer, Nelke, Muskat) bestreuen. Lagerung: Heute luftdicht und kühl aufbewahren, binnen weniger Tage verzehren - die historische Langzeitlagerung bei Raumtemperatur ist nicht zu empfehlen.
Sauerkirschen sind saisonal auf Wochenmärkten oder in gut sortierten Supermärkten erhältlich. Außerhalb der Saison können tiefgekühlte Sauerkirschen verwendet werden.
Nein, die direkte Zubereitung am Lager ist aufgrund des mehrtägigen Trocknungsprozesses nicht praktikabel. Das Rezept ist jedoch hervorragend geeignet, um eine haltbare Süßigkeit oder einen Snack zu Hause vorzubereiten und dann mit ins Lager zu bringen. So hat man eine authentische mittelalterliche Leckerei dabei, die nicht gekühlt werden muss.
Dieses Rezept stammt aus 'Das Buch von guter Speise', einem der ältesten bekannten Kochbücher in deutscher Sprache, verfasst um 1350 im süddeutschen Raum (vermutlich Würzburg). Es gibt Einblicke in die höfische und bürgerliche Küche des Spätmittelalters.
Eine Latwerge ist eine süße, oft dickflüssige oder pastöse Zubereitung aus Früchten, Honig und Gewürzen, die im Mittelalter sowohl als Süßigkeit als auch als Heilmittel (Elektuarium) verwendet wurde. Sie war gut haltbar und leicht zu transportieren.
Weichseln, also Sauerkirschen. Im Text synonym 'kirsen' genannt.
Im eigenen Saft - es wird keine Flüssigkeit zugesetzt.
'Smir' ist das Verb schmieren/bestreichen, nicht süßen. Das Objekt fehlt in unserer Handschrift; da der folgende Satzteil voraussetzt, dass die Kirschmasse erst noch auf etwas gegossen wird ('dor vf'), ist vermutlich die Trocknungsunterlage gemeint, die zuvor mit Honig bestrichen wird.
Auf Holzbrettern an der Luft - die Trocknungsmethode für das Fruchtleder.
Ein kühler, luftiger (Innen-)Hof - der Ersatzort zum Trocknen, falls keine Bretter an der Luft verfügbar sind.
Gewürze - im Kontext einer süßen Fruchtpaste eine süße Mischung aus Zimt, Ingwer, Nelke, Muskat.
Latwerge: eine süße, dicke Fruchtpaste, oft auch als Heilmittel (Elektuarium) gebräuchlich - gut haltbar und transportabel.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Die Kirschmasse selbst bildet den 'Fladen' - eine dünn ausgestrichene, getrocknete Fruchtpaste (Fruchtleder).
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Honig wird auf die hölzerne Trocknungsunterlage gestrichen, bevor die passierte Kirschmasse darauf gegossen wird - das Bezugswort für 'smir' fehlt in unserer Handschrift, ergibt sich aber aus dem nachfolgenden 'dor vf' (die Kirschen darauf).
Andere mögliche Lesart:
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