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Bodensee-Fischpastete

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen6-8 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Auch kannst du eine Pastete von Fischen machen. Nimm alle Schleien, Forellen, große Trischen (Trüschen, also Quappen) oder nimm stattdessen Stuben, Selan, Gangfische, Felchen, junge Hechte oder Brachsen dafür. Gib ein wenig gute Brühe dazu, dazu Wein, Schmalz und Gewürz.

Es eignen sich auch allerlei Vögel, klein und groß, Gänse und Enten gut dafür.

Auch macht man es mit Kalbfleisch, Speck und gut gehackter Petersilie darin.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
schlygen Schleien Fischhändler -
ferchenen Forellen - -
grouß trischen große Trischen (Trüschen) Fischhändler (selten, ggf. online) Zander oder Wels als Ersatz
stuben Stuben (unsicherer Fischname) - -
selan Selan (unsicherer Fischname) - -
ganckfisch Gangfisch Fischhändler (Bodensee-Spezialität, selten außerhalb der Region) Renke oder Felchen
felchen Felchen Fischhändler Renke oder Forelle
jung hechten junge Hechte - -
brachs man Brachsen - -
brueg Brühe - -
win Wein - -
schmalcz Schmalz - -
gewurtz Gewürz - -
aller lay fogel klain vnd groß Vögel, klein und groß (optionale Variante) - -
gens Gänse - -
enta Enten - -
kalb flaisch Kalbfleisch - -
speck Speck - -
peterlin Petersilie - -

Welches Gericht ist das? Eine Pastete mit wählbarer Füllung: dieselbe Teighülle nimmt je nach Verfügbarkeit Süßwasserfisch (Schleie, Forelle, Felchen, Gangfisch, junger Hecht, Brachse und zwei unsichere Fischnamen), Geflügel (Gans, Ente, kleine und große Vögel) oder Kalbfleisch mit Speck und Petersilie auf. Das Grundprinzip - Fülle in geschlossener Teighülle backen - lebt heute in der französischen Pâté en croûte weiter; die Fischvariante hat eine entfernte lebende Verwandte in der russischen Kulebjaka. Keine belegte Abstammungslinie, aber dasselbe Grundprinzip.

Die Fischliste. Die meisten Namen sind klar: Schleie, Forelle, Gangfisch, Felchen, junger Hecht und Brachse sind bekannte Bodensee-Speisefische. Zwei Namen bleiben Rätsel: Stuben und Selan sind im gesamten bekannten Korpus nur an dieser einzigen Stelle belegt (Hapax legomena) und lassen sich keiner heutigen Art sicher zuordnen. Selan klingt lautlich wie „Seelen", das mittelhochdeutsche Wort für Seele (sêle) ist im Fischkontext aber unpassend und ein reiner Homograph.

Praxis. Das Rezept selbst nennt nur die Füllung, nicht die Teighülle: Fisch, Geflügel oder Kalbfleisch mit Speck und Petersilie wird mit etwas Brühe, Wein, Schmalz und Gewürz vermengt - Brühe und Wein befeuchten die sonst magere Füllung, Schmalz liefert Fett, Gewürz Aroma. Wie der Teig geformt, verschlossen und gebacken wird, zeigen die Nachbarrezepte desselben Kochbuchs (ka1-001, ka1-004): ein fester Teig mit hohem Rand, mit einem Teigblatt dicht verschlossen und im Ofen gebacken. Wer nur diesen Text vor sich hat, braucht diese Nachbarrezepte als Anleitung zur Hülle.

Wo bekomme ich Felchen oder Gangfisch?

Felchen (Renken) gibt es bei gut sortierten Fischhändlern, besonders in Süddeutschland und der Schweiz. Gangfisch ist eine seltene Bodensee-Spezialität und außerhalb der Region kaum zu bekommen - Renke, Felchen oder Forelle sind gute Ersatzfische.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt (Aufwand): Die Füllung selbst lässt sich schnell anrichten, aber das Backen in einer geschlossenen Teighülle - wie es die Nachbarrezepte desselben Kochbuchs zeigen - braucht Zeit zum Teig vorbereiten und durchgehende Feuerbetreuung im Ofen. Für ein Wochenend-Schaukochen gut geeignet, für ein schnelles Mittagsgericht eher nicht.

Was bedeutet 'bastet' im Rezept?

'Bastet' ist die mittelalterliche Bezeichnung für Pastete - eine mit Teig ausgekleidete Speise. Dieses Rezept selbst beschreibt nur die Füllung; wie die Teighülle geformt und im Ofen gebacken wird, zeigen die Nachbarrezepte desselben Kochbuchs.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

bastet Ouch machtu machen ain bastet von fischen nim alle schlygen ferchenen grouß trischen oder mach stuben selan ganckfisch felchen jung hechten oder brachs= man dar in vnd tuo ain wenig guoter brueg dar jn vnd win vnd schmalcz vnd gewurtz dar yn Es sind ouch aller lay fogel klain vnd groß gens vnd enta guot dar in ouch machet man kalb flaisch speck vnd peterlin wol gehacket dar in etc.
bastet

Pastete - eine mit Teig umhüllte Speise, im Mittelalter oft eine Teig-Kruste als Backgefäß für die Füllung.

schlygen

Schleien (Tinca tinca), ein Süßwasserfisch.

ganckfisch

Gangfisch, eine Renkenart (Coregonus macrophthalmus), typisch für den Bodensee.

felchen

Felchen, Sammelbegriff für Renken/Weißfische aus Alpenseen und dem Bodensee.

brachs man

Brachsman = Brachse (Abramis brama), ein Karpfenfisch - wörterbuchbelegt (Idiotikon, Heyne). Dieselbe Fischnamen-Liste findet sich auch in ka1-009 ('an karpfen an brachsman an schligen ...').

trischen

Wahrscheinlich Trüschen (Quappen, Lota lota), ein aalähnlicher Süßwasserfisch. Nur an dieser Stelle im Korpus belegt (Hapax).

peterlin

Petersilie.

stuben

Als Fischname nur an dieser Stelle belegt (Hapax). Die Zeichenkette taucht im Korpus vier weitere Male auf, aber stets als 'Stube' (Raum) - ein Homograph ohne Bezug zum Fischkontext.

selan

Unsicherer, nicht identifizierbarer Fischname, nur an dieser Stelle belegt (Hapax). Nicht zu verwechseln mit 'Seele' (mhd. sêle), einem unverwandten Homograph.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Folio
Fol. 108r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarttrischen

Gewählte Lesart: Als 'Trischen/Trüschen' gelesen, eine mundartliche Form für Trüschen (Quappen, Lota lota), da das Wort in der MHDBDB-Kategorie Süßwasserfische geführt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein anderer, heute nicht mehr identifizierbarer Fischname. - Das Wort ist im gesamten Korpus nur an dieser Stelle belegt (Hapax legomenon), eine sichere Zuordnung ist daher nicht möglich.

Lesartstuben

Gewählte Lesart: Als unsicherer, heute nicht mehr identifizierbarer Fischname belassen, da er im Kontext einer Fischliste steht.

Andere mögliche Lesart:

  • Regionale Bezeichnung für Stint (Osmerus eperlanus). - Lautlich entfernt möglich, aber ohne Beleg reine Spekulation - das Wort ist im Korpus nur hier belegt.

Lesartselan

Gewählte Lesart: Als unsicherer, heute nicht mehr identifizierbarer Fischname belassen, da er zwischen eindeutigen Fischnamen (Gangfisch, Felchen) steht - nicht zu verwechseln mit dem lautlich ähnlichen 'Seelen' (Plural von Seele), das hier keinen Sinn ergäbe.

Andere mögliche Lesart:

  • Regionale Kurzform für Seesaibling (Salvelinus umbla), einen typischen Bodensee-Tiefseefisch. - Passt gut in den Bodensee-Kontext des Rezepts, ist aber lautlich nicht eindeutig herzuleiten und bleibt spekulativ.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 108r, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125 ("Sermones", [Reichenau], 15. Jh.), Rezeptteil fol. 108r-120r - Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Das Rezept selbst listet nur die Füllung - die eigentliche Bastet-Technik (fester Teig, hoher Rand, dicht verschlossenes Teigblatt, Backen im Ofen) steht in den Nachbarrezepten desselben Kochbuchs (ka1-001, ka1-004). Teig vorbereiten, Füllung anrichten und im Ofen backen braucht Zeit und durchgehende Feuerführung - machbar am Lagerfeuer, aber kein Schnellgericht.
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