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Leberpfeffer

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

LagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen2-3 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Eine Leber nehmen und braten. Danach das Äußere davon abschneiden. Die Leber in Scheiben schneiden. Was beim Schneiden abfällt, im Mörser zerstoßen. Roggenbrot, Brühe, Wein und Essig dazugeben. Das Ganze in einer Pfanne aufwallen lassen - so wird daraus ein Leberpfeffer.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ain leber Leber Metzger -
ruggi brot Roggenbrot - -
brueg Brühe - -
win Wein - -
essich Essig - -

Welches Gericht ist das?

Ein Leberpfeffer ist eine heiße, mit Roggenbrot gebundene und mit Wein und Essig gesäuerte Leber-Sauce - "Pfeffer" bezeichnet hier den Sauce-Typ, nicht das Gewürz. Gebratene Leber wird in Scheiben geschnitten, das beim Schneiden anfallende Material wird im Mörser zerstoßen und mit Brot, Brühe, Wein und Essig zu einer sauren Bindesauce aufgekocht. Ein naher Nachfahre dieser Zubereitung lebt in der bayerisch-schwäbischen sauren Leber weiter (Leberstreifen in essig-weinsaurer, sämiger Sauce), die heute meist mit Mehlschwitze statt mit Brot gebunden wird.

Was mit dem „Äußeren" gemeint ist.

Der Text lässt offen, was genau in den Mörser kommt. „Daz usser", das nach dem Braten abgeschnitten wird, liest sich am plausibelsten als die beim Braten entstandene Röstkruste - schon weil sie erst nach dem Braten abgeschnitten wird, nicht vorher an der rohen Leber. Ob diese Kruste zusammen mit den Schneideresten der aufgeschnittenen Leber in den Mörser kommt, oder ob nur die Schneidereste gemeint sind und die Kruste separat verbleibt, sagt der Text nicht eindeutig - wer nachkocht, kann beides gemeinsam verarbeiten, ohne vom Text abzuweichen.

Brühe oder Bratensaft.

Auch „brueg" bleibt offen. Im übrigen Korpus taucht das Wort meist bei separat zugegebener Brühe oder als Sud vom Sieden auf, nie an einen Röst- oder Bratvorgang gekoppelt - das spricht eher für eine eigenständig zubereitete Brühe als für den Bratensaft direkt aus der Pfanne, klärt die Frage aber nicht ganz.

Praxis.

Die Leber ganz braten (Spieß oder Pfanne über offenem Feuer), danach das Äußere abschneiden und die Leber in Scheiben schneiden. Die Abschnitte im Mörser zerstoßen - der Text nennt keinen Feinheitsgrad, gründliches Zerstoßen reicht. Roggenbrot einrühren, mit Brühe, Wein und Essig aufgießen und in der Pfanne kurz aufwallen lassen, bis die Sauce bindet. Die ganze Zubereitung dauert am Feuer unter einer Stunde und braucht neben Pfanne und Mörser keine weitere Ausstattung.

Was ist ein 'Mörser' - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Gemeint ist ein großer Fleischmörser, nicht der kleine Gewürzmörser aus der modernen Küche. Für die abgeschnittenen Leberstücke reicht heute eine Küchenmaschine oder ein Blender völlig aus. Wer authentisch arbeiten will, nimmt einen großen Granit-Mörser mit schwerem Holzstößel.

Was bedeutet 'Pfeffer' im Rezepttitel - ist damit das Gewürz gemeint?

Nein. 'Pfeffer' war im Mittelalter ein eigener Sauce-Typ: eine mit Brot gebundene, mit Essig und Wein gesäuerte Würzsauce. Das Gewürz Pfeffer selbst wird im Text an keiner Stelle genannt, auch wenn der Name es vermuten lässt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja. Braten, Schneiden, Mörsern und kurzes Aufkochen der Sauce dauern zusammen weniger als eine Stunde und brauchen nur Pfanne, Mörser und Feuer.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Ainen pfeffer Niem ain leber vnd braut die vnd schnid dar nach daz usser dar ab vnd schnid die leber zuo schniten vnd waz dar ab geschniten wirt daz stoss in ainem morser vnd tu ruggi brot vnd brueg vnd win vnd essich dar nach well es in ainer pfannen daz wirt ain leber pfeffer
pfeffer

Bezeichnet hier einen Sauce- bzw. Gerichtstyp der mittelalterlichen Küche, keine konkrete Zutat. Ein 'Leberpfeffer' ist eine mit Brot gebundene, mit Wein und Essig gesäuerte Leber-Sauce.

morser

Gemeint ist ein großer, schwerer Fleischmörser aus Stein oder Metall, nicht der kleine Gewürzmörser - das mittelalterliche Äquivalent zur Küchenmaschine.

ruggi brot

Roggenbrot als Bindemittel. Ungewöhnlich, da für Bindungen sonst meist Weißbrot/Semmel verwendet wurde - deutet auf einen einfacheren, bürgerlich-ländlichen Zubereitungskontext hin.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Folio
Fol. 108v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbrueg

Gewählte Lesart: Als 'Brühe' (Fleischbrühe/Bratensud) gelesen, die zusammen mit Wein und Essig die flüssige Basis der Sauce bildet.

Andere mögliche Lesart:

  • Bratensaft der gerösteten Leber, direkt aus der Pfanne aufgefangen. - Da die Leber zuvor gebraten wird, könnte 'brueg' auch den beim Braten entstandenen Sud meinen statt einer separat zubereiteten Brühe - das Wort ist im Korpus nicht eindeutig belegt.

Lesartdaz usser

Gewählte Lesart: Die äußere, beim Braten entstandene Kruste bzw. Haut der Leber, die abgeschnitten und später mitverarbeitet wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Die natürliche Membran/Haut der rohen Leber, unabhängig vom Braten. - Ohne weiteren Kontext ließe sich 'usser' auch auf die organische Leberhaut statt auf eine Röstkruste beziehen.

Lesartwaz dar ab geschniten wirt

Gewählte Lesart: Die beim Schneiden der Leber in Scheiben abfallenden Reste - 'dar ab' bezieht sich grammatisch auf die unmittelbar vorausgehende Klausel 'schnid die leber zuo schniten'.

Andere mögliche Lesart:

  • Sowohl die Schneidereste der Leberscheiben als auch die zuvor abgeschnittene Kruste ('daz usser') werden gemeinsam in den Mörser gegeben. - 'dar ab' ist ein anaphorisches Pronomen, das im Fnhd. auch weiter zurückgreifen kann; der Text legt nicht eindeutig fest, ob die Kruste separat verbleibt oder mitverarbeitet wird.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 108v, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125 ("Sermones", [Reichenau], 15. Jh.), Rezeptteil fol. 108r-120r - Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Frische Leber lässt sich morgens am Markttag beim Metzger besorgen und in weniger als einer Stunde am Feuer zubereiten, Mörser und Pfanne reichen als Equipment.
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