Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450
Für ein Fürhess nimm die Lunge, die Leber und die übrigen Innereien vom Hasen. Schneide alles würfelig klein. Fange das Blut des Tiers auf und siede die Innereien darin mit. Gib ein wenig Wein oder Essig dazu, außerdem Honig und Speck. So hast du ein gutes Fürhess.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| ain lungun | 1 Hasenlunge | Metzger, Wildbret-Anbieter (oft nur auf Vorbestellung) | Kaninchenlunge, leichter erhältlich und geschmacklich ähnlich |
| die lebren | Hasenleber | Metzger, Wildbret-Anbieter (oft nur auf Vorbestellung) | Kaninchenleber als leichter erhältlicher Ersatz |
| wust | weitere Innereien vom Hasen | Metzger, Wildbret-Anbieter (oft nur auf Vorbestellung) | Kaninchen-Innereien als Ersatz |
| den schwaiss | Hasenblut | Jäger oder Metzger mit Wildbezug, frisches Wildblut ist im normalen Handel kaum erhältlich | Wildschwein- oder Rinderblut vom Metzger, wenn kein Hasenblut erhältlich ist |
| win oder essich | Wein | - | Essig, laut Original als gleichwertige Alternative genannt |
| hong | Honig | - | - |
| speck | Speck | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein mit dem eigenen Blut des Tieres gebundenes Innereien-Ragout vom Hasen: Lunge, Leber und weitere Innereien werden gewürfelt und im aufgefangenen Blut mit Wein oder Essig, Honig und Speck gesotten. Ein früher Verwandter des heute noch bekannten Hasenpfeffers - dessen Namen zwar überlebt hat, dessen namensgebende Blutbindung aber in modernen Rezepten meist fehlt. Näher an der hier beschriebenen Technik sind bis heute das französische Civet de lièvre und das englische Jugged Hare, die beide nach wie vor mit dem Blut des Tieres gebunden werden.
Was ist mit „wust" gemeint? Der Begriff steht hier als drittes Innereien-Element neben Lunge und Leber, seine genaue Abgrenzung ist im Mittelhochdeutschen nicht sicher zu bestimmen. Eine eng verwandte Fassung desselben Rezepts in einer anderen Handschrift (m384-030) hat an exakt derselben Stelle das Wort „westin", dort als Gekröse gedeutet - ein Hinweis auf eine konkretere Bedeutung, aber kein Beweis, da die andere Handschrift ihr eigenes Wort verwendet. Die vorsichtigste Übersetzung bleibt deshalb der allgemeine Sammelbegriff „weitere Innereien".
Das Blut auffangen. „Schwaiss" ist der jägersprachliche Begriff für das Blut des erlegten Wilds. Das Rezept nennt keinen Zeitpunkt dafür - es sagt nur, dass das Blut aufgefangen wird, nicht wann. Praktisch ergibt sich der Zeitpunkt beim Erlegen des Tieres von selbst, doch das steht nicht im Text und wird hier bewusst offengelassen.
Praxis. Lunge, Leber und die weiteren Innereien würfeln und im aufgefangenen Blut mit Wein oder Essig, Honig und Speck sanft köcheln, nicht kräftig aufkochen: Blut flockt bei zu starker Hitze grob aus, statt die Sauce sämig zu binden. Der Text selbst spricht nur von „sieden" ohne Angabe der Hitzeintensität - eine wörtlichere Lesart als kräftiges Aufwallen (vgl. die Schwester-Fassung m384-031: „lass es aufwallen") ist möglich, führt aber eher zu einer körnigen als zu einer glatten Sauce. Insgesamt eine schlanke, in 30-40 Minuten am offenen Feuer machbare Zubereitung ohne Ofen oder Ruhezeit - der eigentliche Engpass ist die Beschaffung von frischem Hasenblut und den passenden Innereien, die es nur direkt vom Jäger oder bei Eigenjagd gibt.
Fürhess ist keine Zutat, sondern der Name eines mittelalterlichen Gerichts: Innereien vom Wild, mit dem eigenen Blut angedickt und mit Wein oder Essig, Honig und Speck abgeschmeckt. Es ist ein früher Verwandter des heute noch bekannten 'Hasenpfeffers'.
Eingeschränkt geeignet: das Kochen selbst dauert nur etwa 30-40 Minuten am Feuer, aber frisches Hasenblut und die passenden Innereien sind der Engpass. Ohne eigene Jagd oder einen Metzger mit Wildbret-Kontakt lässt sich das Rezept kaum spontan am Markttag umsetzen.
'Wust' steht hier neben Lunge und Leber und bezeichnet weitere Innereien des Hasens - welche genau, ist im Mittelhochdeutschen nicht eindeutig belegt. Eine eng verwandte Fassung desselben Rezepts in einer anderen Handschrift hat an derselben Stelle ein Wort, das dort als Gekröse gedeutet wird - ein Hinweis, aber kein Beweis, dass hier dasselbe gemeint ist. Die vorsichtigste Übersetzung bleibt deshalb der allgemeine Sammelbegriff für Innereien.
Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).
Name eines mittelalterlichen Innereien-Gerichts in dunkler, blutgebundener Pfeffersauce, oft als eigener Gang gereicht - kein Zutatname.
Würfelig, in Würfelform geschnitten. Bezieht sich auf die Schnittform der Innereien.
Jägersprachlicher Begriff für das Blut des erlegten Wilds, nicht für Körperschweiß.
Sammelbegriff für weitere Innereien, hier neben Lunge und Leber genannt - genaue Abgrenzung unsicher, siehe interpretive_choices.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
wust
Gewählte Lesart: Als Sammelbegriff für weitere Innereien des Hasens übersetzt, die neben Lunge und Leber in den Topf kommen.
Andere mögliche Lesarten:
win oder essich
Gewählte Lesart: Als Alternative gelesen: entweder Wein oder Essig wird zugegeben, nicht beides gleichzeitig.
sud (Siedeintensität)
Gewählte Lesart: Als sanftes Ziehen/Köcheln der Blutsauce knapp unter dem Siedepunkt gelesen, um ein grobes Ausflocken des Bluteiweißes zu vermeiden.
Andere mögliche Lesart:
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