München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 384 · Südwestdeutschland · 1470

fur hess
Czuo ainem furhess niem die lungen vnd die lebren vnd die westin von den hassen vnd czerschnid das wurff= lott vnd fauch den schwaisz vnd sud es damit vnd tuo ain wenig bruege win vnd essich vnd honig vnd speck dar czuo so haust du ain guot furhess
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M2 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 384), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0
Lagerküche-Tipp: Eingeschränkt (Kühlung): Haseninnereien und frisches Blut sind sehr empfindlich und erfordern eine lückenlose Kühlkette bis zur sofortigen Verarbeitung. Die Zubereitung selbst ist einfach und am offenen Feuer machbar.
Für eine Vorspeise nimm die Lunge, die Leber und das Gekröse von den Hasen und zerschneide es in Würfel. Fange das Blut auf und siede es damit. Gib ein wenig Brühe, Wein, Essig, Honig und Speck dazu - so hast du eine gute Vorspeise.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| die lungen vnd die lebren vnd die westin von den hassen | Haseninnereien (Lunge, Leber, Gekröse) | Wildhändler, spezialisierter Metzger | Kanincheninnereien oder Geflügelleber/-herz |
| den schwaisz | Hasenblut | Spezialisierter Metzger (auf Bestellung) | Frisches Schweine- oder Rinderblut; oder weglassen |
| ain wenig bruege | Brühe | - | - |
| win | Wein | - | - |
| essich | Essig | - | - |
| honig | Honig | - | - |
| speck | Speck | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein Fürhess (mhd. vor-ezzen) - eine Vorspeise, vorwiegend aus Innereien (Ehlert-Glossar). Hier ein süß-saures, blutgebundenes Geschnetzeltes von Hasen-Innereien (Lunge, Leber, Gekröse) - die spätmittelalterliche Resteverwertung des Jagdtiers als eigener Gang.
Technik: Lunge, Leber und Gekröse (westin, vgl. Magen/Wanst) des Hasen werden würfelig geschnitten (wurfflott = würfelig), das beim Ausnehmen aufgefangene Blut (schwaiß) wird mitgesotten - es bindet und färbt die Sauce dunkel. Brühe, Wein und Essig geben Flüssigkeit und Säure, Honig die Süße, Speck Tiefe; die süß-saure Achse ist typisch für die Zeit.
Praxis: Hasen-Innereien (ersatzweise Kaninchen, oder Geflügelleber/-herz) würfeln, mit aufgefangenem Blut (oder zugekauftem Blut) sieden, mit etwas Brühe, Wein, Essig, Honig und gewürfeltem Speck abschmecken. Wer kein Blut verwenden will, lässt es weg - dann fehlt die Bindung/Farbe, der Charakter als süß-saures Innereien-Gericht bleibt.
Ein Fürhess (mhd. vor-ezzen) ist eine Vorspeise, vorwiegend aus Innereien (Ehlert-Glossar) - hier ein süß-saures, blutgebundenes Innereien-Gericht.
Das Gekröse / der Magen des Hasen (Ehlert-Glossar: westin < wanst, wänstlein) - neben Lunge und Leber die dritte Innerei.
‚Zerschneide es würfelig' (wurfflott = in Würfel; wie speck wurfflot in Rezept 17). Nicht ‚Schlachtabfälle'.
‚Schweiß' = das Blut des Wilds (Ehlert-Glossar). Hier ausdrücklich genannt: es wird aufgefangen (fauch = fange) und mitgesotten, bindet und färbt die Sauce dunkel.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
czerschnid das wurfflott
Gewählte Lesart: ‚Zerschneide es würfelig / in Würfel' (Ehlert) - wurfflott ist die Würfel-Angabe, wie bei speck wurfflot (Rezept 17).
Andere mögliche Lesart:
westin
Gewählte Lesart: Das Gekröse / der Magen des Hasen (Ehlert-Glossar: westin < wanst).
fauch den schwaisz
Gewählte Lesart: ‚Fange das Blut auf' (fauch = fange, schwaiß = Blut des Wilds; Ehlert) und siede die Innereien damit - das Blut bindet und färbt.
Eine mittelalterliche Vorspeise (mhd. vor-ezzen), vorwiegend aus Innereien zubereitet - hier ein süß-saures, mit Blut gebundenes Gericht aus Hasen-Lunge, -Leber und -Gekröse.
Am ehesten beim spezialisierten Wildhändler/Metzger auf Bestellung. Ersatzweise Innereien (und Blut) vom Kaninchen oder Schwein; das Blut kann man auch weglassen (dann fehlen Bindung und Farbe).
Eingeschränkt - frische Innereien und Blut sind sehr empfindlich und brauchen eine durchgehende Kühlkette. Die Zubereitung selbst ist einfach und am offenen Feuer machbar.
Aus den Münchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384), zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts, alemannisches Frühneuhochdeutsch. In der Handschrift folgt direkt ein zweites Fürhess-Rezept.
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