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Hasen-Innereien als Vorspeise

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

VorspeiseVorspeiseLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit45 Min.Portionen2-3 PersonenBuchRheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Für eine Vorspeise von einem Hasen nimm die Lunge, die Leber, die Milz und die Nieren sowie die Schwänze der Hasen und schneide alles klein und würfelig. Brate die Schwänze in Wein oder Essig an und siede sie darin. Gib etwas Brühe, Wein und Essig dazu, sodass es genug Flüssigkeit hat, und hacke zuletzt Speck dazu.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
die lunge die leberen die wuste die swancze von den hasen Hasen-Innereien (Lunge, Leber, Milz, Nieren) und Schwänze Metzger (auf Bestellung), Wildhändler Kaninchen-Innereien und -Schwänze
wine Wein - -
eszige Essig - -
bruwe Brühe - -
specke Speck - -

Das Ergebnis ist ein warmes, säuerliches Innereien-Ragout, das sich gut als kleines Vorgericht eignet - etwa mit frischem Brot. Im Charakter ähnlich dem späteren ‚Hasenklein‘. Reihenfolge in der praktischen Umsetzung: zuerst die Schwänze in Wein/Essig anbraten, dann die gewürfelten Innereien dazugeben und gemeinsam schmoren lassen; mit Brühe/Wein/Essig aufgießen, zum Schluss den Speck unterhacken.

Was bedeutet ‚wuste' im Rezept?

Der mittelhochdeutsche Begriff ‚wuste' bezeichnete verschiedene Innereien. Im Kontext dieses Rezepts, das bereits Lunge und Leber nennt, sind damit wahrscheinlich Milz und Nieren oder andere essbare Organe des Hasen gemeint.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Hasen-Innereien und -Schwänze sind im Handel kaum zu bekommen - in der Regel hat man sie nur, wenn man selbst jagt oder schlachtet. Zudem sind die Innereien sehr empfindlich und müssten durchgehend gekühlt werden. Eine Innereien-Resteverwertung dieser Art ist fürs Marktlager nicht praktikabel. Die Zubereitung am Feuer selbst wäre zwar einfach, scheitert aber an der Beschaffung.

Was ist mit ‚back den swancze' gemeint - soll ich die Schwänze backen?

Das mittelhochdeutsche ‚backen' war vielseitiger als unser modernes ‚backen'. Hier, im Zusammenhang mit Wein oder Essig, ist eher ein Anbraten oder Schmoren in Flüssigkeit gemeint, um die Schwänze gar zu bekommen und Geschmack zu entwickeln.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rheinfränkisches Kochbuch (~1445, Mittelrhein). Sammlung von 76 Koch- und Backrezepten in rheinfränkischer Mundart, entstanden um 1445. Schwerpunkt Fastenspeisen: Krapfen, Fladen aus Fischrogen, Fasten-Schauspeisen (z.B. ein aus Fisch geformtes Rebhuhn-Imitat). Überliefert als Teil des astrologisch-astronomischen Sammelbands Ms. germ. fol. 244 der Staatsbibliothek zu Berlin (fol. 285r-294v). Akademisch erschlossen seit 2021 in der CoReMA-Edition (Böhm/Klug, Universität Graz, FWF-Projekt) als hyperdiplomatische Transkription. Die Fyndling-Edition ergänzt diese akademische Erschließung um die kulinarische Dimension: moderne Übersetzung, Zutaten-Listen mit Bezugsquellen, FAQ zur Zubereitung und Scan-Anzeige im Browser - damit erstmals als praktische Edition für Hobby-Köche und mediävistisch interessierte Laien.

WJltu machen ein voreszen von eyme hasen So nym die lunge die leberen die wuste die swancze von den hasen vnd snde isz clein wurfelecht vnd back den swancze mit wine adir mit eszige vnd sude isz damit vnd du wenig bruwe darane vnde win vnd eszig das isz genug sij vnd hacke specke daran
voreszen

Mittelhochdeutsch für ‚Vorspeise' oder ‚Vorgericht'.

wuste

Dieser Begriff bezeichnete im Mittelhochdeutschen verschiedene Innereien, oft die Milz oder Nieren. Hier als ‚Milz und Nieren' übersetzt, um eine konkretere Vorstellung zu geben.

back

Das mittelhochdeutsche Verb ‚backen' konnte neben dem Backen im Ofen auch das Braten oder Schmoren in einer Pfanne oder einem Topf bedeuten, besonders wenn Flüssigkeit wie Wein oder Essig hinzugefügt wurde.

Handschrift
Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v)
Folio
Fol. 290r
Sprache
Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)
Entstehung
Mittelrhein, 1445

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwuste

Gewählte Lesart: Wir haben ‚wuste' als ‚Milz und Nieren' übersetzt, da diese Organe neben Lunge und Leber häufig als essbare Innereien verwendet wurden und eine präzisere Vorstellung ermöglichen.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine alternative Lesart wäre ‚weitere Innereien' oder ‚Eingeweide' im Allgemeinen. - Der Begriff ‚wuste' konnte im Mittelhochdeutschen auch eine allgemeinere Bedeutung für Innereien haben, ohne spezifische Organe zu nennen.

Lesartswancze

Gewählte Lesart: Wörtlich die Schwänze der Hasen. Hasenschwänze tragen kaum Fleisch; sie werden hier im Sinne der vollständigen Verwertung des Tieres mitverarbeitet und geben beim Anbraten und Schmoren etwas Gelatine und Geschmack an die Flüssigkeit ab. Insgesamt ist das Gericht eine Innereien-Verwertung - im Geist vergleichbar mit dem späteren ‚Hasenklein'.

Andere mögliche Lesart:

  • Denkbar wäre auch das fleischigere hintere Ende (Schwanzstück/Rückenende) statt der reinen Schwänzchen. - Da die eigentlichen Schwänze fast kein Fleisch haben, könnte ‚swancze' lose das hintere, fleischige Ende meinen. Die wörtliche Lesart als Schwänze bleibt aber die naheliegendste, da das Rezept ohnehin die geringwertigen Innereien-Teile sammelt.

Lesartback den swancze

Gewählte Lesart: Die Anweisung ‚back den swancze mit wine adir mit eszige' wurde als ‚Brate die Schwänze mit Wein oder Essig an' übersetzt, da das mittelhochdeutsche ‚backen' auch Braten oder Schmoren in Flüssigkeit umfassen konnte.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine wörtlichere, aber weniger plausible Lesart wäre ‚backe die Schwänze im Ofen mit Wein oder Essig'. - Obwohl ‚backen' auch das Backen im Ofen bedeutet, ist die Zugabe von Wein oder Essig in diesem Kontext eher typisch für eine Zubereitung in Topf oder Pfanne, die dem Braten oder Schmoren entspricht.

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 290r, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), fol. 285r-294v - Public Domain Mark 1.0 (Digitalisierung 2014, gefördert durch DFG) Quelle öffnen
Transkription
Primäre wissenschaftliche Vergleichs-Edition: Böhm, A. & Klug, H. W. (2021): CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, ms. B1 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. fol. 244). Hyperdiplomatische Transkription, Universität Graz, FWF I 3614, hdl:11471/562.10.1791, CC BY 4.0. Zusätzlich: Thomas Gloning, Sample-Edition (Universität Gießen, rfk1.htm) mit den ersten 5 Rezepten. Volltext-Print-Edition Adelmann/Ehlert/Gloning 1998 (Auer Verlag, ISBN 3-403-03131-4, Tupperware-Stiftungsausgabe, vergriffen). Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nicht für die Lagerküche: Hasen-Innereien und -Schwänze bekommt man praktisch nur, wenn man selbst jagt oder schlachtet - im Handel sind sie kaum erhältlich. Dazu sind die Innereien sehr empfindlich und brauchen eine durchgehende Kühlkette. Eine solche Innereien-Resteverwertung ist im Marktlager unrealistisch.
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