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Fürhess vom Hasen (Innereien-Voressen)

München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 15632 · Rott am Inn, Oberbayern · 1460

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit70 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKlosterkochbuch Rott am Inn (Clm 15632) (~1460)

Nimm die Lunge und die Leber eines Hasen und schneide sie würfelig. Nimm sie mit dem Blut und gib sie in eine Brühe mit Wein, Essig und Honig. Füge Roggenbrot und schönen Speck hinzu. So erhältst du ein gutes Fürhess.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ge lungel Hasenlunge - Metzger, Wildhändler Lunge vom Kaninchen oder Wildschwein
leber Hasenleber - Metzger, Wildhändler Leber vom Kaninchen oder Wildschwein
hasen 1 Hase (Innereien) 1 Stück Wildhändler Kaninchen
swayß Hasenblut - Metzger, Wildhändler (auf Vorbestellung) Schweineblut (Metzger) oder weglassen für eine hellere Sauce
prue Brühe - - Gemüse- oder Fleischbrühe
wein Wein - Supermarkt -
essich Essig - Supermarkt -
honick Honig - Supermarkt -
rocken prot Roggenbrot - Supermarkt, Bäcker Altes Weißbrot
schon speck Schöner Speck - Metzger, Supermarkt Geräucherter Bauchspeck

Welches Gericht ist das? Ein Fürhess (mhd. vor-ezzen) - ein Voressen aus Innereien in dunkler, blutgebundener Sauce; der direkte Vorfahr des schweizerischen ‚Voressen', das bis heute gekocht wird. Eng verwandt mit dem reicheren Fürhess vom Hasen m384-031, dem geschmorten Hasen mit Leber-Lungen-Sauce ant-042 und den Hasen-Innereien als Voressen rfk-035.

Technik. Lunge und Leber des Hasen würfeln (wurflat = würfelig), mit dem aufgefangenen Blut (swayß) in eine Brühe aus Wein, Essig und Honig geben. Roggenbrot bindet die Sauce (mittelalterliche Brotbindung - lange vor der Mehlschwitze), das Blut bindet zusätzlich und färbt sie dunkel; schöner Speck bringt Fett und Aroma. Aufwallen lassen, bis die Sauce sämig ist.

Süß-sauer. Honig (süß) gegen Essig (sauer) ergibt die typische Agrodolce-Achse, deren Säure die kräftigen Innereien ausbalanciert.

Praxis. Hasen- (ersatzweise Kaninchen-) Lunge und Leber fein würfeln, in einer Brühe mit Wein, Essig und einem Löffel Honig kurz köcheln, ausgelassenen Speck und eingeweichtes Roggenbrot zugeben, mit Pfeffer und Ingwer würzen und zuletzt mit dem Blut binden - auf kleiner Hitze, nicht kochen, sonst flockt es. Ohne Blut wird die Sauce heller. Frische Innereien und Blut brauchen durchgehende Kühlung.

Woher bekomme ich Hasen-Innereien und Blut?

Frische Hasen-Innereien und Blut sind am besten bei einem spezialisierten Metzger oder Wildhändler auf Vorbestellung erhältlich. Achte auf eine lückenlose Kühlkette, da diese Zutaten sehr empfindlich sind. Als Alternative kann man Innereien und Blut vom Kaninchen oder Wildschwein verwenden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Dieses Rezept ist aufgrund der empfindlichen frischen Innereien und des Blutes nur eingeschränkt für die Lagerküche geeignet. Eine durchgehende Kühlung ist zwingend erforderlich. Die Zubereitung am offenen Feuer ist jedoch gut machbar, wenn die Zutaten frisch und gekühlt zur Verfügung stehen.

Was bedeutet ‚furheß'?

‚Furheß' (auch ‚furhas') ist ein mittelhochdeutscher Begriff für ein Voressen oder Vorgericht. Es bezeichnete oft eine reichhaltige und geschmacksintensive Speise, die vor dem Hauptgang serviert wurde, ähnlich einem heutigen Ragout oder einer Pastete.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Klosterkochbuch Rott am Inn (Clm 15632) (Rott am Inn, Oberbayern). Präzise datierte Klosterküche: 55 bairische Rezepte aus dem Benediktinerkloster Rott am Inn (datiert 1458 und 1464), Teil einer überwiegend lateinischen Sammelhandschrift (BSB München, Clm 15632, Vorbesitzer Ulrich Wülfing). Die Kochrezepte stehen auf Bl. 143r-152v. Schwerpunkt auf Fastenküche und Schaugerichten: ein aus Fisch in Holzformen geformtes Rebhuhn-Imitat, Fischfarcen, Mandelmilch und gefärbte Mandelspeisen, Nuss-Feigen-Pasten, Senf sowie Eier- und Milchspeisen (darunter gefüllte Eier in der Schale, sogenannte Kroßeier). Als datierbare Benediktiner-Küche bildet sie das direkte Gegenstück zur ebenfalls klösterlichen Tegernsee-Überlieferung (Cgm 725, Cgm 8137). Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Handschrift M10 ediert; in der Münchner-Edition von Trude Ehlert (1999, Abschnitt 2.6) enthalten - Gegencheck verfügbar.

furheß Item nym die lungel vnd die leber von einem hasen vnd schneydt daz wurflat vnd nym ez mit dem swayß vnd thue ein prue wein vnd essich vnd honick vnd rocken prot vnd schon speck daran so hastu ein gut furheß
furheß

Ein ‚Fürhess' (mhd. vor-ezzen, ‚Vor-Essen') ist ein Voressen, vorwiegend aus Innereien, meist in dunkler, blutgebundener Pfeffersauce. Der direkte Nachfahr ist das schweizerische ‚Voressen', ein bis heute gekochtes Innereien- und Schmorragout. Hier eine bairische Klosterfassung mit Hasenlunge, -leber und -blut.

ge lungel

Die Lunge des Hasen. Innereien waren eine wertvolle Proteinquelle und wurden vielfältig in der mittelalterlichen Küche verwendet.

swayß

Das Blut des Hasen. Blut wurde häufig zum Binden und Färben von Saucen verwendet, um ihnen eine kräftige, dunkle Farbe und einen intensiven Geschmack zu verleihen.

rocken prot

Roggenbrot diente als Bindemittel, um die Sauce zu verdicken, und trug zugleich zum Geschmack bei. Oft wurde altes Brot verwendet.

schon speck

‚Schöner Speck' bedeutet hier hochwertiger, guter Speck, der dem Gericht Fett und Aroma verleiht.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 15632
Folio
Fol. 145v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch, Benediktinerkloster Rott am Inn, 1458/1464)
Entstehung
Rott am Inn, Oberbayern, 1460
CoReMA-Handschrift

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ge lungellights (offal) Q1723359
leberliver Q1470283
hasenrabbit Q3556748
swayßblood Q494268
pruestock Q3075310
weinwine Q282
essichvinegar Q41354
honickhoney Q10987
rocken protrye bread Q3893120
schon speckbacon Q11106

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwurflat

Gewählte Lesart: ‚schneydt daz wurflat' heißt ‚schneide es würfelig' - wurflat (auch würflät/wurfflott) ist kein eigenes Fleischstück, sondern die Schnittform: in Würfel. Lunge und Leber werden also gewürfelt. Dasselbe Wort steht im Schwester-Rezept ri15632-020 (‚schneyd daz wurflat') und ist in der Edition als ‚würflät' belegt.

Lesartswayß

Gewählte Lesart: Als ‚Blut' übersetzt. ‚Schweiß' (mhd. sweiz) ist der jägersprachliche Begriff für das Blut des Wildes - es bindet und färbt die Sauce dunkel.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 145v, Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 15632 (Rott am Inn, 1458/1464); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M10 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 15632), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Kühlung): Frische Hasen-Innereien und insbesondere das Blut erfordern eine durchgehende Kühlkette und schnelle Verarbeitung. Die Zubereitung am offenen Feuer ist jedoch gut machbar.
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Stand dieser Fassung: 18.08.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.