München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505
Nimm das Blut und die Lunge vom Reh und siede es gar. Schneide es würfelig und treibe es durch ein Tuch, sodass kein Haar oder anderer Unrat darin bleibt.
Gib das alles wieder in den Topf und füge Schmalz und Wein hinzu. Lass es so lange sieden, bis das Fett austritt und die Masse bindet. Wenn du es aufträgst, gib Pfeffer darauf. Es soll dabei schön dick bleiben.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| pluet | Rehblut | Metzger, Wildhändler | - |
| lungel | Rehlunge | Metzger, Wildhändler | - |
| smaltz | Schmalz | Supermarkt | Butterschmalz oder Pflanzenöl |
| wein | Wein | - | - |
| pfefer | Pfeffer | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein bairisches Blut-Innereien-Mus vom Reh - ein Innereien-"Pfeffer" in direkter Linie von Leberpfeffer und Schwarzsauer: erlegtes Wild restlos verwerten, Lunge und Blut zu einer dicken, gebundenen, gepfefferten Masse einkochen. Das unmittelbar folgende Schwester-Rezept im selben Folio-Block (m5919-075) nennt genau dieses Verfahren "Lungenmus" und stellt es zur mortteul (Mortrews, gestoßener/aufgewallter Fleischbrei). Eng verwandt sind die Fürhess-Gerichte vom Hasen (m384-031, ri15632-018) und die Wild-Innereien-Pfeffer der Form-of-Cury-Tradition (foc-013, foc-014).
seid dy schuppen durch ain thue: Die wahrscheinlichste Lesart ist "durch ein Tuch treiben/seihen", begründet durch den Nachsatz das da nicht hars in sey (damit kein Haar darin bleibt) - die gegarte Lungenmasse wird passiert, Haare und Festteile bleiben im Tuch zurück. Ernst zu nehmen ist aber eine zweite Lesart: schuppen meint im selben Korpus die Fischschuppe als kollagenreiches Geliermittel (ri15632-034: zerstoßen, durch ein Tuch geschlagen, mitgesotten - die Hausenblase ist dort die genannte Alternative). Zu einem Mus, das eben dick peleiben soll, würde ein solcher Binder gut passen. Da für Cgm 5919 keine deutsche Edition zum Gegencheck vorliegt, bleibt das offen - die Passier-Lesart führt, der Geliermittel-Befund steht daneben.
las es faist sieden: Nicht als Confit oder Konservierung zu verstehen, sondern schlicht: so lange köcheln, bis das Fett austritt und die Masse legiert/bindet - ein Garpunkt- und Konsistenzsignal (vgl. das abschließende eben dick peleiben). Der Schreiber selbst markiert den Ausdruck mit "?!".
Praxis. Lunge in Salzwasser gar sieden (ca. 30-40 min), würfeln und durch ein Tuch oder feines Sieb passieren. Mit Blut, etwas Schmalz und einem kräftigen Rotwein offen einkochen, dabei stetig rühren - das Blut darf nicht stocken oder anbrennen -, bis das Fett austritt und die Masse dick bindet (ca. 20-30 min). Zum Servieren frisch übermahlen Pfeffer. Richtwerte: etwa 400-500 g Rehlunge, 200-250 ml Rehblut, 2-3 EL Schmalz, 150-200 ml Rotwein. Blut und Lunge müssen frisch und durchgehend gekühlt verarbeitet werden.
Rehblut und -lunge sind Innereien, die nicht immer im Standardsortiment von Supermärkten erhältlich sind. Frage am besten bei einem gut sortierten Metzger oder direkt bei einem Wildhändler nach. Oft sind solche Produkte saisonal verfügbar.
Eingeschränkt - und zwar allein wegen der Frischzutaten: Rehblut und -lunge sind sehr empfindlich und brauchen eine durchgehende Kühlkette; sie gehören frisch verarbeitet und bald verzehrt. Das Garen selbst ist unkompliziert, ein Topf am Feuer genügt.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Regensburger Kochbuch' (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde. Es ist ein Beispiel für die bürgerlich-höfische Küche des Spätmittelalters im Mittelbairischen.
Es bedeutet, das Mus so lange köcheln zu lassen, bis das Fett austritt und die Masse bindet - ein Signal für Garpunkt und Konsistenz, damit das Gericht 'schön dick' wird. Es ist keine Konservierungstechnik; der Schreiber selbst hat den Ausdruck mit '?!' markiert.
Bezieht sich auf das Reh (Wildtier), nicht auf das Rebhuhn.
Würfelig, in Würfel geschnitten. Im Korpus mehrfach als wurfflott belegt (Cgm 384) - eine Lesefalle: meint die Schnittform, nicht etwa Schlachtabfälle. Da die Masse danach ohnehin passiert wird, ist die Schnittform hier praktisch nebensächlich.
So lange sieden, bis das Fett austritt und die Masse bindet - ein Konsistenz-/Garpunktsignal, keine Konservierungstechnik. Der Schreiber selbst markiert den Ausdruck mit "?!".
Tierisches Fett, meist Schweineschmalz.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
seid dy schuppen durch ain thue
Gewählte Lesart: Die gegarte Masse durch ein Tuch treiben/seihen, damit kein Haar oder Unrat darin bleibt (das da nicht hars in sey).
Andere mögliche Lesart:
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