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Rehbrühe mit Gewürzen und Korinthen

The Forme of Cury · England · 1390

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit75 Min.Portionen4-6 PersonenBuchThe Forme of Cury (~1390)

Nimm das Muskelfleisch vom Hirsch oder vom Reh und koche es vor. Schneide es in kleine Stücke. Koche es gut, halb in Wasser und halb in Wein. Nimm Brot und zerstoße es mit der Brühe selbst. Gib Blut hinzu und lasse alles zusammen mit einer scharfen Gewürzmischung aus Ingwer oder Zimt und Muskatblüte sieden. Füge eine große Menge Essig und Korinthen hinzu.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
the lire of the Deer oþer of the Roo 500 g Rehfleisch (Muskelfleisch) Metzger Wildschweinfleisch oder Rindfleisch
water ca. 500 ml Wasser - -
wyne ca. 500 ml Rotwein - -
brede 100 g altbackenes Brot - -
blode 100 ml Schweine- oder Rinderblut Metzger / Schlachthof Blutwurst (zerdrückt) für Farbe und Bindung
powdour fort of gynger oþer of canell . and macys 1 TL Ingwerpulver - -
powdour fort of gynger oþer of canell . and macys 1/2 TL Zimtpulver - -
powdour fort of gynger oþer of canell . and macys 1/4 TL Muskatblüte (Macis) - -
a grete porcioun of vineger ca. 100 ml Weinessig - -
Raysouns of Coraunte 50 g Korinthen - -

Welches Gericht ist das? Eine herzhafte, säuerlich-würzige Wildbrühe (Roo Broth, Reh- oder Hirschbrühe), doppelt gebunden mit eingeweichtem Brot und frischem Blut - der direkte Vorfahr der späteren civet-Saucen, die typisch mit Blut angedickt wurden. Verwandt mit dem Bockenheimer Rehbraten in schwarzer Pfeffersauce (boc-018) und den blutgebundenen Wildbrühen des Ménagier (men-097, men-293).

Lire - das Muskelfleisch. Lire meint das magere Muskelfleisch (nicht Innereien) von Hirsch (deer) oder Reh (roo). Es wird vorgekocht, klein geschnitten und dann halb in Wasser, halb in Wein zart gegart.

Doppelbindung: Brot und Blut. Zwei zeittypische Bindungen greifen ineinander. Erst wird Brot in der eigenen Brühe zerstoßen (bray it wiþ the self broth) - die klassische Brotbindung, lange vor der Mehlschwitze. Dann kommt frisches Blut dazu (drawe blode þer to), das die Sauce dunkel färbt und weiter andickt. Kritisch: Beim Einrühren des Blutes die Hitze stark reduzieren und nur noch ziehen lassen, nie kochen - sonst flockt es aus.

Powdour fort und die Süß-Sauer-Achse. Die scharfe Gewürzmischung (hier Ingwer oder Zimt, dazu Muskatblüte/macys) gibt Wärme; eine große Menge Essig (grete porcioun of vineger) und die fruchtige Süße der Korinthen (raysouns of coraunte) spannen die typische Süß-Sauer-Balance auf, die das fette Wild kontert.

Praxis. Etwa 500 g Rehfleisch vorkochen, klein schneiden, halb in Wasser, halb in trockenem Rotwein zart garen. Rund 100 g altbackenes Brot in etwas Brühe einweichen und fein zerdrücken, einrühren. Mit Ingwer/Zimt und Muskatblüte würzen. Zum Schluss die Hitze senken, etwa 100 ml frisches Schweine- oder Rinderblut langsam einarbeiten, nur ziehen lassen. Reichlich Weinessig und 50 g Korinthen zugeben, bis Süße, Säure und Würze stimmen. Heiß servieren.

Wo bekomme ich Tierblut?

Tierblut ist heute nicht mehr so leicht erhältlich wie im Mittelalter. Frage bei einem lokalen Metzger oder Schlachthof nach, ob sie frisches Schweine- oder Rinderblut verkaufen können. Alternativ kann man für Farbe und Bindung zerdrückte Blutwurst verwenden, auch wenn der Geschmack dann nicht ganz authentisch ist.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist sehr gut für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind robust und transportierbar. Das Kochen erfolgt in einem Topf über offenem Feuer, und das Zerstoßen des Brotes kann mit einfachen Mitteln oder vorbereitet erfolgen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus 'The Forme of Cury', einer der ältesten und bekanntesten englischen Rezeptsammlungen. Es wurde um 1390 für die Köche von König Richard II. verfasst und bietet einen tiefen Einblick in die höfische Küche des späten Mittelalters in England.

Was bedeutet 'bray' und brauche ich einen Mörser?

'Bray' bedeutet, etwas zu zerstoßen oder zu zermahlen, typischerweise in einem großen Mörser mit einem Stößel. Für dieses Rezept, bei dem Brot zerstoßen wird, kannst du entweder einen großen Mörser verwenden, das Brot sehr fein zerbröseln und in der Brühe einweichen, oder es in einer modernen Küchenmaschine pürieren, um eine ähnliche Konsistenz zu erreichen.

Was ist 'powdour fort'?

'Powdour fort' (scharfe Gewürzmischung) war eine gängige Gewürzmischung im Mittelalter, die für kräftige und herzhafte Gerichte verwendet wurde. Sie enthielt typischerweise scharfe Gewürze wie Pfeffer, Ingwer, Zimt und Galgant. Im Gegensatz dazu stand 'powdour douce' (milde Gewürzmischung) mit süßeren Gewürzen wie Zucker, Zimt und Muskat.

ROO BROTH Take the lire of the Deer oþer of the Roo parboile it on smale peces. seeþ it wel half in water and half in wyne. take brede and bray it wiþ the self broth and drawe blode þer to and lat it seeth to gedre with powdour fort of gynger oþer of canell . and macys . with a grete porcioun of vineger with Raysouns of Coraunte . Roo. Roe. The Recipe in Ms. Ed. No. 53. is very different. Canell. Cinnamon. macys. Mace. V. Preface and Gloss. Raysouns of Coraunte. Currants. V. Gloss.
lire

Mageres Muskelfleisch (nicht Innereien).

Roo

Reh; 'deer' meint hier den Hirsch. Beide Wildarten austauschbar.

bray it wiþ the self broth

Brot in der eigenen Brühe zerstoßen - die mittelalterliche Brotbindung (Vorläufer der Mehlschwitze).

drawe blode þer to

Frisches Blut einrühren - färbt und bindet; darf nicht mehr kochen, sonst flockt es aus.

powdour fort

Scharfe Gewürzmischung; hier Ingwer oder Zimt mit Muskatblüte.

macys

Muskatblüte (Macis), die getrocknete Samenhülle der Muskatnuss.

Raysouns of Coraunte

Korinthen - kleine, dunkle getrocknete Weinbeeren; geben die fruchtige Süße der Süß-Sauer-Balance.

Handschrift
The Forme of Cury
Folio
Fol. 16 verso
Sprache
Mittelenglisch
Entstehung
England, 1390

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartpowdour fort of gynger oþer of canell

Gewählte Lesart: Scharfe Gewürzmischung aus Ingwer oder Zimt, dazu Muskatblüte - 'oþer' liest sich als Wahl zwischen Ingwer und Zimt.

Andere mögliche Lesart:

  • Ingwer, Zimt und Muskatblüte zusammen. - In mittelalterlichen Rezepten wurden Gewürze einer 'powdour fort' oft kombiniert; 'oþer' (oder) kann auch additiv gemeint sein. Beides ergibt eine stimmige Würze.

Originalwerk (~1390) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 16 verso, The University of Manchester Library, English MS 7 (John Rylands Library)
Transkription
Project Gutenberg - The Forme of Cury (ed. Samuel Pegge, 1780) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Über offenem Feuer problemlos; Brot lässt sich am Lager einweichen und zerdrücken. Frisches Blut muss vorbestellt und gekühlt mitgebracht werden.
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