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Fürhess vom Huhn - Vorspeise in Blutsauce

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen2-3 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Willst du ein Fürhess von Hühnern machen, so nimm zuerst das Blut vom Huhn.

Hacke ein Huhn in Stücke, etwa apfelgroß (ein in Rezepten dieser Zeit übliches Größenmaß). Hacke eine Zwiebel fein klein.

Rühre das Blut sauber glatt und gib es zusammen mit der Zwiebel zu dem gehackten Huhn.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
huon / hennen 1 Huhn - -
schwaisz Hühnerblut Geflügelhof mit eigener Schlachtung, spezialisierter Metzger Ersatzweise kräftige dunkle Geflügeljus mit einem Schuss Rotwein, wenn kein frisches Blut erhältlich ist - andere Bindung, aber ähnliche Farbe und Charakter.
zwifel 1 Zwiebel - -

Welches Gericht ist das?

'Fürhess' (mhd. vor-essen) bezeichnet ursprünglich die Vorspeise beziehungsweise den ersten Gang eines mehrgängigen Festmahls, nicht den Namen eines bestimmten Gerichts. Unter diesem Gang-Namen wurde im Korpus aber fast immer derselbe Gerichtstyp serviert: ein mit dem eigenen Blut des Tieres gebundenes Schmorgericht, die mittelalterliche Vorstufe des französischen Civet und des englischen 'jugging'. Meist wird die Technik mit Hase oder Wildbret verwendet (vgl. m384-030, m384-031), mha-048 überträgt sie ausnahmsweise auf Huhn - näher am seltenen französischen 'coq au sang' (Hahn in Blutsauce) als am klassischen Wild-Fürhess.

Was fehlt: die Gar-Angabe.

Das Transkript nennt keinen Gar- oder Hitzeschritt, es bricht nach 'vnd thue In daran' (und gib es dazu) ab, ohne zu sagen, wohinein oder wie lange erhitzt wird. Die beiden echten Fürhess-Zwillinge im selben Korpus, m384-030 ('sud es damit') und m384-031 ('sud es mit dem schwais'), sieden Fleisch und Blut von Anfang an gemeinsam auf - das legt nahe, dass auch hier alles zusammen im Topf gegart wurde, ohne dass das Blut separat am Ende zugegeben wird. Sicher belegt ist das für mha-048 selbst aber nicht.

Praxis.

Huhn, Zwiebel und Blut zusammen bei milder Hitze langsam garen, bis das Fleisch durchgegart und die Sauce sämig gebunden ist.

Wo bekomme ich Hühnerblut für dieses Rezept?

Frisches Hühnerblut ist im normalen Supermarkt nicht erhältlich. Am ehesten fündig wirst du bei einem Geflügelhof mit eigener Schlachtung oder einem Metzger, der noch ganze Tiere verarbeitet. Fehlt das Blut, kannst du ersatzweise mit kräftiger dunkler Geflügeljus und einem Schuss Rotwein arbeiten, die Bindung wird dann anders, aber Farbe und Charakter kommen nah heran.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt geeignet: Das Hacken und Verrühren selbst dauert nur wenige Minuten, aber frisches Blut ist der Flaschenhals, es muss kühl gelagert und zügig verarbeitet werden. Wer keinen Zugang zu frischem Hühnerblut hat, kann die Ersatzvariante mit Jus und Wein wählen.

Was bedeutet 'Fürhess' im Rezepttitel?

Wörtlich 'vor-essen': Fürhess bezeichnet ursprünglich die Vorspeise beziehungsweise den ersten Gang eines Festmahls, nicht ein bestimmtes Gericht. Unter diesem Namen wurde aber meist ein blutgebundenes Schmorgericht serviert, vergleichbar mit dem französischen Civet oder dem englischen 'jugging' - ursprünglich meist mit Wildbret zubereitet, hier stattdessen mit Huhn, das Prinzip der Bindung mit dem eigenen Blut des Tieres bleibt gleich.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Ain Item furhessen mach also . wiltu machen ein furhessen von hennen So nym den schwaisz dauon vnd hack ain huon daran fur ain apffel vnd hack ain zwifel klain vnd schwaiss In rain vnd thue In daran .
furhessen

Wörtlich 'vor-essen' - bezeichnet die Vorspeise beziehungsweise den ersten Gang eines Festmahls, nicht den Namen eines bestimmten Gerichts (naheliegende, aber falsche Lesart: 'für den Fürsten'). Unter diesem Gang-Namen wurde im Korpus meist ein blutgebundenes Schmorgericht serviert (englisch 'jugging'), vergleichbar mit dem französischen Civet - ursprünglich meist mit Wildbret zubereitet, hier auf Huhn übertragen.

schwaisz

Eigentlich Jägersprache für das Blut des erlegten Wilds ('Schweiß'), hier auf das Blut des geschlachteten Huhns übertragen und als Bindemittel der Sauce genutzt. CoReMA markiert diese Zuordnung im Sachglossar mit dem Modifier 'excl', der laut Projektkonvention eigentlich 'ausdrücklich ausgeschlossen' bedeutet - der Transkripttext enthält an dieser Stelle aber keine Verneinung, sondern eine affirmative Anweisung ('So nym den schwaisz dauon'), was eher auf eine editionsinterne Unsicherheit bei der Wikidata-Verknüpfung hindeutet als auf einen echten inhaltlichen Widerspruch. Die böhmische Parallele sev-010 ('krev... neb od slepice' - Blut vom Hasen oder vom Huhn) stützt zusätzlich die wörtliche Blutlesung.

fur ain apffel

Wahrscheinlich ein Größenvergleich (die Hühnerstücke sollen etwa apfelgroß gehackt werden). Nicht abschließend geklärt: Die CoReMA-Rohglossen taggen 'apffel' hier ohne den im Korpus sonst für reine Größenvergleiche verwendeten Modifier 'comp', und im selben Buch gibt es zwei Parallelen mit echtem, klein gehacktem Apfel als Zutat (mha-023, mha-046). Ob hier auch ein tatsächlicher Apfel gemeint sein könnte, bleibt offen. Falls ein Größenmaß gemeint ist: Ein mittelalterlicher Apfel war kleiner als heutige Tafeläpfel (die großen, süßen Sorten stammen großenteils aus der Züchtung der letzten rund 200 Jahre), das Hühnerstück also kleiner als heute gedacht.

schwaiss (Verb, in 'schwaiss In rain')

Mögliche Homograph-Falle: 'schwaissen' ist im Mittelhochdeutschen auch ein eigenständiges Verb für sanftes Erhitzen/Anschwitzen, belegt im selben Buch bei mha-061 und mha-007 (Zwiebeln in Schmalz beziehungsweise in der Pfanne anschwitzen). Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass sich 'schwaiss In rain' hier nicht auf das Blut, sondern auf die zuvor gehackte Zwiebel bezieht ('In' = ihn, bezogen auf 'zwifel'). Diese Lesart bleibt unbestätigt.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 032r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartfur ain apffel

Gewählte Lesart: Größenvergleich: die Hühnerstücke sollen apfelgroß gehackt werden, ein gängiges Maß in Rezepten dieser Zeit.

Andere mögliche Lesart:

  • 'Anstelle eines Apfels' - ein tatsächlicher Apfel als Zutat. - Die CoReMA-Rohglossen taggen 'apffel' an dieser Stelle wie eine gewöhnliche Zutat (ohne den Modifier 'comp', der im Korpus sonst für reine Größenvergleiche vergeben wird, z. B. bei Krapfen-Vergleichen). Im selben Buch gibt es zudem zwei Parallelen mit echtem, klein gehacktem Apfel als Bindungs-/Geschmackszutat in Brühen und Schmorgerichten: mha-023 ('vnd ain zwifel vnd ain apffel vnd hack das klain') und mha-046 ('Schneid ain apfel lanng vnd klain... thue den apffel darein'). Ob 'fur ain apffel' in mha-048 eher '[dazu] ein Apfel' als 'apfelgroß' meint, ist damit nicht mehr eindeutig zugunsten des Größenvergleichs zu entscheiden und bleibt eine offene Frage.

Lesartschwaiss In rain

Gewählte Lesart: Adverbiale Wendung: das Blut sauber beziehungsweise glatt verrühren, ohne Klümpchen.

Andere mögliche Lesarten:

  • Elliptische Ortsangabe: 'das Blut in ein reines [Gefäß] geben'. - Grammatisch fehlt ein Bezugssubstantiv zu 'rain', ein ausgelassenes Wort wie 'gevess' (Gefäß) wäre möglich, ist aber im Text nicht belegt.
  • 'schwaissen' als eigenständiges Verb für Anschwitzen, bezogen auf die zuvor gehackte Zwiebel, nicht auf das Blut. - 'Schwaissen' ist im selben Buch als Verb für sanftes Erhitzen/Anschwitzen belegt (mha-061: Zwiebeln in Schmalz anschwitzen; mha-007: in einer Pfanne andünsten). Grammatisch könnte sich 'In' in 'schwaiss In rain' auf die zuvor genannte 'zwifel' beziehen statt auf das Blut. Das würde einen bislang nicht übersetzten Anschwitz-Schritt für die Zwiebel bedeuten, ist aber nicht zweifelsfrei von der Blut-Lesart zu unterscheiden.

Lesartschwaisz

Gewählte Lesart: Blut des geschlachteten Huhns, genutzt als Bindemittel der Sauce nach dem Vorbild der Wildbret-Fürhess-Technik.

Andere mögliche Lesart:

  • Bratensaft/Fond statt wörtlichem Blut. - CoReMA markiert die Wikidata-Verknüpfung zu 'chicken blood' an dieser Stelle mit dem Modifier 'excl', der laut Projektkonvention 'ausdrücklich ausgeschlossen' bedeutet. Der Transkripttext enthält an dieser Stelle aber keine Verneinung, sondern eine affirmative Anweisung, was eher für eine editionsinterne Unsicherheit als für einen echten inhaltlichen Widerspruch spricht. Die böhmische Parallele sev-010 erlaubt wörtlich 'krev vod neho, neb od slepice' (Blut vom Hasen oder vom Huhn) in einer strukturgleichen Fleisch-Blut-Zwiebel-Zubereitung und stützt damit zusätzlich die wörtliche Blutlesung. Die Blutlesung bleibt deshalb hier bevorzugt, ohne dass die Frage abschließend geklärt ist.

LesartFehlende Gar-Angabe nach 'thue In daran'

Gewählte Lesart: Das Transkript bricht nach dem Zusammengeben von Huhn, Zwiebel und Blut ab, ohne einen Gar- oder Hitzeschritt zu nennen - vermutlich eine Ellipse, die eine bekannte Zubereitungstechnik voraussetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Nach Vorbild der Zwillingsrezepte m384-030 ('sud es damit') und m384-031 ('sud es mit dem schwais') wird alles - Huhn, Zwiebel und Blut - von Anfang an gemeinsam im Topf gesotten. - Beide echten Fürhess-Zwillinge im Korpus sieden Fleisch und Blut zusammen auf, keiner trennt die Blutzugabe zeitlich vom übrigen Garvorgang. Das Transkript von mha-048 selbst enthält aber kein Gar-Verb - die Angabe bleibt ein Rückschluss aus Parallelstellen, kein direkter Textbeleg.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 032r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Beschaffung): Die eigentliche Zubereitung, Huhn und Zwiebel hacken und mit dem Blut binden, dauert nur wenige Minuten. Frisches Hühnerblut ist aber der Flaschenhals, es ist im Supermarkt nicht erhältlich und muss kühl gelagert sowie zügig verarbeitet werden.
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