Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Willst du ein Fürhess von Hühnern machen, so nimm zuerst das Blut vom Huhn.
Hacke ein Huhn in Stücke, etwa apfelgroß (ein in Rezepten dieser Zeit übliches Größenmaß). Hacke eine Zwiebel fein klein.
Rühre das Blut sauber glatt und gib es zusammen mit der Zwiebel zu dem gehackten Huhn.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| huon / hennen | 1 Huhn | - | - |
| schwaisz | Hühnerblut | Geflügelhof mit eigener Schlachtung, spezialisierter Metzger | Ersatzweise kräftige dunkle Geflügeljus mit einem Schuss Rotwein, wenn kein frisches Blut erhältlich ist - andere Bindung, aber ähnliche Farbe und Charakter. |
| zwifel | 1 Zwiebel | - | - |
Welches Gericht ist das?
'Fürhess' (mhd. vor-essen) bezeichnet ursprünglich die Vorspeise beziehungsweise den ersten Gang eines mehrgängigen Festmahls, nicht den Namen eines bestimmten Gerichts. Unter diesem Gang-Namen wurde im Korpus aber fast immer derselbe Gerichtstyp serviert: ein mit dem eigenen Blut des Tieres gebundenes Schmorgericht, die mittelalterliche Vorstufe des französischen Civet und des englischen 'jugging'. Meist wird die Technik mit Hase oder Wildbret verwendet (vgl. m384-030, m384-031), mha-048 überträgt sie ausnahmsweise auf Huhn - näher am seltenen französischen 'coq au sang' (Hahn in Blutsauce) als am klassischen Wild-Fürhess.
Was fehlt: die Gar-Angabe.
Das Transkript nennt keinen Gar- oder Hitzeschritt, es bricht nach 'vnd thue In daran' (und gib es dazu) ab, ohne zu sagen, wohinein oder wie lange erhitzt wird. Die beiden echten Fürhess-Zwillinge im selben Korpus, m384-030 ('sud es damit') und m384-031 ('sud es mit dem schwais'), sieden Fleisch und Blut von Anfang an gemeinsam auf - das legt nahe, dass auch hier alles zusammen im Topf gegart wurde, ohne dass das Blut separat am Ende zugegeben wird. Sicher belegt ist das für mha-048 selbst aber nicht.
Praxis.
Huhn, Zwiebel und Blut zusammen bei milder Hitze langsam garen, bis das Fleisch durchgegart und die Sauce sämig gebunden ist.
Frisches Hühnerblut ist im normalen Supermarkt nicht erhältlich. Am ehesten fündig wirst du bei einem Geflügelhof mit eigener Schlachtung oder einem Metzger, der noch ganze Tiere verarbeitet. Fehlt das Blut, kannst du ersatzweise mit kräftiger dunkler Geflügeljus und einem Schuss Rotwein arbeiten, die Bindung wird dann anders, aber Farbe und Charakter kommen nah heran.
Eingeschränkt geeignet: Das Hacken und Verrühren selbst dauert nur wenige Minuten, aber frisches Blut ist der Flaschenhals, es muss kühl gelagert und zügig verarbeitet werden. Wer keinen Zugang zu frischem Hühnerblut hat, kann die Ersatzvariante mit Jus und Wein wählen.
Wörtlich 'vor-essen': Fürhess bezeichnet ursprünglich die Vorspeise beziehungsweise den ersten Gang eines Festmahls, nicht ein bestimmtes Gericht. Unter diesem Namen wurde aber meist ein blutgebundenes Schmorgericht serviert, vergleichbar mit dem französischen Civet oder dem englischen 'jugging' - ursprünglich meist mit Wildbret zubereitet, hier stattdessen mit Huhn, das Prinzip der Bindung mit dem eigenen Blut des Tieres bleibt gleich.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Wörtlich 'vor-essen' - bezeichnet die Vorspeise beziehungsweise den ersten Gang eines Festmahls, nicht den Namen eines bestimmten Gerichts (naheliegende, aber falsche Lesart: 'für den Fürsten'). Unter diesem Gang-Namen wurde im Korpus meist ein blutgebundenes Schmorgericht serviert (englisch 'jugging'), vergleichbar mit dem französischen Civet - ursprünglich meist mit Wildbret zubereitet, hier auf Huhn übertragen.
Eigentlich Jägersprache für das Blut des erlegten Wilds ('Schweiß'), hier auf das Blut des geschlachteten Huhns übertragen und als Bindemittel der Sauce genutzt. CoReMA markiert diese Zuordnung im Sachglossar mit dem Modifier 'excl', der laut Projektkonvention eigentlich 'ausdrücklich ausgeschlossen' bedeutet - der Transkripttext enthält an dieser Stelle aber keine Verneinung, sondern eine affirmative Anweisung ('So nym den schwaisz dauon'), was eher auf eine editionsinterne Unsicherheit bei der Wikidata-Verknüpfung hindeutet als auf einen echten inhaltlichen Widerspruch. Die böhmische Parallele sev-010 ('krev... neb od slepice' - Blut vom Hasen oder vom Huhn) stützt zusätzlich die wörtliche Blutlesung.
Wahrscheinlich ein Größenvergleich (die Hühnerstücke sollen etwa apfelgroß gehackt werden). Nicht abschließend geklärt: Die CoReMA-Rohglossen taggen 'apffel' hier ohne den im Korpus sonst für reine Größenvergleiche verwendeten Modifier 'comp', und im selben Buch gibt es zwei Parallelen mit echtem, klein gehacktem Apfel als Zutat (mha-023, mha-046). Ob hier auch ein tatsächlicher Apfel gemeint sein könnte, bleibt offen. Falls ein Größenmaß gemeint ist: Ein mittelalterlicher Apfel war kleiner als heutige Tafeläpfel (die großen, süßen Sorten stammen großenteils aus der Züchtung der letzten rund 200 Jahre), das Hühnerstück also kleiner als heute gedacht.
Mögliche Homograph-Falle: 'schwaissen' ist im Mittelhochdeutschen auch ein eigenständiges Verb für sanftes Erhitzen/Anschwitzen, belegt im selben Buch bei mha-061 und mha-007 (Zwiebeln in Schmalz beziehungsweise in der Pfanne anschwitzen). Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass sich 'schwaiss In rain' hier nicht auf das Blut, sondern auf die zuvor gehackte Zwiebel bezieht ('In' = ihn, bezogen auf 'zwifel'). Diese Lesart bleibt unbestätigt.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
fur ain apffel
Gewählte Lesart: Größenvergleich: die Hühnerstücke sollen apfelgroß gehackt werden, ein gängiges Maß in Rezepten dieser Zeit.
Andere mögliche Lesart:
schwaiss In rain
Gewählte Lesart: Adverbiale Wendung: das Blut sauber beziehungsweise glatt verrühren, ohne Klümpchen.
Andere mögliche Lesarten:
Gewählte Lesart: Blut des geschlachteten Huhns, genutzt als Bindemittel der Sauce nach dem Vorbild der Wildbret-Fürhess-Technik.
Andere mögliche Lesart:
Fehlende Gar-Angabe nach 'thue In daran'
Gewählte Lesart: Das Transkript bricht nach dem Zusammengeben von Huhn, Zwiebel und Blut ab, ohne einen Gar- oder Hitzeschritt zu nennen - vermutlich eine Ellipse, die eine bekannte Zubereitungstechnik voraussetzt.
Andere mögliche Lesart:
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