Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450
Danach abermals vom Bären: Schneide die Pfoten ab. Siede sie sehr gut der Länge nach. Es soll entlang den Zehen geschnitten werden, und gib eine gelbe Pfeffersauce dazu etc.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| beren schnid hend fuss | Bärenpfoten | ⚠ Bären sind in Deutschland und der EU streng geschützt und ihr Fleisch ist nicht legal erhältlich. | - |
| gelen pfeffer | Gelbe Pfeffersauce | - | - |
Welches Gericht ist das?
Ein langsam weichgesottenes, kollagenreiches Extremitätengericht: Bärenpfoten samt Zehen, serviert in gebundener gelber Pfeffersauce. Die Zubereitungslogik ist dieselbe wie bei bindegewebsreichen Teilen, die durch langes Sieden weich werden und deren austretende Gelatine die Sauce mitbindet - vergleichbar mit Eisbein, Schweinshaxe oder Kalbsfuß-Sülze. Das Rezept steht in der Handschrift unmittelbar nach dem Bärenkopf (ka1-025) und setzt damit eine kleine Bären-Rezeptfolge fort.
Die Zerlegung: "nach den zechen".
Die Schwester-Handschrift m384-041 (Cgm 384, Münchner Kochbuchhandschriften) überliefert dieselbe Stelle nahezu wortgleich als nach den czechen und löst sie im kritischen Apparat als "Zehen" auf - die Zehenglieder der Bärenpfote. MHDBDB führt für diese Schreibvariante zusätzlich das Lemma zêhe (Bedeutungsfeld Körper/Gliedmaßen). Küchenpraktisch ist das stimmig: Eine Pfote (hend fuss) hat keine Rippen, wohl aber Zehengelenke, entlang derer sich das weich gegarte Gewebe sauber teilen lässt.
Praxis.
Die Pfoten werden vor dem Garen grob vom Tier getrennt, dann sehr gründlich gesotten - der Text nennt keine Zeitangabe, nur gar wol (sehr gründlich). Praxis-Richtwert: sieden, bis sich das Fleisch von den Knochen löst beziehungsweise mit der Gabel zerfällt, der übliche Gartest für sehnen- und bindegewebsreiches Gargut. Erst danach, im weich gegarten Zustand, wird der Länge nach und entlang der Zehengelenke zerteilt. Dazu kommt eine gebundene gelbe Pfeffersauce (siehe Grundlagen).
Bären sind in Deutschland und der EU streng geschützt und ihr Fleisch ist nicht legal erhältlich. Dieses Rezept dient ausschließlich der historischen Dokumentation und ist nicht zum Nachkochen gedacht.
Nein, dieses Rezept ist nicht für die Lagerküche geeignet. Bärenfleisch ist nicht legal erhältlich, und selbst wenn es das wäre, wäre die aufwendige Zubereitung von Pfoten ein langwieriger Prozess, der nicht praktikabel ist.
'Nach den zechen' meint 'Zehen' - die Zehenglieder der Bärenpfote. Die Schwester-Handschrift m384-041 (Cgm 384) überliefert dieselbe Stelle als 'nach den czechen' und löst sie im kritischen Apparat entsprechend auf; MHDBDB bestätigt für diese Schreibvariante das Lemma zêhe (Bedeutungsfeld Körper/Gliedmaßen).
Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).
Die Form 'beren' kann im Mittelhochdeutschen auch 'Birnen' oder 'Beeren' bedeuten. Im Kontext von 'Hände und Füße schneiden' und 'sieden' ist jedoch eindeutig ein Tier gemeint, hier als 'Bär' interpretiert.
Wörtlich 'Hände und Füße', hier als 'Pfoten' des Bären übersetzt.
Bedeutet hier 'Zehen' (Zehenglieder der Bärenpfote), nicht 'Knochen/Rippen'. Die Schwester-Handschrift m384-041 (CoReMA-Konkordanz) überliefert dieselbe Stelle als 'czechen' und löst sie im kritischen Apparat als 'Zehen' auf; MHDBDB bestätigt für diese Schreibvariante das Lemma zêhe (Bedeutungsfeld Körper/Gliedmaßen).
Bezeichnet hier eine würzige, gebundene Sauce. Die Parallelüberlieferung (m384) verwendet 'galray pfeffer', was eine spezifische Saucenart meint. 'Gelen' (gelb) beschreibt die Farbe dieser Sauce.
Hier nicht adversativ (modernes 'aber'), sondern 'wiederum/abermals' - markiert die Fortsetzung der vorausgehenden Bären-Rezeptfolge (vgl. ka1-025, Bärenkopf mit Pfeffersauce, direkt davor).
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
zechen
Gewählte Lesart: Zehen (der Bärenpfote). Die Schwester-Handschrift m384-041 überliefert dieselbe Stelle als 'czechen' und löst sie im kritischen Apparat als 'Zehen' auf; MHDBDB führt für diese Schreibvariante das Lemma zêhe (Bedeutungsfeld Körper/Gliedmaßen). Küchenpraktisch naheliegend, da eine Pfote Zehengelenke, aber keine Rippen hat.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Gelbe Pfeffersauce. Die Parallelüberlieferung (m384) nennt an dieser Stelle 'galray pfeffer', was eindeutig eine Sauce bezeichnet. 'Gelen' (gelb) beschreibt die Farbe dieser Sauce.
Andere mögliche Lesart:
Garzeit ("gar wol")
Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Zeitangabe, nur 'gar wol' (sehr gründlich). Praxis-Empfehlung: sieden, bis sich das Fleisch von den Knochen löst bzw. mit der Gabel zerfällt - der übliche Gartest für kollagenreiches, sehnenreiches Gargut.
Andere mögliche Lesart:
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