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Gefüllter Kalbsdarm vom Rost

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

RindHauptspeise · RindLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Nimm den Enddarm vom Kalb und mache ihn ganz sauber. Hacke die Lunge und den Speck untereinander und fülle diese Mischung in den Darm. Würze die Füllung und siede den gefüllten Darm. Lege ihn anschließend auf den Rost und brate ihn so.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
arsdarm von dem kalb Kalbsenddarm Metzger (auf Bestellung) Großer Schweinedarm oder Kunstdarm
lungen Kalbslunge Metzger (auf Bestellung) Kalbshackfleisch
speck Speck Metzger, Supermarkt -
bewuertz Gewürze - Salz, Pfeffer, Ingwer, Nelken
(implied) Salz - -
(implied for boiling) Wasser Leitung -

Welches Gericht ist das? Eine Lungenwurst: rohe Kalbslunge und Speck werden gehackt, gemischt, in den gereinigten Enddarm gefüllt, gewürzt und gesotten - erst danach kommt die Wurst zum Bräunen auf den Rost. Damit steht das Rezept in der Tradition der bayerisch-österreichischen Lungenwurst; entfernt verwandt ist auch das Beuschel, das dieselbe Zutatenkombination allerdings als Ragout statt als Wurst verarbeitet.

Zweistufige Garung. Sieden lässt die Füllung im Darm stocken - die Eiweiße der Innereien gerinnen durch die Hitze und fixieren die Form der Wurst -, das anschließende Rösten auf dem Rost sorgt für Farbe und Röstaromen. Dieses Prinzip, erst brühen und dann grillen, entspricht dem bis heute gebräuchlichen Verfahren für Brühwürste, etwa dem Brühen einer Weißwurst vor dem Grillen einer Bratwurst.

Praxis. Der Enddarm muss vor dem Füllen gründlich gereinigt werden - Rückstände verderben sonst den Geschmack der ganzen Wurst. Lunge und Speck werden roh gehackt, gemischt, in den Darm gefüllt und gewürzt, bevor der gefüllte Darm gesotten und danach auf dem Rost gebräunt wird. Enddarm und Lunge sind frische, empfindliche Kalbsinnereien und brauchen eine durchgehende Kühlkette bis zur Verarbeitung am Markttag; Reinigung, Hacken, Füllen und die zweistufige Garung nehmen zudem Zeit in Anspruch.

Was ist ein 'Kalbsenddarm' und wo bekomme ich ihn?

Der 'Kalbsenddarm' (historisch 'Arsdarm') ist der Mastdarm des Kalbes, der als natürliche Wursthülle dient. Du bekommst ihn am besten frisch auf Bestellung bei einem gut sortierten Metzger. Alternativ kannst du auch einen großen Schweinedarm oder einen Kunstdarm verwenden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Enddarm und Lunge sind frische, empfindliche Kalbsinnereien und brauchen eine durchgehende Kühlkette bis zur Verarbeitung am Markttag. Reinigen des Darms, Hacken, Füllen und das zweistufige Garen (Sieden, dann Rösten) sind zudem zeitaufwendig. Die Zubereitung selbst - am offenen Feuer mit Topf und Rost - ist gut machbar, aber die Vorbereitung solltest du fest einplanen.

Welche Gewürze soll ich für die Füllung verwenden?

Das Rezept nennt keine spezifischen Gewürze, sondern nur 'bewürzen'. Typisch für mittelalterliche herzhafte Gerichte wären Salz, Pfeffer und Ingwer. Je nach Geschmack kannst du auch eine Prise Nelken oder Muskat hinzufügen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

brauten Nem den arsdarm von dem von dem kalb vnd mach den gar suber vnd hack die lungen vnd speck vnder ain ander vnd fass in den darm vnd bewuertz vnd sud es vnd leg in den rost vnd braut in also etc.
arsdarm

Der 'Arsdarm' (Enddarm) vom Kalb wurde im Mittelalter häufig als natürliche Wursthülle für größere Würste oder gefüllte Innereien verwendet.

lungen und speck

Die Verwendung von Lunge und Speck als Füllung ist typisch für mittelalterliche Innereienwürste. Lunge war eine preiswerte und nahrhafte Zutat, Speck lieferte Fett und Geschmack.

bewuertz

Mittelalterliche Würzungen für herzhafte Gerichte umfassten oft Salz, Pfeffer, Ingwer und manchmal Nelken oder Muskat.

rost

Ein Rost (Grill) war ein gängiges Kochgerät, um Fleisch oder Würste über offenem Feuer oder Glut zu braten.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Folio
Fol. 111r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbrauten

Gewählte Lesart: 'Braten' als Titel oder einleitende Handlungsanweisung.

Andere mögliche Lesart:

  • Als Verb 'braten' im Imperativ, das sich auf den gesamten Prozess bezieht. - Obwohl möglich, ist die Platzierung am Anfang des Textes ohne Subjekt eher typisch für einen Titel oder eine Überschrift, wie auch in der Parallelüberlieferung zu sehen.

Lesartvon dem von dem

Gewählte Lesart: Die Wiederholung 'von dem von dem' ist ein Schreibfehler und wird als 'von dem' gelesen.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 111r, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125 ("Sermones", [Reichenau], 15. Jh.), Rezeptteil fol. 108r-120r - Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Frische Kalbsinnereien (Lunge, Enddarm als Wursthülle) brauchen eine durchgehende Kühlkette bis zur Verarbeitung am Markttag; Reinigen des Darms, Hacken, Füllen und die zweistufige Garung (Sieden, dann Rösten) sind zeitaufwendig. Am offenen Feuer mit Topf und Rost gut machbar, aber kein Rezept für spontane Zubereitung ohne Kühlmöglichkeit.
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