Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wenn du einen Afterdarm zubereiten willst, so nimm einen Afterdarm von einem Kalb und reinige ihn sehr gründlich. Hacke Lunge und Speck untereinander. Würze gut und reibe es. Und fülle dies in den Darm. Schneide Würste daraus. Und brate sie und gib sie trocken zu essen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain affter darmm aus ainem chalb | Kalbs-Afterdarm | - | Metzger (auf Vorbestellung) | Schweinedarm für Bratwurst |
| lungel | Kalbslunge | - | Metzger (auf Vorbestellung) | Schweinelunge |
| speck | Speck | - | - | - |
| geburcz | Gewürze | - | - | Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat |
Welches Gericht ist das? Eine Lungenwurst im Naturdarm: Kalbslunge und Speck gehackt, gewürzt, im gereinigten Kalbs-Afterdarm gegart und trocken - ohne Sauce - serviert. Ein über mehrere Rezeptbücher belegtes Standard-Genre der spätmittelalterlichen Innereienverwertung (Zwillinge: mha-020, m384-042, rfk-028, m384-069), kein Einzelrezept. Der Vorfahr der heute seltenen, bei traditionellen bairisch-österreichischen Metzgern aber noch erhältlichen Lungwurst; die international bekanntere noch existierende Schwester ist die französische Andouillette.
„reibs“ - durchreiben, nicht kneten. Nach dem Hacken wird die Füllung zusätzlich gerieben bzw. durchgerieben: fein zerrieben, etwa im Mörser oder durch ein Sieb gepresst. Der lexikalische Zwilling mha-020 hat exakt dieselbe Formel („bereibs“) und belegt diese Lesart eindeutig. Es geht nicht um Kneten wie bei einem Teig, sondern darum, Sehnen und Klümpchen aus der Lunge-Speck-Masse zu entfernen, damit sie klumpenfrei in den engen Darm passt.
Fehlender Siede-Schritt gegenüber den Zwillingen. mon-212 springt direkt von „Füllen“ zu „Schneiden und Braten“ - alle vier nächsten Zwillinge (mha-020, m384-042, rfk-028, m384-069) haben an dieser Stelle übereinstimmend einen Siede-Schritt, bevor die Wurst auf den Rost kommt. Ob hier ein Abschreibefehler vorliegt oder bewusst eine direkt gebratene Rohwurst-Variante gemeint ist, lässt sich aus dem Text allein nicht entscheiden.
Praxis. Kalbs-Afterdarm gründlich reinigen. Kalbslunge und Speck fein hacken und zusammen durchreiben, bis die Masse homogen ist. Kräftig würzen, in den Darm füllen und in Portionen abschneiden. Zur sicheren Zubereitung empfiehlt sich - wie bei den Zwillingsrezepten - die Würste vor dem Braten kurz zu sieden: das gart die Füllung schonend durch, lässt das Lungen-Fett-Eiweiß gleichmäßig stocken und macht den Darm reißfester, bevor er der trockenen Hitze des Rostes ausgesetzt wird. Danach auf dem Rost braten und trocken, ohne Sauce servieren.
Diese Innereien sind heute nicht mehr im Standardsortiment von Supermärkten erhältlich. Bestelle sie bei einem Metzger deines Vertrauens vor. Alternativ kannst du Schweinedarm und Schweinelunge verwenden.
Ja, mit Einschränkungen: Hacken, Würzen, Füllen und Braten sind reine Feuertechnik und im Lager gut machbar. Das eigentliche Nadelöhr ist die Beschaffung - Kalbs-Afterdarm und Kalbslunge gibt es nur auf Vorbestellung beim Metzger, keine Alltagsware - sowie die Kühlkette für frische Innereien über die Marktdauer. Das Füllen des Darms braucht zudem etwas Übung.
„Würze gut und reibe es durch.“ Das „Reiben“ meint hier nicht Kneten wie bei einem Teig, sondern das feine Zerreiben bzw. Durchpressen der gehackten Lunge-Speck-Masse - etwa im Mörser oder durch ein Sieb -, um Sehnen und Klümpchen zu entfernen und eine homogene Fülle zu erhalten.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Der Afterdarm ist der Enddarm des Kalbes, der hier als natürliche Wursthülle dient. Er muss vor der Verwendung gründlich gereinigt werden.
Die Lunge des Kalbes, eine Innerei, die in der mittelalterlichen Küche häufig für Füllungen oder Pasteten verwendet wurde.
‚Gewürze‘ - im Mittelalter meist eine Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat und Safran, je nach Verfügbarkeit und Budget des Haushalts.
‚Trocken zu essen‘ bedeutet hier wahrscheinlich, dass die Würste gut durchgebraten oder geröstet und ohne zusätzliche Sauce serviert werden sollen, um eine feste Konsistenz zu erhalten.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain affter darmm aus ainem chalb | calf hindgut Q107246444 |
| lungel | lights (offal) Q1723359 |
| speck | bacon Q11106 |
| geburcz | spice Q42527 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
sneyd wurst dar aus vnd pracz (kein sieden vor dem Braten)
Gewählte Lesart: Direkt-Braten-Variante: mon-212 verzichtet bewusst auf einen Siede-Schritt und brät die rohe Fülle direkt - eine schlankere, direkt gebratene Rohwurst-Variante.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 18.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.