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Mandel-Weinmus

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit15 Min.Portionen2-4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du ein Weinmus von Mandeln machen willst, so nimm einen halben Teil Mandeln. Reibe sie klein und schlage sie mit Rainfal durch.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
1/2 ? tail mandel 250 g Mandeln, gemahlen Supermarkt (Backregal) Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen
wein / reymel Rainfal - ein historischer, aus Süditalien bzw. der Adria importierter Süßwein Ersatz: lieblicher Weißwein, Sherry oder Portwein Moderner Ersatz: ein süßer, kräftiger Weißwein oder trockener Sherry anstelle des historischen Import-Süßweins Rainfal

Welches Gericht ist das? Kein simples Mandelmus mit Reismehl, sondern ein Mandel-Rainfal-Mus: fein geriebene Mandeln werden mit einem edlen, importierten Süßwein durch ein Tuch gestrichen, bis eine glatte, cremige Masse ohne Milch und ohne Ei entsteht - eine frühe, weinfeuchte Verwandte des Marzipans. Geschmacklich und technisch nah verwandt ist die toskanische Kombination aus Mandelgebäck und süßem Dessertwein (Cantuccini e Vin Santo) sowie die klassische Marzipanmasse, die traditionell mit etwas Süßwein statt nur Wasser angerührt wird.

Was wird hier durchgeschlagen? Die Formulierung „slachs mit reymel durich“ bereitete lange Kopfzerbrechen, weil „reymel“ bislang als Reismehl gelesen wurde - trocken lässt sich aber nichts sinnvoll durch ein Tuch schlagen. Reymel ist stattdessen Rainfal, ein aus Süditalien bzw. der Adria importierter Süßwein. Damit ergibt auch der Rezeptname „Weinmus“ endlich Sinn, und die separat gelistete Zutat Wein bekommt ihre Rolle im Ablauf: Die geriebenen Mandeln werden mit dem Wein verrührt und durch ein Tuch oder Haarsieb gestrichen, um Klümpchen zu entfernen - dieselbe Grundtechnik wie bei der Herstellung von Mandelmilch, nur mit Wein statt Wasser.

Wie viele Mandeln? Die Mengenangabe „1/2 ? tail mandel“ ist im Original nicht ganz eindeutig - „tail“ heißt hier vermutlich „Teil“ im Sinn eines Mengenverhältnisses, nicht zwingend „Pfund“. Für die praktische Umsetzung sind rund 250 g gemahlene Mandeln ein guter Richtwert.

Praxis. 250 g gemahlene Mandeln mit einem süßen, kräftigen Weißwein (ersatzweise Sherry) zu einer streichfähigen Masse verrühren und durch ein feines Sieb oder ein Tuch streichen, bis sie glatt und klumpenfrei ist. Kalt servieren - es braucht weder Topf noch Feuer.

Was ist ein ‚Mus‘ in diesem Kontext?

Ein Mus (mhd. muos) ist ein Brei oder eine Paste aus zerstoßenen Zutaten, oft süß.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, Goldstandard. Die Zubereitung ist reine Kalthandwerk - Mandeln reiben und mit Rainfal durch ein Tuch streichen. Es braucht weder Feuer noch Kochtopf noch Kühlung und ist in wenigen Minuten fertig.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, verfasst im bairisch-österreichischen Dialekt.

Was bedeutet ‚reymel‘ im Rezept?

‚Reymel‘ ist keine Mehlsorte, sondern eine Schreibweise von Rainfal (auch Reinfal/Rainval) - einem aus Südeuropa bzw. der Adria importierten Süßwein, der bei Lexer und im Grimmschen Wörterbuch belegt ist und auch in anderen Rezepten des Korpus (mha-021, mon-182) vorkommt. Das erklärt zugleich den Rezeptnamen ‚Weinmus‘: Die geriebenen Mandeln werden mit diesem Süßwein durch ein Tuch gestrichen.

ITem wil dw machen ein wein muss von mandel So nym 1/2 ? tail mandel reyb dye chlain vnd slachs mit reymel durich
muss

‚Mus‘ (mhd. muos) bezeichnet einen Brei oder eine Paste aus zerstoßenen Zutaten, oft süß.

tail (1/2 ? tail mandel)

‚Tail‘ meint hier vermutlich ‚Teil‘ im Sinn eines Mengen- oder Verhältniswortes (vgl. ‚zway tail wein vnd ain tail honig‘ in m5919-019/-050/-020), nicht ‚Teig‘ (wie in mha-151) und nicht sicher ‚Pfund‘. Die genaue Maßeinheit im Original ist unleserlich, markiert durch ‚?‘.

chlain

‚Klein‘ bedeutet hier fein gerieben oder zerstoßen, um eine glatte Konsistenz zu erreichen.

reymel

Nicht Reismehl, sondern Rainfal (auch Reinfal/Rainval): ein aus Südeuropa bzw. der Adria importierter Süßwein, bei Lexer und im Grimmschen Wörterbuch als ‚rainval, la rivuola‘ belegt. Auch in mha-021 und mon-182 (dort als ‚rainval‘) bezeugt - kein Einzelbeleg.

durich (slachs ... durich)

‚Durchschlagen‘ meint hier, die Masse durch ein Tuch oder Sieb zu streichen bzw. zu pressen, um sie von Klümpchen zu befreien und glatt zu machen - die im Korpus stehende Technik der Mandelmilch-/Mandelmus-Herstellung (vgl. bgs-001, bgs-009), nicht bloßes Vermischen.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 073v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesart1/2 ? tail mandel

Gewählte Lesart: Ein halber Teil Mandeln - eine unbestimmte Menge, da die genaue Maßeinheit im Original unleserlich ist (siehe ‚?‘).

Andere mögliche Lesart:

  • Ein halbes Pfund Mandeln. - Wäre ‚Pfund‘ gemeint, wäre analog zum Zwillingsrezept mha-005 (‚nymm zway pfunt mandel‘) die Schreibung ‚pfunt/phunt‘ zu erwarten - nicht ‚tail‘. Diese Lesart bleibt daher unwahrscheinlicher, dient aber als grober Richtwert für die praktische Rezept-Skalierung (siehe Zutatenliste: 250 g).

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 073v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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