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Wildbret im August haltbar machen

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit30 Min.PortionenFür die Konservierung einer größeren Menge WildbretBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du im August Wildbret haltbar machen willst, dann nimm zwei Teile Salz und ein Drittel gekochtes Wasser.

Schneide das Fleisch in Stücke und reibe es gründlich mit Salz ein. Lass es einen halben Tag darin liegen. Wasche es anschließend und lege es in das gekochte Salzwasser, damit es vollständig benetzt wird.

So kannst du allerlei Fleisch im August haltbar machen. Wenn du es kochen willst, dann lass es kurz aufkochen, gieße das Wasser sauber ab und gib frisches Wasser hinzu. Lass es dann ganz gar kochen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
wiltpratt Wildbret Metzger, Wildhändler -
salcz Salz - -
gesotten wasser gekochtes Wasser Leitung -
frisch wasser frisches Wasser Leitung -

Welches Gericht ist das? Kein eigenständiges Gericht, sondern eine reine Konservierungsanleitung: Trockensalzen, dann Einlegen in starke, vorgekochte Salzlake. Das ist die unmittelbare technische Grundlage des heutigen Surfleischs beziehungsweise Selchfleischs im bairisch-österreichischen Raum - dieselbe Zweistufigkeit (erst trocken anpökeln, dann in Lake) findet sich bis heute in der Selch- und Wurstküche sowie bei Corned Beef.

Das Verfahren läuft in zwei Phasen. Zuerst wird das zerteilte Fleisch trocken mit Salz eingerieben und liegt einen halben Tag - das Salz entzieht per Osmose Wasser und löst Blut, deshalb wird danach gewaschen. Erst dann kommt das Fleisch in die separat gekochte Lake: Das Kochen des Wassers löst das Salz vollständig und reduziert Keime, das Fleisch selbst bleibt dabei roh und wird nur eingelegt.

Der letzte Absatz beschreibt nicht einen zusätzlichen Wässerungsschritt vor dem Sieden, sondern den Kochvorgang selbst in zwei Etappen: kurz aufkochen, die erste - stark salzige - Brühe sauber abgießen, mit frischem Wasser auffüllen und erst dann ganz gar kochen. So verliert das Fleisch einen Teil seines Salzes, ohne dass es einen eigenen Wässer-Schritt braucht.

Die Mengenangabe zwei Teile Salz, ein Drittel gekochtes Wasser bleibt unsicher - gemeint ist ein sehr salzreicher, praktisch gesättigter Ansatz, eine genaue Gewichtsangabe lässt der Text nicht zuverlässig zu.

Praxis. Für etwa 500 g Wildbret rund 150 g Salz zum Trockensalzen verwenden, einen halben Tag ziehen lassen, dann gründlich abwaschen. Eine gesättigte Lake aus abgekochtem, wieder erkaltetem Wasser mit reichlich Salz ansetzen und das Fleisch darin vollständig bedecken. Kühl lagern - ein Keller reicht, kein Kühlschrank nötig, die hohe Salzkonzentration ist genau dafür da. Zum Garen das Fleisch kurz aufkochen, die erste Brühe abgießen, mit frischem Wasser auffüllen und fertig gar kochen.

Was bedeutet 'Wildbret im August haltbar machen'?

Dieses Rezept beschreibt eine Methode zur Konservierung von Wildfleisch durch Pökeln. Im August, einem warmen Monat, war die Haltbarmachung von Fleisch ohne Kühlung eine große Herausforderung. Diese Technik ermöglichte es, das Fleisch über längere Zeit zu lagern.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt: Für die Konservierung selbst braucht es keine Kühlung - die stark gesättigte Salzlake ist genau die vormoderne Antwort auf die Sommerhitze und hält das Fleisch auch in einem kühlen Keller. Auf einem Marktstand mit Publikumsverkehr und Tageshitze lässt sich das aber praktisch schwer sauber umsetzen, weshalb die Einstufung eingeschränkt bleibt. Die aktiven Arbeitsschritte selbst sind schnell erledigt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und bietet Einblicke in die damalige Küchenpraxis und Konservierungstechniken.

Was bedeutet 'truffterß' im Rezept?

‚Truffterß‘ bedeutet hier, das Fleisch gründlich mit Salz einzureiben oder zu bestreuen, um den Pökelprozess zu starten. Das eng verwandte Rezept m5919-078 verwendet an derselben Stelle das Wort ‚petrauff‘ (bestreuen) und stützt damit diese Lesart.

ITem wildw in dem augst wiltpratt behalten so nym czway tail salcz das trittail gesotten wasser vnd sneydt das fleysch czw stucken vnd truffterß in dem salcz laß es ein halb taig dar Innen ligen vnd wasch es vnd leg es in das gesotten salcz das eß naß werdt also magstu behalten aller lay fleisch In dem augst als dw es sieden willt so er well es vnd gewß das schon ab vnd gewß frisch wasser dar an vnd laß es dan gar sieden etc.
augst

August. Die Erwähnung des Monats August unterstreicht die Notwendigkeit der Konservierung in wärmeren Monaten ohne moderne Kühlmöglichkeiten.

wiltpratt

Wildbret, also Fleisch von Wildtieren. Im Mittelalter eine wichtige Proteinquelle, die oft durch Jagd erworben wurde.

czway tail salcz salcz das trittail gesotten wasser

Die Mengenangaben 'zwei Teile Salz' und 'ein Drittel gekochtes Wasser' beschreiben ein Verhältnis für eine starke Pökellake. Die Wiederholung 'salcz salcz' ist wahrscheinlich ein Schreibfehler (Dittographie).

truffterß

Einreiben oder Bestreuen mit Salz, hier im Sinne von gründlichem Einmassieren des Salzes in das Fleisch. Der Schreiber selbst markierte das Wort als auffällig (vgl. hand_note_scan). Der Zwilling m5919-078 hat an derselben Stelle 'petrauff es mit saltz' (bestreuen) - stützt unabhängig die Lesart 'einreiben/bestreuen' statt der anachronistischen Bedeutung 'trüffeln'.

gesotten salcz

Gekochtes Salzwasser, also eine Pökellake oder Salzlake, die durch das Kochen haltbarer gemacht wurde.

er well es

Von 'erwellen' (b/w-Wechsel, vgl. Glossar 'erbelten') = kurz aufkochen, aufwallen lassen - nicht 'wässern'. Derselbe Ausdruck taucht im Korpus mehrfach auf (u.a. mon-017) und wird dort einheitlich als 'aufkochen lassen' übersetzt: Der letzte Absatz beschreibt den zweistufigen Kochvorgang (aufkochen, Brühe abgießen, mit frischem Wasser fertig garen), nicht einen separaten Entsalzungsschritt vor dem Sieden.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 029r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwildw

Gewählte Lesart: ‚willst du‘ - eine gängige frühneuhochdeutsche Kontraktion der Anrede.

Lesartczway tail salcz salcz das trittail gesotten wasser

Gewählte Lesart: ‚Nimm zwei Teile Salz und ein Drittel gekochtes Wasser.‘ - Die Wiederholung ‚salcz salcz‘ wird als Dittographie des Substantivs ‚Salz‘ interpretiert, und die Phrase als Mengenangabe für die Bestandteile der Pökellake.

Andere mögliche Lesarten:

  • ‚Nimm zwei Teile Salz, salze das dritte Teil gekochtes Wasser.‘ - Die zweite Instanz von ‚salcz‘ könnte als Verb ‚salze‘ gelesen werden, was jedoch die Mengenangabe für die Pökellake grammatikalisch unklarer macht.
  • ‚Nimm zwei Teile Salz, salze es. Das dritte Teil ist gekochtes Wasser.‘ - Hier würde ‚salcz‘ als Verb für das Trockensalzen dienen, und das gekochte Wasser wäre eine separate Komponente. Dies passt jedoch weniger gut zur späteren Anweisung, das Fleisch in ‚gesotten salcz‘ (gekochtes Salzwasser/Brine) zu legen, was die vorherige Zubereitung der Lake impliziert.

Lesarttruffterß

Gewählte Lesart: ‚reibe es ein‘ - Abgeleitet von ‚truffieren‘ im Sinne von einreiben oder einmassieren, was im Kontext des Trockensalzens sinnvoll ist und durch den Zwilling m5919-078 (‚petrauff‘ = bestreuen) an derselben Textstelle gestützt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚stopfe es‘ - Obwohl ‚truffieren‘ auch ‚stopfen‘ bedeuten kann, ist ‚einreiben‘ im Kontext des Salzens plausibler.

Lesarter well es

Gewählte Lesart: ‚lass es (kurz) aufkochen‘ - von mittelhochdeutsch ‚erwellen‘ (b/w-Wechsel, vgl. Glossar ‚erbelten‘) = aufwallen/aufkochen lassen. Cross-Referenz mon-017, wo dieselbe Form korrekt als ‚aufkochen lassen‘ übersetzt ist.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 029r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Kühlung): Die Pökelung in Salzwasser erfordert eine durchgehende Kühlung, besonders im August. Für die Lagerküche ist dies nur mit einem gut funktionierenden Kühlschrank oder Eiskeller über längere Zeiträume machbar. Die aktiven Arbeitsschritte sind jedoch schnell erledigt.
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