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Falsche Birnen aus Mandelmasse

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit30 Min.Portionen6-8 kleine Birnen (Fingerfood)BuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm Weinbeeren (Rosinen) und reinige sie gründlich. Nimm geschälte Mandeln dazu und stoße alles miteinander durch.

Mische Ingwer und Zucker darunter. Wenn das geschehen ist, forme die Masse von Hand wie eine Birne.

Stecke danach ein Mandelstück unten hinein, als Stiel.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
weinper Rosinen - -
geschelten mandel Geschälte Mandeln - Für die Masse reichen fertig gemahlene Mandeln aus dem Supermarkt; für den Stiel am Ende ein ganzes Mandelstück verwenden.
ymgwerr Ingwer - -
czucker Zucker - -

Welches Gericht ist das? Eine von Hand geformte Mandel-Rosinen-Masse, mit Ingwer und Zucker gewürzt, zur Birne geformt und mit einem Mandelstück als Stiel versehen - ein Schaugericht nach demselben Prinzip wie moderne, naturgetreu geformte Marzipanfrüchte (etwa die sizilianische Frutta Martorana oder die deutsche Marzipankartoffel). Die Bindung entsteht rein mechanisch: Beim Stoßen im Mörser tritt Öl aus den Mandeln aus, während die Rosinen mit ihrem eigenen Zucker kleben - zusammen mit dem zugesetzten Zucker ergibt das eine formbare, kalt verarbeitete Paste, ganz ohne Hitze oder Bindemittel.

Im selben Kochbuch findet sich mit den „falschen Morcheln" (mon-148) ein fast wortgleicher Zwilling: Rosinen und Mandeln werden dort ebenso gestoßen, mit Ingwer und Zucker gewürzt und von Hand geformt. mon-148 lässt die Trauben zusätzlich durch ein Sieb passieren - hier entfällt das, was dazu passt, dass mit weinper hier bereits kernlose, getrocknete Rosinen gemeint sind statt frischer Trauben mit Kernen.

Das Mandelstück wird laut Text vntten (unten) in die geformte Birne gesteckt - nicht an der Spitze, wie man erwarten könnte. Ob damit die Handposition beim Formen gemeint ist oder tatsächlich das dem Birnenstiel gegenüberliegende Ende, lässt der Text offen; für das Ergebnis macht es keinen Unterschied, an welchem Ende das Mandelstück sitzt.

Praxis. Geschälte Mandeln und Rosinen im Mörser oder mit dem Wiegemesser fein zerkleinern, bis eine formbare Masse entsteht; Ingwer (gemahlen oder fein gerieben) und Zucker untermischen. Von Hand zu kleinen Birnen formen und je ein Mandelstück als Stiel hineinstecken. Kein Feuer nötig, in 20 bis 30 Minuten fertig - alle Zutaten sind trocken und lagerfest, ideal für die Lagerküche. Mengenangaben fehlen im Original; am besten Ingwer und Zucker schrittweise nach Geschmack zugeben, bis die Masse formbar und ausgewogen gewürzt ist.

Warum wird die Mandelmasse wie eine Birne geformt?

Das ist ein sogenanntes Schaugericht oder Illusionsessen: eine unscheinbare Mus-Masse wird so geformt, dass sie wie ein anderes Lebensmittel aussieht. Solche Täuschspeisen waren an mittelalterlichen Tafeln beliebte Unterhaltung. Im selben Kochbuch gibt es mit den „falschen Morcheln" ein sehr ähnliches Verfahren.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, sehr gut sogar. Es braucht kein Feuer, nur ein Hackbrett oder einen Mörser zum Zerkleinern und die Hände zum Formen. In etwa 20 bis 30 Minuten fertig, alle Zutaten sind trocken und lagerfest.

Was ist der 'Stiel' aus Mandel am Ende des Rezepts?

Ein einzelnes Mandelstück wird unten in die geformte Birne hineingesteckt, damit sie einer echten Birne mit Stiel ähnelt. Das ist der letzte Schliff der kleinen Täuschspeise.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

ITem nym walisch weinper vnd sauber dy schon vnd nym geschelten mandel stoz das durch ein anderen musch dar vntter ym= gwerr vnd czucker so dw das getan hast so machs vntter der hantt als ein pieren dar= nach stoß den mandel dar In vntten fur + denn stingell etc.
pieren

Birne - hier nur als Formvorbild genannt, keine echte Zutat des Rezepts.

stingell

Stiel - das Mandelstück, das der geformten Birne ihren Stiel verleiht.

musch

vom Verb 'mischen' - hier: die zerstoßenen Zutaten gründlich untereinander vermengen.

ymgwerr

Ingwer - bestätigt durch die CoReMA-Sachglosse zu diesem Rezept (Wikidata Q15046077).

vntten

unten, wörtlich - hier: das Mandelstück wird unten in die geformte Masse gesteckt, als Stiel.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 085v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvntten

Gewählte Lesart: Wörtlich „unten" - das Mandelstück wird unten in die geformte Birne hineingesteckt.

Andere mögliche Lesart:

  • Denkbar wäre auch eine formtechnische Deutung: „unten" bezieht sich auf die Handhaltung beim Formen, nicht auf die botanische Ausrichtung der fertigen Birne (deren Stiel natürlicherweise oben sitzt). - Zwei weitere Belege im Mondseer Kochbuch verwenden vntten konsequent räumlich-wörtlich als „unten" (mon-157: „oben vnd vntten"; mon-160: „vntten auff dy schussel") - keiner stützt eine übertragene Lesart. Ob der Schreiber die Birnenanatomie bewusst ignoriert oder schlicht die Handposition beim Formen meint, bleibt offen.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 085v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Kein Feuer nötig, nur Hacken/Stoßen der Mandeln und Formen von Hand, in etwa 20-30 Minuten fertig. Alle Zutaten sind trocken und robust, keine Kühlung nötig.
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