Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du eine besonders köstliche Speise machen, nimm guten Wein, Essig, Honig und gutes Lebzelten und zerstoße das alles im Mörser miteinander, bis sich die Zutaten vermengen.
Streich die Masse danach durch ein Tuch, damit sie glatt wird.
Sied es auf und gieß es danach in ein Gefäß.
Iss es, wenn es kalt geworden ist.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| guetten wein | Wein | - | - |
| esseich | Essig | - | - |
| honig | Honig | - | - |
| guett leczelten | gutes Lebzelten | Bäckerei, Feinkosthandel, online | Ungefüllter Lebkuchen ohne Schokoladenüberzug |
Welches Gericht ist das?
Eine kalte, süß-saure Wein-Essig-Honig-Soße, die ihre Bindung und Würze allein aus aufgelöstem Lebzelten (Gewürzhonigkuchen) bezieht - keine Mehlschwitze, kein geriebenes Brot. Die Technik ist eine Vorstufe der bis heute bekannten Lebkuchen-Sauerbraten-Soße und bairisch-österreichischer Lebkuchen-Wildbret-Soßen. Im Mondseer Kochbuch selbst findet sich mit mon-053 ein nahezu wortgleicher Zwilling (gleiche vier Zutaten, gleiche Schrittfolge) - die Salse gehört zu einer feststehenden Formel des Küchenrepertoires, nicht zu einem Einzelfall. Weitere Verwandte sind die 'Galray'-Kaltsalsen m384-036 und m384-037, die statt Lebzelten gewürztes Pfefferbrott als Binder verwenden.
Das Lebzelten als Binder und Gewürzträger.
Der dichte, gewürzte Honigkuchen muss mechanisch aufgebrochen werden, damit sich seine Krume in der Flüssigkeit verteilt - deshalb zuerst Mörsern, dann Durchstreichen durchs Tuch, das die verbliebenen groben Krumen- und Gewürzstücke entfernt und erst die gießfähige, glatte Soße liefert. Das Lebzelten übernimmt damit eine Doppelfunktion: Bindemittel (wie sonst geriebenes Brot) und Gewürzträger zugleich, da die im Kuchen enthaltenen Gewürze in die Soße übergehen. Diese Technik ist im Mondseer Kochbuch mehrfach belegt, keine Einzelerfindung für dieses Rezept.
Praxis.
Wein, Essig, Honig und ein Stück Lebzelten im Mörser (oder in einer Schüssel mit Löffel) zerstoßen, bis sie sich vermengen. Die Masse durch ein sauberes Tuch streichen, damit nur die glatte Flüssigkeit übrigbleibt. Kurz aufkochen, dann in ein Gefäß gießen und kalt werden lassen. Da die Soße kalt serviert wird, entfällt jede Warmhalte-Logistik - ideal auch für die Lagerküche. Mengenverhältnisse gibt der Text nicht vor: mit gutem Wein, mildem Essig und genug Honig für die süß-saure Balance experimentieren, das Lebzelten dosiert man nach gewünschter Bindung.
Lebzelten ist ein gewürzter Honigkuchen, die Vorform des heutigen Lebkuchens. Fertigen, ungefüllten Lebkuchen ohne Schokoladenüberzug gibt es in der Bäckerei, im Feinkosthandel oder online - er wird hier klein zerstoßen und in der Soße aufgelöst.
Ja, uneingeschränkt. Alle Zutaten sind bei Raumtemperatur unbedenklich, die Zubereitung dauert keine halbe Stunde, und die Soße wird ohnehin kalt gegessen - ein perfektes Lager-Rezept.
Das Durchstreichen durch ein Tuch (ähnlich einem Käsetuch) entfernt grobe Krumenreste des Lebzeltens und macht die Soße glatt und gleichmäßig - eine gängige Klärtechnik für Saucen in dieser Zeit.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Belegtes Wort: mittelniederdeutsch 'kostel/kustel' (kostbar, wertvoll, köstlich), MHDBDB-Lemma 'koste'. Der engste Zwilling mon-053 verwendet 'kostel' substantivisch ('guettew kostel' = eine gute Köstlichkeit). 'ein besunders ckostel' meint damit 'eine besonders köstliche [Speise]' - die einleitende Ankündigung des Rezepts, keine eigene Zutat oder ein unbekannter Gerichtsname.
Lebzelten, ein gewürzter Honigkuchen (Vorform des Lebkuchens). Wird hier nicht gegessen, sondern in der Soße aufgelöst und dient als Bindemittel und Gewürzträger zugleich.
Schreibung für 'sewd es' (sied es, koche es auf) - gestützt durch den Zwilling mon-053, der an derselben Satzposition wörtlich 'vnd sewd es vnd so gewss dar nach' liest, sowie durch das korpusweite Idiom 'sewd(cz)/sewt ... an dy stat(t)' (mon-047, mon-048, mon-134, mon-224, mon-225).
Essig, hier zusammen mit Honig für die süß-saure Balance der Soße.
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