Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du Fisch wie einen echten Braten zubereiten, so mache in der Fastenzeit einen falschen Rehbraten daraus.
Nimm Fisch, gleich welcher Art, und entferne Gräten und Schuppen. Hacke das Fischfleisch klein und reibe Brot darunter. Würze das Ganze gut und forme es in einer Form wie einen echten Braten.
Lege den geformten Braten in eine Pfanne und lass ihn kurz aufwallen. Nimm dann einen Spieß, stecke den Braten daran und spicke ihn mit rohem Hechtfleisch. So wird daraus ein guter, echter Braten.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| welcherlay visch | Fisch, beliebige Sorte | - | Zander, Karpfen oder Wels eignen sich gut zum Hacken |
| prott | geriebenes Brot | - | - |
| geburcz | Gewürze | - | Übliche Mischung aus Pfeffer, Ingwer und Muskat |
| gruenn hechten prat | rohes Hechtfleisch zum Spicken | Fischhändler | Zanderfilet, falls kein Hecht erhältlich ist |
Welches Gericht ist das? Ein „Braten", der ganz aus Fisch besteht, aber aussehen und sich anfühlen soll wie ein echter Rehbraten: entgrätetes, gehacktes Fischfleisch, mit geriebenem Brot gebunden, gewürzt, in eine Rehbraten-Form gepresst, kurz erhitzt und mit rohem Hechtfleisch gespickt - so wie sonst Speck in einen mageren Wildbraten eingezogen wird. Das eng verwandte Zwillingsrezept ri15632-002 bestätigt fast wortgleich dasselbe Verfahren (entgräten, hacken, Brot einreiben, würzen, in eine Bratenform bringen, aufspießen) und zeigt dabei, dass mit der Bratenform tatsächlich ein reales, wohl hölzernes Rehbraten-Model gemeint ist, kein bildlicher Ausdruck. Das Namensmuster „falsch + Wildtier" für ein Substitutgericht lebt bis heute im deutschen „Falschen Hasen" fort - mon-267 ist dessen Fasten-Vorfahre, nur mit Fisch statt Rind oder Schwein als Grundlage.
Erbels - das Aufwallen in der Pfanne. Bevor der geformte Fisch-Braten aufgespießt wird, kommt er kurz in die Pfanne und wird „erbelst", also aufgekocht bzw. aufwallen gelassen. Der Text nennt dabei kein Wort für eine zugegebene Flüssigkeit; im übrigen Korpus steht „erbelten" sonst für das Aufkochen einer bereits vorhandenen Sauce oder Sülze. Für die Praxis empfiehlt sich trotzdem, etwas Wasser oder milden Fischsud in die Pfanne zu geben und den geformten Braten darin kurz zu pochieren - das festigt seine Oberfläche und Form, bevor er aufgespießt und gespickt wird.
Spicken und Fertiggaren am Spieß. Nach dem Spicken mit rohem Hechtfleisch endet der Transkript-Text unmittelbar, ohne ein eigenes Verb für ein abschließendes Braten zu nennen - anders als das Zwillingsrezept ri15632-002, das ausdrücklich ergänzt „brate es ausreichend". Da der Braten ohnehin auf den Spieß gesteckt wird, ist ein abschließendes Rösten über der Glut die naheliegende Fortsetzung: Es gart auch die eingespickten rohen Hechtstreifen durch. Rohes Süßwasserfischfleisch birgt beim Verzehr ein reales Parasitenrisiko (etwa Fischbandwurm) - der Braten sollte deshalb vor dem Servieren vollständig durchgegart werden, auch wenn der Text diesen letzten Schritt nicht eigens ausformuliert.
Praxis. Zander, Karpfen oder Wels lassen sich gut entgräten und klein hacken. Geriebenes Brot bindet die Masse, ohne dass es eine Mehlschwitze braucht - anschließend gut würzen und von Hand (oder in einer behelfsmäßigen Form) zu einem länglichen, bratenähnlichen Stück formen. Das Stück kurz in wenig Wasser oder mildem Fischsud in der Pfanne pochieren, dann auf einen Spieß stecken, mit rohen Hechtfleischstreifen spicken und über der Glut braten, bis auch die Hechtstreifen durchgegart sind.
An Fastentagen war Fleisch verboten, Fisch aber erlaubt. Solche Illusionsgerichte erlaubten es, optisch einen herzhaften Braten auf die Tafel zu bringen, obwohl nur Fisch verwendet wurde - ein beliebter Trick der mittelalterlichen Festküche.
Ja, mit etwas Vorbereitung: Fisch entgräten und hacken braucht Zeit und ein scharfes Messer, aber Formen, das kurze Aufwallen-Lassen in der Pfanne und Spicken am Spieß über der Glut lassen sich gut am Feuer zeigen - gerade das sichtbare Formen und Spicken macht es zu einem echten Schaugericht. Frischen Fisch am Markttag besorgen.
Spicken heißt, dünne Streifen einer anderen Zutat (hier rohes Hechtfleisch) in den Braten einzustecken - ursprünglich eine Technik, um mageres Fleisch mit Fett zu durchziehen. Hier dient es der optischen Marmorierung des Fisch-Bratens.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
‚Rech-' verweist auf Reh (Rehbraten). Das Rezept ist ein Fasten-Imitat: ein Braten, der wie Rehfleisch aussieht, aber ganz aus Fisch besteht.
Gräten und Schuppen des Fisches, die vor dem Hacken entfernt werden - sie sind kein Bestandteil der fertigen Speise.
Hier ‚Fischfleisch/-stück', nicht Braten im heutigen Sinn. ‚hechten prat' meint entsprechend Hechtfleisch.
Vom Verb ‚erbelten' (erwellen) - kurz aufkochen bzw. aufwallen lassen, bevor der geformte Fischbraten weiterverarbeitet wird.
Bedeutet hier ‚roh', nicht die Farbe Grün - eine bekannte Lesefalle im Mittelhochdeutschen.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
erbels
Gewählte Lesart: Nach dem Korpus-Glossar als ‚erwelle/lass aufwallen' gelesen - der geformte Fisch-Braten wird in der Pfanne kurz erhitzt, bevor er auf den Spieß kommt.
Andere mögliche Lesart:
erbels - Medium in der Pfanne
Gewählte Lesart: Für die Praxis empfiehlt sich, etwas Wasser oder milden Fischsud zuzugeben und den geformten Braten darin kurz zu pochieren.
Andere mögliche Lesart:
czam
Gewählte Lesart: Als ‚forme es passend/zusammen' gelesen, bezogen auf das Zurechtformen der Fischmasse in der Bratenform - gestützt durch das Zwillingsrezept ri15632-002, das an derselben Stelle ‚mach daz zw sammen ... in die furem holtzer alz ein rech praten' liest (‚zusammen' statt ‚zahm').
Andere mögliche Lesart:
gruenn
Gewählte Lesart: Als ‚roh' gelesen, wie im Korpus-Glossar belegt (gruey/gruen = roh) - das Hechtfleisch zum Spicken wird ungegart verwendet.
Andere mögliche Lesart:
Fertiggaren am Spieß
Gewählte Lesart: Der Braten wird nach dem Spicken über der Glut fertig gebraten, bis auch die rohen Hechtstreifen durchgegart sind - das gebietet schon die Genießbarkeit des rohen Süßwasserfischfleischs.
Andere mögliche Lesart:
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