Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445
Nimm gut gesottene Krebse, ziehe die Schalen ab und brich die Beine davon. Die entschälten Krebse sind das Fleisch deines Gerichts.
Nimm zusätzlich weitere Krebse für die Sauce. Schneide ihnen die Augenpartie ab und nimm die Mägen heraus.[1]
Siede die herausgenommenen Innereien gut, stoße sie im Mörser fein zerquetscht und schlage sie durch ein feines Tuch mit Wein oder Essig.[2] Würze und färbe die Sauce nach Belieben (klassisch mit Safran).
Reiche die entschälten Krebse in dieser Krebs-Pfeffer-Sauce an. Das ist eine fremde Speise.[3]
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| recht gesoten krebiß | 1 kg lebende Flusskrebse, gut gesotten (für das Fleisch der Tafel) | Fischzucht, Frischfisch-Markt | Garnelen oder Kaisergranat |
| ander krebsse | 500 g zusätzliche Krebse (zur Saucen-Gewinnung) | Fischzucht, Frischfisch-Markt | Krebsfond aus Schalen-Resten |
| wyne oder mit eßige | 250 ml Weißwein oder Weinessig | - | - |
| ferbe sie | 1 Prise Safran (zum Färben) | Gewürzhandel | - |
| würze (impliziert) | Pfeffer, Ingwer, Salz (nach Geschmack) | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine Krebs-Pfeffersauce, in der die gegarten Schwanzfleisch-Stücke serviert werden - der direkte Urahn der modernen Sauce Américaine und der klassischen Krebs- bzw. Hummerbisque (Escoffier 1903). Mhd. pesser (Pfeffer) meint hier nicht das Gewürz allein, sondern die ganze Gattung der gebundenen, würzigen Saucen.
Die Sauce aus den Innereien. Hinter den Augen des Krebses sitzen Kaumagen (mit sandigem Magenstein) und vor allem die Hepatopankreas, das fett- und proteinreiche „Leberchen" - in der modernen Hummerküche als Tomalley hoch geschätzt. Mhd. slag sie dorch („schlage sie durch") meint: die gegarten Innereien im Mörser zerquetschen und mit Wein oder Essig durch ein feines Tuch passieren. Der Sand und die harten Stücke bleiben im Tuch, das konzentrierte Krebsfett passiert.
Bindung ohne Mehl. Die freigesetzten Lipide und Proteine der Hepatopankreas, von der Säure aus Wein oder Essig denaturiert, binden zu einer sämigen Emulsion - ganz ohne Mehl oder Stärke. Genau dieses Prinzip nutzt die Sauce Américaine bis heute. Gefärbt wird mit Safran (gelb-gold).
Praxis. 1 kg Krebse gut sieden, das Schwanzfleisch auslösen (das ist die Einlage). Von weiteren ~500 g Krebsen die Köpfe öffnen, die Augenpartie wegschneiden, das Innere herausnehmen, kurz mitsieden, dann im Mörser zerstoßen und mit ~250 ml Weißwein oder Weinessig durch ein feines Tuch passieren. Mit Pfeffer, Ingwer und Salz würzen, mit einer Prise Safran färben, das Schwanzfleisch in der warmen Sauce anrichten. Statt Edelkrebs gehen Kaisergranat oder als Notlösung ein Krebsfond aus den ausgekochten Schalen. Eng verwandt ist rfk-008 (gefüllte Krebse) sowie der Münchner Krebspfeffer aus rohen Krebsen.
Die Hepatopankreas (Mitteldarmdrüse) der Krebse enthält große Mengen Lipide (Fette) und Proteine. Beim Garen und Zerquetschen werden diese frei. Säure aus Wein oder Essig denaturiert die Proteine, sie wirken als Emulgatoren und binden das freigesetzte Fett zu einer stabilen, sämigen Emulsion. Astaxanthin aus eventuell mitverarbeiteten Schalenstücken sorgt für die rote Farbe. Resultat: dicke, glänzende, intensiv aromatische Sauce - komplett ohne Mehl oder Stärke.
Verfahrenstechnisch identisch. Escoffiers Sauce Américaine (kodifiziert 1903, Le Guide Culinaire) und die klassische Hummerbisque bauen auf demselben Hepatopankreas-Lipid-Trick auf. Der Mittelrhein-Koch von 1445 nutzt das Prinzip empirisch - ohne Mikroskop, ohne Chemie-Lehrbuch, durch Werkstatt-Wissen. Das Rezept ist eines der frühesten dokumentierten Belege für diese Technik im deutschsprachigen Raum.
Idealerweise der heimische Edelkrebs (Astacus astacus) - er hat eine besonders große, wohlschmeckende Hepatopankreas. In der Praxis funktionieren auch nordamerikanische Signalkrebse (häufiger im Handel) oder Kaisergranat (Norway lobster). Garnelen sind grenzwertig - zu wenig Innereien pro Tier.
Aus dem Rheinfränkischen Kochbuch (Ms. germ. fol. 244, fol. 286r), entstanden um 1445 in der Mittelrhein-Region. Die Handschrift liegt in der Staatsbibliothek zu Berlin.
„Pfeffersauce zu Krebsen“ - mhd. an hier in der Bedeutung „zu / passend zu“ (Beilage-/Pairing-Bezeichnung), nicht „von“ als Hauptzutat-Angabe. Die Sauce begleitet die Krebse, ist aber selbst aus Krebs-Innereien gemacht.
„Siede die Mägen“ - mhd. Imperativ sied (gekürzt zu sut) von sieden. Die Krebsmägen werden gegart, bevor sie zerstoßen und durch das Tuch passiert werden.
Sammelbegriff für die Innereien hinter den Augen - anatomisch umfasst das den Kaumagen (mit Magenstein/Gastrolith) und die Hepatopankreas (Mitteldarmdrüse, das eigentliche Aroma-Kraftwerk). Die Hepatopankreas ist heute als „Tomalley“ in der Hummerküche hoch geschätzt.
„Schlage sie durch [ein Tuch] mit Wein oder Essig“ - die Innereien werden im Mörser zerquetscht und mit Säure durch ein feines Sieb-Tuch passiert. Der Sand und harte Teile bleiben im Tuch, das hochkonzentrierte Krebsfett passiert als natürlicher Saucenbinder.
Verarbeitungs-Schritt mit unsicherer Bedeutung - möglicherweise „bewahre sie“ (= sichere), „bewere sie“ (= würze) oder eine Variante. Parallelkonstruktion zu „ferbe sie“ deutet auf einen Würz-/Verfeinerungs-Schritt.
„Entschälte Krebse“ - Partizip von mhd. schalen (Schale abziehen). Die fertig entschalten Krebse vom Anfang des Rezepts werden mit der Sauce zusammengeführt.
„Fremde Speise“ - rheinfränkische Schreibvariante mit y für kurzes e. Der Schreiber kennzeichnet damit ein außergewöhnliches Schau-Rezept (gleicher Selbst-Kommentar in rfk-003 und rfk-055).
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