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Brouet rappé - passierter Eintopf von Kalb und Geflügel

Le Viandier de Guillaume Tirel, dit Taillevent · Frankreich · 1300

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4-6 PersonenBuchLe Viandier de Taillevent (~1300)

Für einen passierten Eintopf nimm Kalb- und Geflügelfleisch, in Stücke zerteilt. Brate es in einem Topf in Schweineschmalz an. Gib Rinderbrühe hinzu und lasse Brot darin einweichen. Seihe die Flüssigkeit durch. Füge Paradieskörner und Ingwer hinzu, ohne weitere Gewürze, in ausreichender Menge. Wenn der Eintopf fertig ist, gib Verjus (Saft unreifer Trauben) oder Stachelbeeren darüber.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
veau Kalbfleisch Metzger -
poulaille Geflügel Metzger -
sain de lart Schweineschmalz - -
bouillon de beuf Rinderbrühe - -
pain Brot - -
grain Paradieskörner Online (z.B. Gewürzhändler) Schwarzer Pfeffer mit einem Hauch Kardamom
gingembre Ingwer - -
vert ius de grain Verjus Feinkostladen, Online Weißweinessig oder Zitronensaft
grouselles Stachelbeeren Wochenmarkt (saisonal), Supermarkt (tiefgekühlt) -

Welches Gericht ist das? Ein brouet rappé - eine brotgebundene, durchgeseihte Brühe (brouet) über angebratenem Kalb- und Geflügelfleisch, am Schluss mit saurem Saft frisch abgeschmeckt. Die Familie ist im Korpus dicht belegt: men-075 (Eintopf mit gegrilltem Fleisch), men-115 (helles Kalbs-Civet), men-235 ("falscher Knurrhahn") und men-106 (weißes Brouet vom Geflügel) teilen dasselbe Grundverfahren - anbraten, mit Brühe und eingeweichtem Brot binden, passieren, mit Ingwer/Paradieskörnern würzen und mit Verjus oder Stachelbeeren säuern.

rappé (im Titel brouet rappe) bezeichnet die Bindung: Brot wird in der Brühe eingeweicht und dann durchgeseiht (coules), sodass eine sämige Sauce entsteht - nicht zu verwechseln mit gerösteter Bindung anderer Brouets.

grain ist hier kein Getreide, sondern die schon erwähnten Fleischstücke (mittelfranzösisch grain = die festen Bestandteile, das "Eingemachte" eines Eintopfs). Die durchgeseihte Brühe wird also über das Fleisch gegeben.

grain in vert ius de grain meint dagegen Trauben: verjus de grain ist Verjus aus unreifen Weintrauben (im Gegensatz zu Verjus aus Sauerampfer). Als saisonale Alternative nennt der Text grouselles - Stachelbeeren, die im Frühsommer dieselbe frische Säure liefern, bevor die Trauben so weit sind.

Praxis. Kalb- und Geflügelfleisch in Stücke schneiden und in Schweineschmalz im Topf anbraten. Mit kräftiger Rinderbrühe ablöschen, eine Handvoll altbackenes Brot einweichen, kurz ziehen lassen und die Bindung durch ein Sieb oder Tuch passieren. Diese gebundene Brühe übers Fleisch gießen, nur mit Paradieskörnern und Ingwer würzen (der Text betont sans autres espices - ohne weitere Gewürze), gar ziehen lassen. Zum Servieren mit Verjus oder zerdrückten Stachelbeeren übergießen.

Was bedeutet 'Verjus' und wo bekomme ich ihn?

Verjus ist der Saft unreifer Weintrauben. Er ist sauer wie Essig, aber fruchtiger und milder im Geschmack. Du findest ihn in gut sortierten Feinkostläden oder online bei spezialisierten Händlern. Alternativ kannst du Weißweinessig oder Zitronensaft verwenden, wobei der Geschmack dann etwas anders ausfällt.

Was bedeutet 'grain' in diesem Rezept?

Das Wort 'grain' wird in diesem Rezept in zwei Bedeutungen verwendet. Im ersten Fall ('du grain / & gingembre') bezieht es sich auf Paradieskörner (Maniguette), ein pfeffrig-kardamomartiges Gewürz, das im Mittelalter häufig verwendet wurde. Im zweiten Fall ('vert ius de grain') meint 'grain' unreife Weintrauben, deren Saft als Verjus verwendet wird, um dem Gericht eine säuerliche Note zu verleihen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist nicht ideal für die Lagerküche. Es erfordert mehrere Kochschritte, das Passieren von Zutaten und die Verwendung von frischem Fleisch, das ohne Kühlung schnell verderben würde. Bereite es am besten zu Hause vor.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus 'Le Viandier de Taillevent', einem der bedeutendsten mittelalterlichen Kochbücher Frankreichs. Es wird dem Hofkoch Guillaume Tirel, genannt Taillevent, zugeschrieben und entstand um 1300, mit späteren Ergänzungen bis ins 15. Jahrhundert. Es bietet Einblicke in die höfische Küche des Spätmittelalters.

Pour brouet rappe / prenes veau poulaille despeces par pieces & mettes souffrire en vng pot en sain de lart & du bouillon de beuf & mettes du pain tramper dedans coules & soit mis du grain / & gingembre sans autres espices assez competamment. Et quant le potaige sera prest / prenes vert ius de grain ou grouselles pour mettre dessus. (Page 10)
brouet rappé

Brotgebundene, durchgeseihte Brühe; das eingeweichte Brot wird passiert und macht die Sauce sämig.

grain

Hier die festen Fleischstücke des Eintopfs (mfrz. 'grain' = das Eingemachte), nicht Getreide. In 'vert ius de grain' dagegen: unreife Weintrauben.

vert ius de grain

Verjus aus unreifen Weintrauben - saures Säuerungsmittel; saisonal durch Stachelbeeren (grouselles) ersetzbar.

Handschrift
Le Viandier de Guillaume Tirel, dit Taillevent
Folio
Fol. 005r
Sprache
Moyen Français (ca. 1300-1400)
Entstehung
Frankreich, 1300

Originalwerk (~1300) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 005r, Bibliothèque nationale de France, Manuscrit Français 19791, Gallica (ark:/12148/btv1b10501680z) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Pichon & Vicaire 1892 (kritische Edition), Project Gutenberg #26567 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Anbraten, Köcheln und Passieren gehen gut am Topf über offenem Feuer; nur frisches Fleisch und ein Sieb/Tuch nötig.
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