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Gefüllter Hecht in eigener Haut

Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350

FischHauptspeise · FischLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofküche
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Buch von guter Speise (~1350)

Nimm einen frischen Hecht. Löse ihm die Haut ganz ab. Siede den Fisch gut und löse die Gräten heraus. Nimm Kräuter und zerstoße sie mit dem gekochten Fisch, gib rohe Eier und Safran dazu, und fülle die Haut des Hechtes wieder. Den Kopf röste ein wenig. Gib es hin.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
einen frischen hechde 1 frischer Hecht Fischhändler -
krut frische Kräuter Supermarkt, Wochenmarkt -
ro eyer 2-3 rohe Eier - -
saffran 1 Prise Safranfäden Supermarkt, Gewürzhandel -

Welches Gericht ist das? Eine mittelalterliche Fisch-Galantine: Die Hechthaut wird unversehrt abgezogen, das gegarte Fleisch zu einer gewürzten Farce zerstoßen und wieder in die Haut gefüllt, sodass am Ende ein scheinbar ganzer Fisch auf dem Tisch liegt. Das ist die direkte Vorfahrin der modernen gefüllten Fischterrine und ein klassisches Schaustück der höfischen Tafel. Im Korpus steht es doppelt - dasselbe Rezept erscheint im Buch von guter Speise ein zweites Mal (bgs-036) - und gehört zur Sippe der gefüllten Hechte (bgs-017, mha-194).

Die Haut abziehen. Nach loese im abe die hut von dem bricht der Satz in dieser Fassung ab. Der Paralleltext im selben Werk (bgs-036) liest an dieser Stelle vollständig als gantz - die Haut also ganz, wie einen Strumpf, vom Fleisch trennen, ohne sie zu zerreißen - am leichtesten vom Kopf her, das Fleisch löst sich nach dem Garen ohnehin. Sie ist die Hülle, in die später die Farce zurückkommt.

Die Farce. Nim krut, stoz ez mit dem vische - gegartes, entgrätetes Fischfleisch mit frischen Kräutern zerstoßen, dann mit rohem Ei und Safran binden und färben. Welche Kräuter, sagt der Text nicht; zeittypisch sind Petersilie, Salbei, Majoran. Das rohe Ei zieht beim Nachgaren an und hält die Füllung zusammen.

Das Garen. Der Text nennt für den letzten Schritt nur ein kurzes Rösten. Ob damit nur der Kopf oder der ganze wiederbefüllte Fisch gemeint ist, lässt die Stelle offen - der Paralleltext im selben Werk (bgs-036) röstet an der entsprechenden Stelle den ganzen gefüllten Fisch kurz, ohne den Kopf gesondert zu erwähnen.

Praxis. Den Fisch häuten, die Haut möglichst ganz erhalten, das Fleisch sieden, bis es gar ist, und gründlich entgräten. Mit frischen Kräutern zerstoßen, mit rohem Ei und einer Prise Safran binden und färben. Die Farce locker zurück in die Haut füllen und den ganzen gefüllten Fisch kurz rösten.

Wo bekomme ich frischen Hecht?

Frischen Hecht erhalten Sie bei gut sortierten Fischhändlern oder auf dem Wochenmarkt. Manchmal ist er auch in größeren Supermärkten mit einer Fischtheke erhältlich. Alternativ kann man auch andere feste Weißfische wie Zander oder Karpfen verwenden, die sich gut entgräten und füllen lassen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, die Zubereitung ist zu aufwendig für eine typische Lagerküche. Das Abziehen der Haut, das Entgräten, die Herstellung der Farce und das anschließende Füllen und Garen des ganzen Fisches erfordern mehr Zeit und Ausrüstung, als im Lager üblich ist. Sie könnten die Farce zu Hause vorbereiten und im Lager nur noch füllen und garen, aber selbst das Garen eines ganzen Fisches über offenem Feuer ist eine Herausforderung. Besser ist es, das Gericht komplett vorzubereiten und im Lager nur noch aufzuwärmen oder kalt zu servieren.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Buch von guter Speise“, einem der ältesten bekannten Kochbücher in deutscher Sprache. Es wurde um 1350 in Süddeutschland, wahrscheinlich im Raum Würzburg, verfasst und gibt Einblicke in die höfische und bürgerliche Küche des Spätmittelalters.

Was bedeutet „krut“ im Rezept?

Im Mittelhochdeutschen bezeichnet „krut“ allgemein eine Pflanze oder ein Kraut. In diesem Rezept ist damit nicht speziell Sauerkraut gemeint, sondern eine Auswahl frischer Kräuter, die zum Würzen des Fischfleisches verwendet werden. Welche Kräuter genau, ist nicht angegeben, aber Petersilie, Salbei oder Majoran wären plausible Optionen für die damalige Zeit.

Ein geriht von vischen. Nim einen frischen hechde, loese im abe die hut von dem suede in gar schone vnd lise vz die grete. vnd nim krut ez mit dem vische, tuo dar zvo ro eyer vnd saffran vnd hut des hechdes wider, vnd daz haubt, daz roest ein wenic gibz hin.
loese im abe die hut von dem

Nach „von dem“ bricht der Satz ab. Der Paralleltext bgs-036 liest hier vollständig „als gantz“ - die Haut ganz, unversehrt ablösen (wie einen Strumpf), damit sie später als Hülle für die Farce dient.

lise vz die grete

Löse die Gräten heraus - der Fisch wird vor dem Stoßen vollständig entgrätet.

krut

Kräuter allgemein, nicht „Kraut/Kohl“. Welche Sorte, lässt der Text offen; zeittypisch Petersilie, Salbei, Majoran.

ro eyer

Rohe Eier - binden die Farce und stocken beim Nachgaren.

daz haubt, daz roest ein wenic

Der Text nennt eigens das Rösten des Kopfes; ob der übrige, wiederbefüllte Körper ebenso oder anders gegart wird, bleibt offen. Der Paralleltext bgs-036 röstet an der entsprechenden Stelle den ganzen Fisch kurz, ohne den Kopf gesondert zu erwähnen.

Handschrift
Daz buoch von guoter spîse
Folio
Fol. 160v
Sprache
Mittelhochdeutsch
Entstehung
Würzburg, 1350

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartloese im abe die hut von dem / suede in gar schone

Gewählte Lesart: Nach „von dem“ bricht der Satz in dieser Fassung ab, es fehlt der Anschluss. Der Paralleltext im selben Werk (bgs-036) liest an dieser Stelle vollständig „als gantz“ - die Haut also ganz, unversehrt ablösen. Dieser Lesart wird hier gefolgt.

Lesartnim krut [stoz] ez mit dem vische / [fülle] die hut des hechdes wider

Gewählte Lesart: An zwei Stellen fehlt in der vorliegenden Textfassung ein Verb (das Zerstoßen und das Füllen). Der Paralleltext im selben Werk (bgs-036) überliefert beide Stellen vollständig mit stoz (zerstoße) und fülle - im Kontext einer Farce-Herstellung die einzig schlüssige Lesart, der hier gefolgt wird.

Lesartdaz haubt, daz roest ein wenic

Gewählte Lesart: Der Text nennt ausdrücklich das Rösten des Kopfes; ob der übrige, wiederbefüllte Körper ebenfalls geröstet wird oder anders gegart, sagt die Stelle nicht ausdrücklich. Der Paralleltext bgs-036 röstet an der entsprechenden Stelle den ganzen wiederbefüllten Fisch kurz, ohne den Kopf gesondert zu erwähnen - dieser einfacheren Lesart (kurzes Rösten des ganzen Fisches) folgt die Praxis-Anleitung hier.

Originalwerk (~1350) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 160v, Universitätsbibliothek München, 2° Cod. ms. 731 (Cim. 4), Open Access LMU
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 1994/2001) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Aufwendiges Schaustück: Haut abziehen, Fleisch garen und entgräten, Farce zurückfüllen und nachgaren. Die einzelnen Schritte (Pochieren, Rösten) sind feuertauglich, aber die unversehrte Rekonstruktion des ganzen Fisches ist Vorführ-Arbeit, die ruhig vorbereitet werden will.
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