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Hecht in gesulzter Mandelmilch

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

FischHauptspeise · FischLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit180 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Um eine gesulzte Mandelmilch zuzubereiten, nimm eine ausreichende Menge Mandeln und lasse sie zweimal gut in einem Mörser zerstoßen. Die Hausenblase soll eine Nacht oder einen Tag lang gut in Wasser oder Wein eingeweicht sein. Lasse nun die Hausenblase sieden und streiche dann die Mandeln und die Hausenblase mit der Brühe miteinander durch. Bereite eine sehr gute, dicke Mandelmilch zu.

Gib gestoßene Muskatblüte und Zimtrinde hinzu, jeweils zu gleichen Teilen. Wenn die Mandelmilch fertig gesotten ist, würze sie mit der Muskatblüte und der Zimtrinde und vermenge alles gut miteinander. Gieße die Masse auf eine breite Schüssel und lasse sie über Nacht stehen.

Willst du, dass es rot sei, so nimm die andere Hälfte und färbe sie zur Hälfte rot. Gieße diesen gefärbten Teil separat auf eine Schüssel. Aus derselben Mandelmilch kannst du auch ‚Kohlen unter Pfifferlingen‘ zubereiten. Aus der weißen Mandelmilch kannst du auch einen Hecht in gesulzter Mandelmilch zubereiten.

Nimm einen Hecht, der nicht zu groß ist, und schneide ihn am Kopf auf. Bereite dir ein Holz vor, mit dem du ihm die Haut lösen kannst, und ziehe ihm die Haut bis zum Schwanz ab, sodass sie ganz bleibt. Löse das gesamte Fleisch sauber davon ab. Ziehe die Haut wieder über das Holz.

Lege die Haut mit dem Kopf und allem in eine große Pfanne mit siedendem Wasser, lasse es gut sieden und salze es. Wenn sie gut gesotten ist, lasse sie in der Pfanne stehen, bis das Wasser darin erkaltet ist. Nimm sie dann heraus und stecke Hölzer in einen Topf, sodass sie gerade herausragen. Richte den Topf so her, dass die Haut darin stehen kann.

Gieße die gesulzte Mandelmilch in die Haut und fülle sie damit. Stelle den Topf beiseite und lasse den Hecht darin fest werden. Wenn er fest geworden ist, schneide ihn in Scheiben, lege das Kopfstückchen dazu und serviere ihn mit Zucker.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
mandel ein genugen Mandeln, gemahlen Supermarkt (Backregal) Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen
hawssen plasen Hausenblase Online-Gewürzhandel, spezialisierter Fischhandel Gelatine (Blattgelatine, 10-12 Blatt)
wasser oder wein Wasser oder Weißwein - -
musca pluedt gestossen Muskatblüte, gestoßen gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
czimerrintten Zimtrinde gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
hechten der nicht czw groß sey 1 Hecht (nicht zu groß) Fischhändler -
salcz Salz - -
czucker Zucker - -

Welches Gericht ist das? Ein spätmittelalterliches Schau- und Fasten-Kunststück: ein Fastenhecht, der wie ein ganzer Fisch aussieht, aber keinen Bissen Fisch mehr enthält. Der Hecht wird intakt enthäutet, sein Fleisch komplett entfernt, und die leere Haut mitsamt Kopf mit gewürzter, per Hausenblase gelierter Mandelmilch zur Fischform wieder aufgefüllt. Das Verfahren ‚Haut ganz abziehen und wieder befüllen‘ ist im Korpus breit belegt (bgs-046, bgs-036, mon-058) - mon-169 ist davon die fleischlose Imitat-Variante. Die gesulzte Mandelmilch selbst ist die Fasten-Schwester heutiger Panna cotta bzw. des Mandelpuddings, hier als schnittfestes Gelee gegossen.

Zweimal stoßen, zusammen durchstreichen. Die Mandeln werden zweimal gemörsert, damit die Mandelmilch sehr fein und dick wird - grobe Stücke bleiben sonst beim Passieren im Tuch. Die zentrale Idee des Rezepts: Die Hausenblase (Kollagen aus der Stör-Schwimmblase) quillt über Nacht in Wasser oder Wein, wird dann ausgekocht, und diese heiße Gelatine-Brühe dient zugleich als Passierflüssigkeit für die Mandeln. So werden Bindemittel und Mandelmasse in einem Arbeitsgang verheiratet. Muskatblüte und Zimt kommen zu gleichen Teilen erst nach dem Sieden hinein, damit die feinen Aromen die Hitze nicht verlieren.

verib si halbe ab - die halbe Rotfärbung. Für den Farbkontrast der Schauplatte wird die andere Hälfte der Masse zur Hälfte rot gefärbt und separat gegossen. verib ist hier kontextabhängig: dasselbe Zeichen kann verrîben (zerreiben) meinen, doch der Folgesatz ‚das es rott sey‘ und die Parallele in mon-177 (‚verb es da mit‘ zum Färben) machen die Färbe-Lesart eindeutig. Period-treue Rot-Töne kommen von Sandelholz oder dem Saft roter Beeren.

Die Haut als Gussform. Der Hecht wird bewusst ‚nicht zu groß‘ gewählt, weil eine große, dünne Haut beim Häuten und Sieden leicht reißt. Am Kopf aufschneiden, mit einem Holz die Haut vorsichtig bis zum Schwanz intakt abziehen, das Fleisch sauber (schon = sauber, nicht schön) ablösen. Die leere Haut mit Kopf wird in siedendem Salzwasser vorgegart - das denaturiert die Hautproteine, sodass die Haut ihre Form hält - und darf im Sud auskühlen, damit sie beim frühen Herausnehmen nicht zerfällt. Dann steckt man Hölzer in einen Topf als Stützgerüst, sodass die Haut aufrecht in Fischform steht, füllt die gesulzte Mandelmilch ein und lässt sie fest werden.

Praxis. Statt Hausenblase 10-12 Blatt Blattgelatine als grobe Startgröße (die Gelierkraft hängt stark vom Verhältnis Gelatine zu Flüssigkeit ab - lieber am fertigen, noch flüssigen Ansatz eine Löffelprobe im Kühlschrank machen, bevor du alles in die Haut gießt). Zwei ehrliche Stolpersteine: Das Vorsieden der leeren Hechthaut misslingt oft, weil die Haut reißt - kleiner Fisch und ruhiges Auskühlen im Sud senken die Ausschussquote, eliminieren sie aber nicht. Und ohne verlässliche Kühlung über Nacht wird die Sülze nicht schnittfest; auf einem warmen Sommermarkt ohne Kaltstellung funktioniert das Gericht schlicht nicht - deshalb Schaugericht, nicht Alltagskost. Zu wenig Bindung und die Füllung fällt beim Anschneiden zusammen, zu viel und sie wird gummiartig. Serviert wird in Scheiben, das Kopfstück dazugelegt, mit Zucker bestreut.

Was ist ‚gesulzte Mandelmilch‘?

Eine ‚gesulzte Mandelmilch‘ ist eine mit einem Geliermittel (hier Hausenblase) gebundene Mandelmilch, die nach dem Erkalten fest wird. Sie war eine beliebte Zutat in der mittelalterlichen Küche, besonders für Fastenspeisen oder um die Optik von Fleischgerichten zu imitieren.

Wo bekomme ich Hausenblase und was ist eine Alternative?

Hausenblase ist heute schwer zu beschaffen, da der Stör unter Artenschutz steht. Manchmal ist sie noch in spezialisierten Online-Gewürz- oder Fischhandelsgeschäften erhältlich. Eine moderne Alternative ist Blattgelatine, wobei etwa 10-12 Blatt Gelatine eine grobe Startgröße für vergleichbare Gelierkraft sind - da die Bindung stark vom Verhältnis Gelatine zu Flüssigkeit abhängt, lohnt eine Löffelprobe im Kühlschrank vor dem Einfüllen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Das Gericht ist zwar ein eindrucksvolles Schaugericht, aber nicht lagertauglich: Die gesulzte Mandelmilch wird nur mit verlässlicher Kühlung über Nacht schnittfest - auf einem warmen Markt ohne durchgehende Kaltstellung funktioniert es schlicht nicht. Hinzu kommen die mehrtägige Vorbereitung (Hausenblase einweichen, sieden, über Nacht gelieren) und das heikle, intakte Enthäuten des Hechts. Für eine Vorführung mit Kühlmöglichkeit ist es großartig, fürs Marktlager ohne Kühlkette ungeeignet.

Wie wurde im Mittelalter Speisen rot gefärbt?

Im Mittelalter wurden Speisen mit natürlichen Farbstoffen gefärbt. Für Rot kam vor allem rotes Sandelholz (Pterocarpus santalinus) zum Einsatz, außerdem der Saft von Kirschen oder Maulbeeren. Diese Farbstoffe wurden in Mandelmilch und andere helle Speisen eingerührt, um eine kräftige rote Schaufarbe zu erzielen.

Was ist ein ‚Mörser‘ in diesem Kontext?

Im mittelalterlichen Kochkontext ist ein ‚Mörser‘ oft ein großer Fleischmörser aus Stein oder Metall, der dazu diente, Fleisch, Fisch oder Nüsse zu einer feinen Farce zu zerstoßen. Für Mandeln kannst du heute fertig gemahlene Mandeln aus dem Supermarkt verwenden oder ganze Mandeln in einem Mixer fein mahlen. Ein kleiner Gewürzmörser ist hierfür nicht ausreichend.

ITem ein gesulzte mandel milich machen nym mandel ein genugen vnd la dy czw mal woll stozzen in ein morsar vnd+ das hawssen plasen ein nacht oder ein tag wol gewaickt sein in einem wasser oder wein nu laß dy hawsen plasen sieden vnd str= eich denn mandel vnd hawsen plasen mit der prue mit ein ander durch vnd mach gar ein guette dicke mandel milich vnd thue musca pluedt gestossen vnd czimerrintten ains als vill als der anderen wan dy man= del milich ab ist gesoten so gburcz es ab mit der musca pluedt vnd mitder czi= merrintten vnd temperiris woll durch ein ander vnd gewß auff ain praittew schussel+ vnd laß vber nacht sten wil dw dan gernn das es rott sey so nym dise ander vnd verib si halbe ab vnd gewß die selbig besunder auff ein schussel von den selben magstu wol machen choll vnder phiffarling von der weissen mandel milich magstu wol gemachen ein hechten in einer gesulczten mandel milich Nym ein + hechten der nicht czw groß sey vnd sneidt in pey dem hawpp auff mach dir ein holcz da mit dw im dy hawtt gelassen magst vnd czeuch im dy hautt ab pis auff den czagel das sy gancz beleibee vnd laß den pratten allen schon da von + vnd czeuch die hawtt wider vber vnd ein grosse phann mit siedung wasser leg die hautt dar ein mit hawbt mit all das + woll siedt vnd salcz + wan sy wol gesoten Ist So laß sy inder phann stan als lang pis das wasser dar an erchalt So nym es dan her auß vnd mach holzer in ein haffen ist das sy eben her auß genn mach den haffen dar czw das er dar Inn ge= sten mag vnd gewß die gesulcz man= del milich in die haut vnd full die czw vnd secz den haffen ab dem wege vnd laß den hechten dar in stann vnd wen er gestanden ist so sneidt in czw scheiben vnd leg das hawp stuckel dar czw vnd gib inn czw essen mit czucker
gesulzte mandel milich

Eine ‚gesulzte Mandelmilch‘ ist eine mit Geliermittel (hier Hausenblase) gebundene Mandelmilch, die nach dem Erkalten fest wird. Sie diente oft als Basis für Fastenspeisen oder als Füllung für Imitationsgerichte.

hawssen plasen

Die Hausenblase ist ein traditionelles Geliermittel, das aus der Schwimmblase des Störs gewonnen wird. Sie wurde im Mittelalter häufig zum Klären von Wein und Bier sowie zum Gelieren von Speisen verwendet. Dasselbe Geliermittel trägt im Korpus die ganze Familie der gesulzten Mandelspeisen (koe-017, m5919-057, m5919-092, mha-004, mha-012) - als Fasten-Geliermittel ist es damit korpusweit gut bezeugt. Heute ist der Stör unter Artenschutz, daher ist die Beschaffung schwierig; alternativ dient moderne Blattgelatine.

musca pluedt

Muskatblüte (Macis) ist der Samenmantel der Muskatnuss. Sie hat ein feineres, blumigeres Aroma als die Muskatnuss selbst und wurde in der mittelalterlichen Küche oft für helle Speisen verwendet, da sie keine dunklen Punkte hinterlässt.

czimerrintten

Zimtrinde, also Zimtstangen oder gemahlener Zimt, war ein beliebtes und teures Gewürz im Mittelalter. Hier wird es zusammen mit Muskatblüte zum Würzen der Mandelmilch verwendet.

choll vnder phiffarling

‚choll‘ ist hier Kohle (nicht Kohl als Gemüse): Der Ausdruck bezeichnet ein weiteres, aus derselben Mandelmilch herstellbares Imitationsgericht - ‚Kohlen unter Pfifferlingen‘. Die genaue Optik ist nicht überliefert. Der Ausdruck ist im Korpus nur hier und in mon-177 belegt (dort ‚lindten choll‘ = Lindenkohle zum Schwarzfärben des Sudes), was die Deutung als ‚Kohle‘ stützt.

holcz

Ein ‚Holz‘, hier als Spieß oder Stab verwendet, diente dazu, die Haut des Hechts beim Abziehen zu stützen und später die gefüllte Haut in Form zu halten.

pratten

‚Pratten‘ (mhd. brâte) bezeichnet hier nicht den ‚Braten‘ als Zubereitung, sondern das Muskelfleisch des Hechts, das sauber von der Haut gelöst werden soll.

schon

‚Schon‘ bedeutet hier ‚sauber‘ oder ‚gründlich‘, nicht ‚schön‘ im ästhetischen Sinne. Das Fleisch soll sorgfältig und restlos von der Haut gelöst werden.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 055r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartverib si halbe ab

Gewählte Lesart: ‚Färbe sie zur Hälfte rot‘ - die Phrase bezieht sich auf die andere Portion der Mandelmilch, die mit einem nicht näher spezifizierten Farbstoff rot eingefärbt werden soll.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Reibe sie zur Hälfte ab‘ - die Lesart verrîben (zerreiben), wie sie derselbe Schreiber etwa in mon-051 im Feigenmus benutzt. - Das Zeichen ist ein Homograph: verrîben = zerreiben gegen verben = färben. Hier entscheidet der Kontext für ‚färben‘: der unmittelbar folgende Zweck ‚das es rott sey‘ und die Parallele in mon-177 (‚verb es da mit‘ zum Einfärben). Eine eigenständige CoReMA-Glosse für ‚verib‘ existiert nicht - die Begründung liegt allein im Text und im Korpus-Beleg.

Lesartholcz / holzer

Gewählte Lesart: ‚Holz‘ oder ‚Hölzer‘ als Spieße oder Stäbe, die zum Ablösen der Fischhaut und später zum Stützen der gefüllten Haut dienen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Holz‘ als Material für ein Gefäß oder eine Unterlage. - Die Funktion im Rezept (Haut lösen, Haut aufrecht stützen) und das korpusweit belegte Enthäut-und-Wiederbefüll-Verfahren (bgs-046, mon-058) machen die Lesart als Spieß bzw. Stütz-Stab am plausibelsten.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 055r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nicht lagertauglich: Das Gericht braucht zwingend verlässliche Kühlung über Nacht, damit die gesulzte Mandelmilch schnittfest wird - auf einem Markt ohne durchgehende Kaltstellung gelingt das nicht. Dazu kommen die mehrtägige Vorbereitung (Hausenblase über Nacht einweichen, sieden, über Nacht fest werden lassen) und das heikle, intakte Enthäuten des Hechts. Ein eindrucksvolles Schaugericht für die heimische Küche oder ein Event mit Kühlmöglichkeit, aber nichts fürs Lagerfeuer.
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