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Gefüllter Hecht

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofküche
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Willst du einen gefüllten Hecht zubereiten, so schlage ihn bei der Flosse ein, bis zur Gräte, und ziehe ihm die Haut ab. Zerhacke das Fischbrät sehr fein und mische Weinbeeren sowie Gewürze unter.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
hechten Hecht Fischhändler Zander oder Wels
weinper Rosinen - frische Weintrauben, gehackt
gburcz etc. Gewürzmischung gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken, Muskat

Welches Gericht ist das? Ein gefüllter Hecht nach dem klassischen spätmittelalterlichen Verfahren: Das Fischfleisch wird aus der intakten Haut gelöst, fein gehackt, mit Rosinen und Gewürzen vermischt und zurück in die Fischhaut gefüllt, sodass der Fisch äußerlich wieder ganz erscheint - ein Repräsentationsgericht, das die ursprüngliche Fischform als essbare "Verpackung" der Farce wiederverwendet.

Ein Name, wahrscheinlich eine Technik. mon-058 trägt exakt denselben Gerichtsnamen ("gefulten/gefüllten hechten") wie zwei ausführlichere Parallelrezepte im Korpus (Meister Hans, Buch von guter Speise), die die volle Technik beschreiben: Haut lösen ohne sie zu verletzen, Fleisch herausnehmen, hacken, würzen, zurück in die Haut füllen, bei Bedarf den Kopf wieder mit einem Faden anheften. Die Mondsee-Fassung bricht direkt nach dem Würzen ab - typisch für dieses Buch, das bekannte Verfahren oft nur anreißt. Eine nahe verwandte, aber andere Technik (Farce in eine Model pressen) findet sich in m384-048 ("Hechtbraten in der Model") - dort jedoch unter einem anderen Namen und mit ausdrücklicher Nennung der Model und ihres Zwecks (Umformung in eine andere Gestalt), beides fehlt in mon-058.

Praxis. Den Hecht an der Flosse ansetzen und bis zur Gräte einschneiden, dann Fleisch und Haut vorsichtig voneinander lösen, ohne die Haut zu verletzen oder die Schuppen zu beschädigen - sie bleibt die spätere Hülle. Das entgrätete Fleisch sehr fein hacken, Rosinen und Gewürzmischung untermischen. Die überlieferte Anweisung endet hier; nach dem Vorbild der ausführlicheren Parallelrezepte wird die Füllung anschließend zurück in die Fischhaut gegeben, der Fisch bei Bedarf mit einem Faden wieder verschlossen und auf dem Rost oder am Spieß gar gebraten. Der Fisch muss frisch und gut gekühlt verarbeitet werden.

Was bedeutet "gefulten hechten", wenn danach die Haut abgezogen wird?

"Gefulten hechten" heißt "gefüllter Hecht" - und unter genau diesem Namen gibt es im Korpus zwei ausführlichere Parallelrezepte (Meister Hans, Buch von guter Speise), die die volle Technik zeigen: Das Fischfleisch wird aus der intakten Haut gelöst, gehackt, gewürzt und zurück in die Haut gefüllt, sodass der Fisch äußerlich wieder ganz erscheint. Die Mondsee-Fassung bricht nach dem Würzen der Füllung ab und nennt weder Zurückfüllen noch eine Form ("Model") - beides spricht dafür, dass hier dasselbe bekannte Verfahren nur verkürzt wiedergegeben ist, nicht ein anderes Gericht.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, aber eingeschränkt. Das Ausbeinen und feine Zerkleinern des Hechts ist aufwendig und erfordert frischen Fisch, der gekühlt werden muss. Auch das Wiederbefüllen der Fischhaut und die Formgebung sind zeitintensiv. Zudem endet die überlieferte Anweisung vor dem eigentlichen Garschritt, sodass Zusammensetzen und Hitzebehandlung nach Vorbild der ausführlicheren Parallelrezepte ergänzt werden müssen. Mit guter Vorbereitung und den nötigen Werkzeugen ist es dennoch machbar.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.

Welche Gewürze sind mit 'gburcz etc.' gemeint?

Der Begriff 'gburcz' ist eine allgemeine Bezeichnung für Gewürze. Im Spätmittelalter waren typische Gewürzmischungen oft eine Kombination aus Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken und Muskat. Das 'etc.' deutet darauf hin, dass die genaue Mischung dem Koch überlassen war.

ITem wil dw ein gefulten hechten machen So slach in pey der floß in den grat ab vnd czewch Im dy hawt ab vnd zer gehackt die geprat vnd thue dar vnter weinper vnd gburcz etc.
geprat

Das Brät ist das fein zerkleinerte Fisch- oder Fleischfleisch, eine Art Farce.

weinper

Weinbeeren sind hier Rosinen gemeint, getrocknete Weintrauben.

gburcz

Eine allgemeine Bezeichnung für Gewürze. Im Spätmittelalter waren dies oft Mischungen aus Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken und Muskat.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 023r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgefulten hechten / dy hawt ab

Gewählte Lesart: Der Hecht wird nach der klassischen "Gefüllter Hecht"-Technik zubereitet: Das Fleisch wird aus der Haut gelöst, wobei die Haut als Hülle intakt bleibt, fein gehackt, gewürzt und zurück in die Haut gefüllt, sodass der Fisch äußerlich wieder ganz erscheint - so wie es die ausführlicheren Parallelrezepte mit exakt demselben Gerichtsnamen zeigen: mha-194 ("Ain gefüllten hechten") und bgs-017 ("Gefuelte hechden"). Die Mondsee-Fassung bricht nach dem Würzen ab, bevor Zurückfüllen und Garschritt beschrieben werden - typisch für dieses Buch, das Standardverfahren oft nur anreißt (vgl. die häufigen "etc."-Enden). Dass Zurückfüllen hier nicht erwähnt wird, spricht eher für die Verkürzung eines bekannten Verfahrens als für ein anderes Gericht.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Farce wird ohne Rückführung in die Originalhaut separat in eine Model gepresst. - Die Häutungs-Anweisung ("zieh ihm die Haut ab") ähnelt im Wortlaut m384-048 ("Hechtbraten in der Model"), wo die Farce anschließend in eine Model gepresst wird. Dagegen sprechen aber gleich zwei Befunde: m384-048 trägt einen anderen Gerichtsnamen ("Hechtbraten", nicht "gefüllter Hecht"), und Modeln wurden im Mittelalter gerade dafür benutzt, eine Speise demonstrativ in eine ANDERE, meist tierische Form zu bringen (m384-048 nennt ausdrücklich "Fisch-, Rebhuhn- oder eine andere Gestalt") - ein Zweck, der in mon-058 mit keinem Wort ("modl" o.ä.) erwähnt wird.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 023r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand & Kühlung): Das Ausbeinen und feine Zerkleinern des Hechts ist aufwendig und erfordert frischen Fisch, der gekühlt werden muss. Das Wiederbefüllen der Fischhaut und die Formgebung sind ebenfalls zeitintensiv.
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