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Graue Mandel-Rosinen-Sauce zu schwarzen Hühnern

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wollt ihr eine graue Sauce zu schwarzen Hühnern machen, so nehmt Mandeln und Rosinen gleichermaßen. Zerreibt sie klein und schlagt sie durch ein Tuch mit Wein und mit Essig. Würzt es, so wird es gut.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
mandel Mandeln Supermarkt (Backregal) -
weinper Weinbeeren - Frische Weintrauben (für eine säuerlichere Note)
wein Wein - -
esseich Essig - -
gburcz Gewürze gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
Swarczen hunern Schwarze Hühner Metzger, Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Keine Zubereitung des Huhns selbst, sondern die Anleitung für eine kalte, durch ein Tuch geschlagene Würzsauce zu einem als ‚Swarczen hunern‘ bekannten Bankett-Schaugericht: gemahlene Mandeln und Rosinen zu gleichen Teilen, mit Wein und Essig abgeschmeckt. Sie gehört in die Ahnenreihe der Wein-Essig-Nuss-Saucen, aus denen später die ‚Sauce Cameline‘ hervorgeht, und lebt im Grundprinzip - Essig, Rosinen, mahlende Bindung - bis heute im rheinischen Sauerbraten fort.

Praxis. Mandeln und Rosinen im Verhältnis 1:1 fein mahlen oder im Mörser zerstoßen - dabei erleichtert schon etwas vom Wein den Arbeitsgang, auch wenn der Text erst das trockene Zerreiben und danach das Anrühren mit Flüssigkeit nennt. Mit Rotwein und Weinessig zu einer streichfähigen Paste verrühren und durch ein feines Passiertuch drücken, bis eine glatte Sauce entsteht; das Durchdrücken der dickflüssigen Nuss-Rosinen-Masse braucht spürbar Kraft und Zeit. Der Text nennt kein festes Mengenverhältnis für Wein und Essig - wie beim Zwilling koe-028 hilft hier nur Abschmecken. Mit Gewürzen (etwa Pfeffer, Ingwer, Zimt) abschmecken. Das Ergebnis ist naturgemäß graubraun, nicht schwarz - wer die historische, tiefschwarze Variante nachstellen möchte, kann wie im verwandten Rezept mha-182 etwas verbrannten Lebkuchen unterrühren. Die Sauce wird kalt oder lauwarm zu gebratenem oder pochiertem Hühnerfleisch gereicht.

Was bedeutet ‚grabew‘ im Rezept?

Der Begriff ‚grabew‘ ist als Hapax nicht eindeutig wörterbuchbelegt. Sprachlich spricht mehr für eine Nähe zu ‚grau‘ (mittelhochdeutsch ‚grâ‘) als zu ‚braun‘ - und Mandeln, Rosinen, Wein und Essig ergeben ohne Verbrennung tatsächlich eher ein graubraunes als ein tiefschwarzes Ergebnis. Ausgeschlossen ist ‚braun‘ aber nicht.

Was bedeuten die ‚schwarzen Hühner‘ in diesem Rezept?

Vermutlich nicht eine dunkelfleischige Hühnerrasse, sondern der Name eines Bankett-Schaugerichts. Spätmittelalterliche Kochbücher kennen eine farbig gestaffelte Reihe von Geflügelgerichten (weiß, grün, schwarz, rot). Der Königsberger Zwilling koe-028 verwendet fast denselben Wortlaut für dieselbe Sauce, und das Meister-Hans-Rezept mha-182 beschreibt ausdrücklich einen solchen Farb-Hühner-Reigen bei Hofe.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Frisches Hühnerfleisch benötigt zwar Kühlung, ist aber am Markttag erhältlich. Die Sauce selbst ist schnell zubereitet und erfordert nur einfache Küchengeräte wie einen Topf und ein Passiertuch.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen Sammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.

Was bedeutet ‚schlage sie durch ein Tuch‘?

Diese Anweisung bedeutet, die zerkleinerten Mandeln und Rosinen zusammen mit Wein und Essig durch ein feines Tuch (wie ein Käse- oder Passiertuch) zu streichen oder zu drücken. Dadurch werden feste Bestandteile entfernt und eine glatte, feine Sauce entsteht.

WElt ir machen grabew salsen czw + Swarczen hunern so nym mandel vnd weinper geleich reib sy chlain slach sy durich ein tuech mit wein vnd mit esseich gburcz es so wirt es guett
salsen

Eine ‚Salse‘ ist eine würzige Tunke oder Sauce, nicht Speisesalz. Hier eine gebundene Sauce zu Fleisch.

tuech

Ein Passiertuch oder Käsetuch, um die Sauce zu klären und eine feine Textur zu erhalten.

Swarczen hunern

Vermutlich nicht eine dunkelfleischige Hühnerrasse, sondern der Name des Gerichts innerhalb eines belegten Bankett-Motivs farbig codierter Geflügel-Schaugerichte (weiß, grün, schwarz, rot). Der fast wortgleiche Zwilling koe-028 sowie mha-182 mit seinem expliziten Farb-Hühner-Reigen stützen diese Lesart.

gburcz

Mittelbairische b/w-Schreibvariante zu ‚Gewürz‘/‚würzen‘ - hier als Verb-Imperativ mit angehängtem Pronomen (‚gburcz es‘ = ‚würzt es‘), vgl. dieselbe Konstruktion in mon-099 (‚gburcz das‘) und mon-216.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 074v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgrabew

Gewählte Lesart: Als ‚grau‘ übersetzt. Für mittelhochdeutsches ‚grâ‘ (grau) gibt es etablierte Wörterbuchbelege (Grimm, Lexer, MHDBDB), während für eine Lautform ‚grabew‘ zu ‚braun‘ keine vorliegen. Auch inhaltlich passt Grau besser: Mandeln, Rosinen, Wein und Essig ergeben ohne Verbrennung ein graubraunes, kein tiefschwarzes Resultat - stimmig mit einer bewusst helleren Substitutssauce für die eigentlich ‚schwarze‘ Bankettspeise.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Braun‘ bleibt als Lesart möglich, da ‚grabew‘ als Hapax nicht restlos entschieden werden kann. - Ohne einen zweiten Beleg für ‚grabew‘ selbst lässt sich die Lautform nicht sicher klären, und die Nähe zu den ‚schwarzen Hühnern‘ im Titel legt für manche Leser ohnehin eine dunklere Farbe nahe.

Lesartweinper

Gewählte Lesart: Als ‚Rosinen‘ (getrocknete Weinbeeren) übersetzt. Obwohl CoReMA ‚grape‘ (frische Weintraube) glossiert, ist im mittelalterlichen Kontext bei unklarer Spezifikation oft die getrocknete Form gemeint, die sich leichter zu einer Paste verarbeiten lässt und ganzjährig verfügbar war.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Frische Weintrauben‘ sind eine mögliche Alternative, wie von CoReMA glossiert. - Frische Weintrauben würden der Sauce eine säuerlichere und frischere Note verleihen, wären aber saisonal begrenzt und aufwendiger zu verarbeiten, wenn eine glatte Sauce gewünscht ist.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 074v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Frisches Hühnerfleisch benötigt Kühlung, ist aber am Markttag erhältlich. Die Sauce selbst ist schnell zubereitet und benötigt nur einfache Küchengeräte.
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