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Rutschart, Gerste in safrangelber Erbsbrühe

Tegernseer Wirtschaftsbüchlein (Speisenbuch) · Kloster Tegernsee, Bayern · 1460

LesartRekonstruktion aus ZutatenlisteBeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10BeilageBeilageHöfische KücheHofkücheHülsenfrüchteHülsenfrüchteVeganVegan
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchTegernseer Speisenbuch (~1460)

Setze die Gerstengraupen mit der klaren Erbsbrühe auf und bringe alles zum Kochen. Lass die Graupen bei mittlerer Hitze gut eine Stunde leise köcheln, bis sie weich sind und die Brühe sämig bindet. Rühre dabei immer wieder um, damit nichts ansetzt. Färbe das Gericht safrangelb: löse ein paar Safranfäden in etwas heisser Brühe an und rühre sie unter, bis die Masse goldgelb leuchtet. Würze mit Pfeffer, etwas Ingwer und Salz ab. Der fertige Brei soll dick und sämig sein, sodass die Gerstenkörner beim Rühren im Kessel leicht „rutschen". Heiss auftragen.

Hinweis: Das Tegernseer Original nennt das Gericht nur knapp in einer Mengen-Form („3 scheffel gersten und arbaßbrie, gilbt und gewürzt") - also Gerste in Erbsbrühe, safrangelb gefärbt und gewürzt. Die genauen Gewürze und Mengen für den Haushalt sind hier nachkochbar rekonstruiert.

Späterer Verwandter: Aus der Tradition dieser „Rutschart"-Gerichte entwickelte sich das heutige Ritschert der steirisch-kärntnerisch-bayerischen Küche - ein deftiger Eintopf aus Gerste, Bohnen und geräuchertem Schweinefleisch. Die mittelalterliche Tegernseer Form ist davon zu unterscheiden: Sie ist fleischlos und beruht auf Gerste in Erbsbrühe, nicht auf Bohnen und Speck.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
gerſten 250 g Gerstengraupen Supermarkt, Reformhaus Dinkelkörner oder Perlweizen
arbaßbrie 1,2 l klare Erbsbrühe (Erbsen einweichen, weich kochen, Brühe abseihen) getrocknete Erbsen aus Supermarkt, Reformhaus Gemüsebrühe, wenn keine Erbsbrühe zur Hand ist
gilbt 1 Prise Safranfäden, in heisser Brühe angelöst Apotheke, Gewürzhandel, Wochenmarkt Ringelblumenblüten als günstigere Lager-Färbung
pfeffer schwarzer Pfeffer, frisch gemahlen - -
ingber 1 Prise gemahlener Ingwer - etwas Galgant oder Muskat
Saltz Salz nach Geschmack - -

Welches Gericht ist das? Ein fleischloser Getreidebrei aus Gerstengraupen, die in einer klaren Erbsbrühe weich gekocht und safrangelb gefärbt werden - ein klassisches Fasten- und Klostergericht des Tegernseer Speisenbuchs. Die lebende Verwandtschaft ist das heutige Ritschert der steirisch-kärntnerisch-bayerischen Küche, das denselben Namen und dieselbe Getreidegrundlage trägt, aber inzwischen mit Bohnen und geräuchertem Schweinefleisch deftig geworden ist. Die mittelalterliche Form hier ist davon ein früher, fleischloser Vorfahr: Gerste in Erbsbrühe statt Bohnen und Speck.

arbaßbrie als Basis. Die Brühe entsteht nicht aus Fleisch, sondern aus getrockneten Erbsen (arbaß = Erbse, brie = Brühe): Erbsen einweichen, weich kochen, die Brühe abseihen. Das macht das Gericht fastentauglich und gibt ihm einen sämigen, vollmundigen Körper, ohne dass tierisches Fett nötig ist. Die abgeseihten Erbsen selbst lassen sich getrennt als Püree weiterverwenden (vgl. die reinen Erbsmuse foc-068, mha-288).

gilbt - safrangelb. Die Quelle nennt ausdrücklich, dass das Gericht gelb gefärbt wird. Period-typisch geschah das mit Safran, der hier vor allem die leuchtende Farbe liefert und weniger den Geschmack - ein verbreitetes Statussignal der gehobenen Klosterküche. Eine günstigere Lager-Färbung sind Ringelblumenblüten.

rutschen. Der Name spielt vermutlich auf die Konsistenz an: Die weich gekochten Gerstenkörner sollen in der dicken, sämigen Masse leicht „rutschen", also in einer steifen, zähfliessenden Brühe schwimmen. Kein dünner Eintopf, sondern ein fester Brei.

Praxis. 250 g mittelgrobe Gerstengraupen mit gut 1,2 l klarer Erbsbrühe aufsetzen und etwa eine Stunde bei mittlerer Hitze leise köcheln, bis die Körner weich sind und die Brühe durch die Stärke der Gerste von selbst sämig bindet. Immer wieder umrühren, damit nichts ansetzt. Ein paar Safranfäden in etwas heisser Brühe anlösen und unterrühren, bis die Masse goldgelb leuchtet, dann mit Pfeffer, etwas Ingwer und Salz abschmecken. Wer keine Erbsbrühe zur Hand hat, kann auf Gemüsebrühe ausweichen - die fastentaugliche Erbsbrühe bleibt aber das Quellengerechte. Heiss auftragen.

Was genau ist Rutschart?

Im Tegernseer Speisenbuch ist „Rutschart" eine fleischlose Speise aus Gerste (Graupen) in klarer Erbsbrühe, safrangelb gefärbt und gewürzt. Aus dieser Tradition entwickelte sich später das heutige „Ritschert" der steirisch-kärntnerisch-bayerischen Küche, das meist mit Bohnen und geräuchertem Schweinefleisch gekocht wird. Die mittelalterliche Klosterform und das moderne Ritschert sind also verwandt, aber nicht dasselbe Gericht.

Warum kommen hier keine Bohnen vor?

Weil die Tegernseer Quelle keine Bohnen nennt, sondern ausdrücklich „gersten und arbaßbrie" - Gerste in Erbsbrühe. Die heute typischen steirischen Käferbohnen (Phaseolus) kamen erst nach 1492 aus Amerika nach Europa und sind für das frühe 16. Jh. in Tegernsee noch anachronistisch. Was ist mit der Ackerbohne (Vicia faba, Saubohne)? Sie war zwar einheimisch und period-korrekt, aber im süddeutschen Raum nach 1400 zunehmend von der ertragreicheren Erbse verdrängt worden. Das Tegernseer Kloster verwendet in seiner Mengenplanung durchgehend arbeß (Erbse) als Hülsenfrucht der Wahl - Ackerbohnen tauchen im Speisenbuch gar nicht auf. Bohnen und Speck gehören zum späteren Ritschert der Volksküche, nicht zum mittelalterlichen Quellentext.

Wozu der Safran?

Die Quelle sagt „gilbt", das Gericht wird also gelb gefärbt. Period-typisch geschah das mit Safran, der hier vor allem für die leuchtende Farbe sorgt und weniger für den Geschmack. Wer im Lager günstiger färben will, kann Ringelblumenblüten verwenden.

Wie dick soll das Gericht sein?

Sehr dick, kein dünner Eintopf, sondern eher ein sämiger Brei. Der Kochsaft bindet durch die Stärke der Gerstengraupen ganz von selbst. Wenn das Gericht zu dünn bleibt, etwas länger einköcheln lassen. Der Name kommt vielleicht gerade daher: Die Gerstenkörner sollen im Topf „rutschen", also in einer steifen, zähfliessenden Masse schwimmen.

[Liste „Ander speis für das lest", fol. 53r] … behamisch arbeß, getämpft arbeß, rutschart, rezl von öpfel oder milch, gesotten haberknödl … [§-Rezept: „rutschhart, 3 scheffel gersten und arbaßbrie, gilbt und gewürzt"]
rutschhart

Rutschart / Rütschart, im Tegernseer Speisenbuch als Speise der Klosterküche gelistet. Die Etymologie ist umstritten: wahrscheinlich von „rutschen", die weich gekochten Gerstenkörner gleiten beim Rühren im Kessel. Aus dieser Tradition entwickelte sich später das deftige „Ritschert" der Alpenküche (heute meist mit Bohnen und Speck) - die hier belegte Tegernseer Form ist davon zu unterscheiden.

arbaßbrie

Erbsbrühe (arbaß = Erbse, brie = Brühe). Getrocknete Erbsen wurden weich gekocht und die Brühe abgeseiht; sie bildet die fleischlose, sämige Grundlage des Gerichts. Arbaß meint im Tegernseer Kontext die Gartenerbse (Pisum sativum), nicht die Ackerbohne (Vicia faba): Im gesamten Speisenbuch ist ausschließlich arbeß/arbaß als Hülsenfrucht belegt; die Ackerbohne war im süddeutschen Raum des 15./16. Jh. auf dem Rückzug und taucht hier nicht auf.

gilbt

„gilbt" = gelb gefärbt. Period-typisch mit Safran (gelegentlich Ringelblume) - der Safran dient hier vor allem der Farbe, weniger dem Geschmack, ein verbreitetes Muster der gehobenen Klosterküche. Es ist eines der wenigen konkreten Zubereitungsdetails, die die sonst knappe Quelle überliefert.

gerſten

Gerste, Graupen (entspelzte, geschliffene Gerste) war im Kloster Tegernsee eine der häufigsten Getreidebeilagen. In Erbsbrühe gekocht ergibt sie ein sättigendes, fleischloses Gericht, ernährungsphysiologisch klug für Fastentage.

rutschen

Rutschen, das charakteristische Gleiten der weich gekochten Gerstenkörner in der sämigen Brühe. Kontinuierliches Rühren verhindert das Ansetzen und erzeugt die typische sämige Konsistenz.

Handschrift
Tegernseer Wirtschaftsbüchlein (Speisenbuch)
Folio
fol. 53r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Ostmittelbairisch, 15./16. Jh.)
Entstehung
Kloster Tegernsee, Bayern, 1460

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartrutschhart

Gewählte Lesart: Fleischloses Klostergericht aus Gerste (Graupen) in klarer Erbsbrühe, safrangelb gefärbt und gewürzt - so wörtlich in der Tegernseer Mengen-Form belegt.

Andere mögliche Lesart:

  • Rutschart als Vorläufer des späteren „Ritschert" mit Bohnen und Speck. - Das heute lebendige Ritschert der Alpenküche steht in derselben Namens- und Speisentradition, ersetzt aber Erbsbrühe durch Bohnen und ergänzt geräuchertes Schweinefleisch. Diese Fassung ist eine spätere Adaption, nicht der Tegernseer Quellentext.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Tegernseer Speisenbuch, BSB Cgm 8137, fol. 53r - Münchener Digitalisierungszentrum Quelle öffnen
Transkription
BSB Cgm 8137, fol. 53r (Liste „Ander speis für das lest"); „rutschart" dort gelistet, eine Mengen-Form (Gersten + Erbsbrühe) im hinteren Mengenteil. Lesung nach Faksimile (MDZ). Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Getrocknete Gerstengraupen und getrocknete Erbsen (für die Brühe) sind ideal für Lager, leicht, haltbar, sättigend. Die Erbsen für die Brühe müssen vorab eingeweicht und weich gekocht werden. Kessel und Feuer reichen.
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