Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Hasenpfeffer nach Registrum Coquine

Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit100 Min.Portionen4-6 PersonenBuchRegistrum Coquine (~1433)

Nimm einen Hasen und häute ihn, wie es Brauch ist. Achte darauf, dass keine unerwünschten Säfte austreten. Zerlege ihn in viele Stücke und wasche diese mit Wein und Essig. Lasse diese Stücke mit der Waschflüssigkeit sieden und schäume dabei nicht ab, denn daraus wird das Pfeffergericht gemacht. Wenn es nicht schwarz genug ist, nimm geriebenes Brot und gib es ebenfalls durch ein Seihtuch. Danach nimm Pfeffer, Nelken, Ingwer, Muskatnüsse und gib Rosinen hinzu. Und es wird gut sein.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
leporem Hase Metzger / Wildhändler -
vino Wein - -
aceto Essig - -
panem grattatum Geriebenes Brot - -
piper Pfeffer - -
gariofolos Nelken - -
zinziber Ingwer - -
nuces muscatas Muskatnüsse - -
uuam passam Rosinen - -

Welches Gericht ist das? Ein „piperatum de lepore“ - ein schwarzes Pfeffergericht vom Hasen, dessen Farbe und Bindung ausdrücklich aus dem im Sud belassenen Blutschaum stammt, dazu Wein-Essig-Säure und die Würzung mit Pfeffer, Nelken, Ingwer, Muskatnuss und Rosinen. Das ist der unmittelbare Vorläufer des bis heute bekannten deutschen Hasenpfeffers - eines dunklen, blutgebundenen Wildschmortopfs.

Die Waschflüssigkeit wird zur Garflüssigkeit. Die Hasenstücke werden in Wein und Essig gewaschen und danach ausdrücklich cum lauatura - in eben dieser Waschflüssigkeit - gesiedet. Ein Arbeitsschritt reinigt und liefert zugleich die aromatisch-saure Basis des Gerichts.

Der namensgebende Kniff: nicht abschäumen. Non spuma, quia de ipsis fit piperatum - „schäume nicht ab, denn daraus wird das Pfeffergericht gemacht“. Was beim gewöhnlichen Sieden als Schaum entfernt würde, geronnenes Blut und Eiweiß, bleibt hier bewusst im Topf: Es gibt dem Pfeffergericht seine dunkle Farbe und seine Bindung.

Geriebenes Brot als Nachbesserung. Reicht die Farbe danach nicht aus, wird geriebenes Brot durch ein Seihtuch gegeben. Das Transkript nennt hier nur panem grattatum (gerieben) - ohne das Röst-Adjektiv rostitum, das in anderen Bockenheim-Rezepten ausdrücklich danebensteht. In boc-024 bleibt es beim ungerösteten, geriebenen Brot als Bindemittel.

Cross-Source-Sippe. Zur gleichen Gerichtsfamilie mit Blutbindung gehören böhmisch sev-008, sev-240 und sev-010 sowie englisch foc-022 - dort wird die milde Hitze, die das Blut binden lässt statt es ausflocken zu lassen, jeweils sinngemäß bestätigt.

Praxis. Hasenstücke häuten, in Wein und Essig waschen und in der Waschflüssigkeit sanft sieden (keinesfalls sprudelnd, sonst flockt das Blut aus) - dabei bewusst nicht abschäumen. Ist die Farbe nach dem Sieden noch zu hell, geriebenes Brot durch ein Seihtuch geben, danach Pfeffer, Nelken, Ingwer, Muskatnuss und Rosinen einrühren.

Wo bekomme ich Hase?

Hase ist Wildfleisch und saisonal erhältlich. Frage beim Metzger oder Wildhändler nach. Manchmal bieten auch größere Supermärkte tiefgekühlten Hasen an.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Es benötigt einen großen Topf und ein Seihtuch zum Passieren der Sauce. Die Zutaten sind lagerfähig.

Was bedeutet „non spuma“ im Rezept?

„Non spuma“ bedeutet „nicht abschäumen“. Im Gegensatz zu vielen modernen Rezepten, bei denen Schaum abgeschöpft wird, soll hier der Schaum im Topf bleiben, da er wichtige Geschmacks- und Bindestoffe für das spätere Piperatum enthält.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (~1431-1435, Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.

Ad faciendum piperatum de lepore. Recipe leporem et scortica eum ut moris est. Et caue ne sudor exeat, et fac multas partes, et laua illas cum vino et aceto, Et fac buli re istas partes cum lauatura, et non spuma, quia de ipsis fit piperatum, et si non erit satis nigrum, tunc Recipe panem grattatum et mitte etiam per stamigniam. Post hoc Recipe piper, gariofolos, zinziber, nuces muscatas et mitte intus uuam passam. Et erit bonum.
scortica

häuten

sudor

Schweiß, hier im Sinne von unerwünschten Säften oder Blut, die den Geschmack beeinträchtigen könnten

bulire

sieden, kochen

spuma

Schaum

stamigniam

Seihtuch, Sieb

piperatum

Pfeffergericht, ein Ragout oder eine Sauce, die stark mit Pfeffer und anderen Gewürzen abgeschmeckt ist

panem grattatum

gerieben(es) Brot - von grattare (reiben, schaben), nicht zu verwechseln mit rostitum/tostum (geröstet), das in boc-024 fehlt

Handschrift
Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum
Folio
fol. 67v
Sprache
Mittellatein (frühes 15. Jh.)
Entstehung
Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz, 1433

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartcum lauatura

Gewählte Lesart: ‚mit der Waschflüssigkeit‘. Die Stücke werden in Wein und Essig gewaschen und dann ausdrücklich cum lauatura - in genau dieser Waschflüssigkeit - gesiedet. Die aromatische, säuerliche Flüssigkeit wird also weiterverwendet und wird zur Basis des Pfeffergerichts.

Lesartnon spuma

Gewählte Lesart: ‚schäume nicht ab‘. Begründet mit quia de ipsis fit piperatum (‚weil daraus das Pfeffergericht gemacht wird‘): Der Schaum aus geronnenem Blut und Eiweiß, der sonst entfernt würde, bleibt bewusst im Topf - er gibt dem Pfeffergericht Farbe und Bindung.

Originalwerk (~1433) gemeinfrei.

Bildquelle
BnF Ms. Latin 7054, fol. 67v/68r (Gallica ark:/12148/btv1b10035736w, f68) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Robert Maier (Hg.): Das Registrum Coquine des Johannes von Bockenheim, Monumenta culinaria 3, GEB Gießen 2013 - CC BY-NC-SA 3.0 (urn:nbn:de:hebis:26-opus-93375) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im großen Topf am offenen Feuer in ca. 100 Min gar, frisches Wildfleisch morgens am Markttag besorgen.
Alle Rezepte aus Registrum Coquine Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.