München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505
Willst du einen guten Kuchen zubereiten, so nimm weichen Käse und zerarbeite ihn unter deinen Händen, bis er geschmeidig ist. Schlage Eier darunter und mache einen Teig. Breite ihn aus und gib den Käse darauf. Schiebe den Kuchen in einen Ofen und lass ihn backen. Serviere ihn heiß.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| waichen kes | Weichkäse | Supermarkt, Wochenmarkt | Topfen/Quark, Frischkäse oder ein milder Ziegenfrischkäse |
| ayr | Eier | - | - |
| ain taig | Teig | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein schlichter gebackener Käsekuchen - und sehr wahrscheinlich ein Grundrezept (Basis). Weichkäse wird unter den Händen glattgearbeitet, mit Eiern gebunden und mit einem Teig im Ofen gebacken. Auffällig: Der Text nennt kein Gewürz, keinen Zucker und kein Salz - die Speise ist bewusst neutral gehalten und wird je nach Anlass süß (Zucker oder Honig, etwas Zimt) oder herzhaft (Salz, Kräuter, Speck) ausgerichtet. Er gehört zur breiten spätmittelalterlichen Käsefladen-Familie quer durch Europa - vom süßen Käsefladen Martinos (mar-124) über die gefüllten der Edelike Spijse (wes-059) bis zum herzhaften Käsekuchen mit Speck des Anonimo Toscano (ant-063) und den Bockenheimer Käsekuchen (boc-039, boc-041); direkt daneben in derselben Handschrift das Schwesterrezept m5919-052.
mach ain taig vnd prait in vnd thue das kes dar auff: Die zentrale Stelle ist mehrdeutig, und für Cgm 5919 gibt es keine deutsche Eich-Edition zum Gegencheck. Zwei Lesarten: (A) ein separater Teig wird ausgebreitet und die Käse-Ei-Masse darauf gegeben (Käsekuchen mit Boden, wie im Korpus-Cluster üblich), oder (B) Käse und Eier selbst werden zum ‚Teig' verarbeitet, ausgebreitet und gebacken (Käse-Ei-Fladen ohne Mehlboden). Der Text nennt KEIN Mehl. Wir folgen Lesart A, weil thue das kes dar auff (den Käse OBEN drauf) eine Trennung von Boden und Belag nahelegt und der Cluster (wes-059, ant-063, boc-039) genau das tut; wer keinen Boden will, folgt der Fladen-Lesart.
prait in heißt bei diesem Schreiber ‚ausbreiten/auseinanderstreichen', nicht ‚ausrollen' - vgl. m5919-018 prait in mit ainem loffel auß ain ander und m5919-037 streich den taig mit ainem loffel aus. Also ein dünn ausgebreiteter, kein steif ausgerollter Teig.
Praxis. Etwa 500 g Frischkäse, Topfen/Quark oder milder Ziegenfrischkäse gut abtropfen lassen (der wichtigste Punkt - zu nasser Käse macht die Füllung suppig) und unter den Händen glattarbeiten, dann 3-4 Eier unterschlagen. Hier entscheidest du die Richtung: süß mit Zucker oder Honig (und etwas Zimt) - oder herzhaft mit Salz, Kräutern und gewürfeltem Speck. Für den Boden (Lesart A) etwa 250 g Mehl mit ca. 125 g Butter oder Schmalz, etwas Wasser und einer Prise Salz zu einem mürben Teig kneten, dünn ausbreiten, eine Form auslegen, die Käsemasse einfüllen. Bei ca. 180 °C 40-50 Minuten backen, bis die Mitte gestockt und der Rand goldbraun ist - nicht zu heiß, sonst gerinnt das Ei grisselig.
Das Rezept spricht von 'waichen kes', also weichem Käse. Im bairischen Raum um 1500 lag frischer Topfen (Quark) oder junger Frischkäse am nächsten - ein weicher Käse, der sich gut unter den Händen zerarbeiten lässt. Als moderne Bezugsquelle eignen sich Topfen/Quark, Frischkäse oder Ricotta.
Die Zubereitung erfordert einen Ofen, was im Lager eine Herausforderung darstellt. Mit einem gut beheizten Dutch Oven (Kohlen unter und auf dem Deckel) ist es jedoch machbar - die Hitze moderat halten, damit die Käse-Ei-Füllung sanft stockt und das Ei nicht gerinnt. Die Zutaten sind unproblematisch zu transportieren und zu lagern.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Regensburger Kochbuch' (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde. Gebackene Käsefladen dieser Art sind ein gesamteuropäischer Typus mit Parallelen in Italien (Martino) und den Niederlanden (Edelike Spijse).
'Zetreib in vnter den henden' bedeutet, den Käse mit den Händen zu zerarbeiten, bis er eine geschmeidige Konsistenz ohne Klümpchen hat. Eine manuelle Methode, um den Käse für die Füllung vorzubereiten.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
mach ain taig / prait in / thue das kes dar auff
Gewählte Lesart: Ein separater Teig wird ausgebreitet (prait in = auseinanderstreichen, vgl. m5919-018/037) und die Käse-Ei-Masse darauf gegeben - ein Käsekuchen mit Boden. Diese Lesart stützt sich auf thue das kes dar auff (Käse OBEN drauf, also Trennung von Boden und Belag) und auf den Korpus-Cluster (wes-059, ant-063, boc-039), der ebenfalls einen Teigboden mit Käsefüllung kennt.
Andere mögliche Lesart:
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