München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505
Morcheln vom Huhn:
Nimm das Fleisch von der Hühnerbrust und hacke es fein. Gib Eier, Mehl, geriebenes Brot und Pfeffer dazu und arbeite alles zu einer formbaren Masse.
Schneide dir zwei fingerlange Stäbchen, vorne [glatt geformt] - die Bedeutung von kulpot ist unsicher. Nimm von der Masse so viel wie eine Morchel und forme sie um die Stäbchen, sodass morchelförmige Stücke entstehen.
Lege das eine in wallende Brühe und lass es darin gar ziehen. Während es siedet, forme die übrige Masse um das zweite Stäbchen. Wenn du genug davon hast, fülle die gegarten Morcheln (nachdem du das Stäbchen gezogen hast) mit Gewürz und Eiern, stecke sie auf einen Spieß, brate sie damit gar und trage sie auf.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| das fleisch von der prust | Hühnerbrustfleisch | Metzger, Supermarkt | - |
| ayer | Eier | - | - |
| mel | Mehl | - | - |
| prat | Geriebenes Brot | - | Semmelbrösel |
| pfefer | Pfeffer | - | Ingwer |
| saltz | Salz | - | - |
| wallund suppen | Brühe | - | Gemüsebrühe |
| gewurtz | Gewürze | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Pfeffer, Ingwer, Muskat, Nelken |
| ayrn | Eier (zum Füllen) | - | - |
Welches Gericht ist das? Geformte Geflügel-Farce in Morchelgestalt - im Geiste eine frühe Quenelle oder ein feiner Klops, der zum Schaugericht der gehobenen Tafel gehört (Fleisch in Pilzform: das Auge isst mit). Maurochen meint hier nicht den Pilz, sondern die Form: ein längliches Stück von Morchel-Größe. Eine fast wortgleiche Schwesterfassung steht im Buch von guter Speise (bgs-023), eine verwandte Cgm-5919-Morchel in m5919-016. bgs-023 ist die Eich-Edition, die dieses ungeglättete Regensburger Rezept entschlüsselt.
zwen stacken vor kulpot. Das sind zwei fingerlange Stäbchen, nicht "Stücke" - die Schwesterfassung bgs-023 hat hier eindeutig snit zwei clueppelin eines vingers lanc. Die Farce wird um diese Stäbchen geformt, nach dem Garen wird das Stäbchen gezogen, und der Hohlraum bleibt für die Füllung. Das Wort kulpot steht an der Stelle, wo bgs-023 als ein eln schaft fornen (vorne wie ein Schaft) schreibt - es beschreibt also vermutlich die vordere Form des Stäbchen-Endes, nicht den Namen des Gerichts. Da für das Cgm 5919 keine deutsche Eich-Edition existiert, bleibt die genaue Wortform unsicher.
wint dy anderen vmb den spis. "Winde die übrige Masse um das Stäbchen" - chargenweise: während das eine in der Brühe gar zieht, formt man das nächste (bgs-023: die wile daz siede, so bewirke den andern). Das Stäbchen ist nur Formhilfe.
Praxis. Für etwa 300 g Hühnerbrust 1-2 EL Mehl, 1-2 EL Semmelbrösel, ein Ei, Pfeffer (oder Ingwer) und Salz; zu einer glatten, eher festen Farce verarbeiten, sonst zerfällt sie. Um fingerlange Hartholzstäbchen formen, morchelgroß, außen festdrücken; in wenig Brühe knapp unter dem Siedepunkt gar ziehen lassen (nicht sprudelnd). Stäbchen ziehen, die Höhle mit einer Gewürz-Ei-Füllung füllen, quer auf einen Spieß stecken und über milder Glut fertig braten.
Hier sind keine echten Morcheln gemeint, sondern gehacktes Hühnerfleisch, das in die Form von Morcheln gebracht wird. Die Farce wird um fingerlange Stäbchen geformt, in Brühe gegart, dann wird das Stäbchen gezogen und der Hohlraum mit Gewürz und Eiern gefüllt. Das Verfahren ist in einer fast wortgleichen Fassung im ‚Buch von guter Speise‘ überliefert.
‚Kulpot‘ ist im Original unsicher. Es steht an der Stelle, an der die Schwesterfassung bgs-023 das Formen der Farce um ein vorne schaftartiges Stäbchen beschreibt - vermutlich bezieht es sich also auf die Form des Stäbchens und nicht auf einen Gerichtsnamen. Da für das Regensburger Kochbuch (Cgm 5919) keine wissenschaftliche Edition vorliegt, lässt sich die genaue Bedeutung nicht sicher klären.
Ja, mit etwas Vorbereitung. Es braucht nur Feuer, einen Topf mit Brühe und einen Spieß - keinen Ofen und keine Kühlung. Das feine Hacken der Farce lässt sich zu Hause erledigen; das Formen, Garziehen in der Brühe und das Füllen am Spieß sind über offenem Feuer gut machbar.
Dieses Rezept stammt aus dem ‚Regensburger Kochbuch‘ (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde. Es ist ein Beispiel für die gehobene Festküche des mittelbairischen Raums am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühneuzeit.
Morcheln (Pilz) - hier als Form für gehacktes Fleisch, nicht der Pilz selbst. Es war üblich, Fleisch in die Form anderer, oft optisch ansprechenderer Zutaten zu bringen (Schauküche).
Zwei (Holz-)Stäbchen, nicht "Stücke" - vgl. die Schwesterfassung bgs-023 snit zwei clueppelin eines vingers lanc (schneide zwei fingerlange Stäbchen). Die Farce wird darum geformt; nach dem Garen wird das Stäbchen gezogen, der Hohlraum gefüllt.
Hier als Substantiv ‚prat‘ = geriebenes Brot (Semmelmehl), das als Bindemittel dient (bgs-023: grobes brotes). Das Wort erscheint im Rezept zweimal: einmal als Zutat, einmal als Verb (prat sy gar = brate sie gar) - der b/p-Wechsel ist typisch für diesen Schreiber.
Ein Bratspieß, auf dem die gefüllten Morcheln über offenem Feuer oder Glut gegart werden.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
prat
Gewählte Lesart: Als Substantiv bedeutet ‚prat‘ hier geriebenes Brot (Semmelmehl), das als Bindemittel dient - cross-source gestützt durch die Schwesterfassung bgs-023 (grobes brotes) und das Glossar (prat = Brot, vgl. pfefferbrot m5919-061).
Andere mögliche Lesart:
kulpot
Gewählte Lesart: Bedeutung unsicher. ‚kulpot‘ steht im Satz (zwen stacken vor kulpot) an der Position, an der die Schwesterfassung bgs-023 als ein eln schaft fornen (vorne wie ein Schaft) hat - es bezeichnet daher vermutlich die vordere Form des Brat-Stäbchens (kolben-/schaftartig), kein Gericht und keinen Eigennamen.
Andere mögliche Lesart:
wallund
Gewählte Lesart: ‚wallund‘ ist eine mittelbairische Form von ‚wallend‘, was ‚siedend‘ oder ‚kochend‘ bedeutet.
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.