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Eine natürliche Knoblauchsauce

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10Höfische KücheHofkücheVeganVegan
Zubereitungszeit15 Min.Portionen4-6 Personen (als Beilage)BuchRegensburger Kochbuch (Cgm 5919) (~1505)

Nimm drei Köpfe Knoblauch, Pfeffer (mehr als Ingwer) und Ingwer. Mische dies zusammen. Lass es sieden und braun werden. Dies nennt man eine natürliche Sauce, die man bei kaltem Wetter essen soll.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
drew haupp knoflach 3 Knoblauchköpfe - -
pfefer Pfeffer (mehr als Ingwer) - Weißer Pfeffer für eine hellere Sauce
ymbir Ingwer (weniger als Pfeffer) - -

Welches Gericht ist das? Eine scharfe Knoblauch-Pfeffer-Tunke aus der spätmittelalterlichen Salse- bzw. Agliata-Familie - dem großen romanisch-süddeutschen Bestand würziger Knoblauchsaucen, der heute in geschmorten Knoblauch-Tunken und confierten Knoblauchpasten fortlebt. Anders als ihre kalt im Mörser gestoßenen Verwandten (etwa die Agliata mar-118 oder die Pfeffer-Knoblauch-Stoßsauce hkb-012) ist dies die seltenere gekochte Fassung: Knoblauch, viel Pfeffer und wenig Ingwer werden zusammen gesiedet, bis sie braun werden.

Das fehlende Trägermedium. Der Text nennt nur drei Festkörper - drew haupp knoflach (drei Knoblauchköpfe), Pfeffer und Ingwer - und dann las es sieden. Sieden verlangt aber eine Flüssigkeit; reine Gewürze mit Knoblauch können nicht sieden. Hier ist das Rezept knapp und lückenhaft: der Schreiber setzt das flüssige Medium offenbar als selbstverständlich voraus, ohne es zu nennen. Die verwandten Saucen geben den Hinweis - sie werden mit Essig (hkb-012) oder Traubenmost (mar-118) temperiert. Wir ergänzen diese Flüssigkeit als naheliegende Interpretation, dichten sie aber nicht in den Quellentext hinein.

Praun werden bleibt offen. Wie der Knoblauch braun wird, lässt der Text nicht eindeutig zu: entweder durch leichtes Anschwitzen in wenig Fett oder durch Einkochen in saurer Flüssigkeit, bei dem Knoblauch ebenfalls bräunlich wird. Beide Lesarten sind möglich; keine ist gesetzt. Die früher hier angenommene karamellige Brataromatik ist nicht textgestützt - der Quelltext nennt weder Fett noch Pfanne.

Praxis. Drei Köpfe Knoblauch schälen - das ist sehr viel und sehr scharf, kurzes Blanchieren oder Mitköcheln mildert die Schärfe. Im Mörser mit reichlich Pfeffer und etwas Ingwer (Pfeffer dominiert) anstoßen, dann mit Essig oder Traubenmost zu sämiger Konsistenz temperieren und kurz aufköcheln lassen, bis die Masse bräunt. Als kaltes, scharfes Winter-Kondiment servieren; die Essig- oder Most-Basis erhöht die Haltbarkeit und passt zum Hinweis, die Sauce in kallten wetter zu essen.

Was bedeutet 'natürliche Sauce' in diesem Kontext?

Der Begriff 'natürlich' (naturleich) bezeichnet hier eine schlichte, unverfälschte Sauce aus wenigen kräftigen Zutaten - und zugleich eine 'der Natur gemäße', gesundheitlich begründete Würze: nach der mittelalterlichen Säftelehre wirken die 'warmen' Gewürze stärkend gegen die kalte Jahreszeit.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja. Es braucht nur drei robuste, ungekühlte Zutaten und ist am offenen Feuer rasch fertig. Beachte aber, dass die Quelle weder ein Trägermedium noch die genaue Methode nennt (sieden oder anschwitzen) - in der Praxis temperiert man die Knoblauch-Pfeffer-Masse mit Essig oder Most und köchelt sie kurz ein.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Regensburger Kochbuch' (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde. Es ist ein Beispiel für die gehobene bürgerliche Küche dieser Zeit in Mittelbayern.

Was bedeutet 'temper das zu samen'?

'Temper das zu samen' bedeutet, die Zutaten anzumachen bzw. mit einer Flüssigkeit zu einer Masse zu verbinden. Der Schreiber hat genau diese Stelle mit einer Randnotiz versehen - vermutlich, weil das geforderte sieden ein Trägermedium voraussetzt, das der Text nicht ausdrücklich nennt.

Ein nattur leich salssen nym drew haupp knoflach pfefer mer dann ymbir temper das zu samen las es sieden vnd las es praun werden ditz haist ein naturlich salsen dy schol man essen in kallten wetter
salssen / salsen

Salse - eine würzige Tunke oder Sauce der romanisch-süddeutschen Agliata/Salsa-Familie, nicht zu verwechseln mit Salz. Der Begriff bezeichnet hier die gewürzte Knoblauchsauce als ganzes Gericht.

naturleich / naturlich

natürlich, d.h. der Natur bzw. der Komplexion gemäß und zugleich schlicht-unverfälscht. Das -leich ist das mittelbairische Adjektivsuffix -lich (vgl. naturlich im Text selbst), kein eigenes Wort für Lauch.

dy schol man essen in kallten wetter

Nach der Säftelehre gelten Pfeffer, Ingwer und Knoblauch als 'warme' Gewürze; man isst diese erhitzende Sauce gezielt gegen die 'kalte' Jahreszeit - daher ihr Charakter als wärmende, stärkende Winterspeise.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919
Folio
Fol. 024r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, Regensburg, um 1500-1510)
Entstehung
Regensburg, Bayern, 1505

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarttemper das zu samen

Gewählte Lesart: 'Temperieren' meint hier das Anmachen bzw. Verdünnen der Gewürz-Knoblauch-Masse mit einer Flüssigkeit zu sämiger Konsistenz (vgl. distemperarai = verdünnen, auflösen in der verwandten Agliata mar-118).

Andere mögliche Lesart:

  • Schlicht 'zusammenmischen / verrühren' ohne zugesetzte Flüssigkeit. - Diese Lesart ist möglich, lässt das im Text geforderte sieden aber ungelöst - daher hat der Schreiber diese Stelle selbst mit einer Randnotiz markiert. Welches Trägermedium gemeint ist, bleibt offen.

Originalwerk (~1505) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 024r, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 5919 (Regensburg, um 1500); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M9 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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