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Drei Zubereitungen von einem Hecht

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofküche
Zubereitungszeit30 Min.Portionen2-4 PersonenBuchRegensburger Kochbuch (Cgm 5919) (~1505)

Willst du drei Arten von Speisen aus einem einzigen Fisch zubereiten, sodass der Fisch am Ende dennoch ganz erscheint?

Nimm einen Hecht und schlage um das Mittelteil ein nasses Tuch. Lege den Fisch dann auf einen Rost, salze ihn und lasse ihn braten. Das vordere Teil mit dem Kopf übergieße mit heißem Schmalz und bestreue es mit Mehl. Das Tuch begieße fortwährend mit heißem Wein. Das hintere Teil brät sich selbst auf dem Rost. Serviere dazu eine gute Sauce.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ainem vischen Hecht Fischhändler, gut sortierter Supermarkt Wels oder Karpfen
nas tuch Nasses Tuch - -
salcz Salz - -
hayssem schmalcz Heißes Schmalz Metzger, Supermarkt Pflanzenöl (für eine fleischlose Variante)
melb Mehl - -
hayssem wein Heißer Wein - -
gute salssen Gute Sauce - -

Welches Gericht ist das? Ein Schaugericht der Festtafel: Ein einziger ganzer Hecht wird so gegart, dass drei verschiedene Zubereitungen an demselben Fisch zu sehen sind und der Fisch dennoch ganz bleibt. Das ist der mittelbairische Vertreter eines europaweit verbreiteten Typus - die nächsten Verwandten sind Fisch auf dreierlei Art (Meister Hans) und Fisch auf dreierlei Art (Rheinfränkisch), die Schritt für Schritt fast wortgleich sind. Dazu der vierfache Hecht der Koch- und Kellermeisterei, der dreifach zubereitete ganze Fisch bei Martino und die Neunaugen auf dreierlei Art.

Drei Zonen an einem Fisch. Anders als die meisten Verwandten, die den Fisch in Stücke zerteilen, bleibt der Hecht hier ganz und wird über seine Länge zonenweise behandelt. Das Mittelteil bekommt ein nasses Tuch umgewickelt, das Vorderteil mit dem Kopf wird mit Schmalz und Mehl versehen, das Hinterteil brät schlicht.

Das nasse Tuch und der heiße Wein. Das nas tuch um die Mitte, zusätzlich fursich (fortwährend, immer wieder) mit heißem Wein begossen, hält das Mittelstück feucht und gart es im Dampf - ein Vorläufer des Garens en papillote, der das Fleisch zugleich von außen würzt. fursich ist hier nicht „vorsichtig", sondern „fortwährend/immer weiter": die Anweisung ist technisch, das Tuch darf nicht trocken werden.

Schmalz und Mehl am Kopf. Das fadertail des kops (Vorderteil mit Kopf) wird mit heißem Schmalz übergossen und mit Mehl bestreut. Das knochige, magere Kopfstück bekommt so eine schützende Kruste, bräunt und trocknet nicht aus. Dieselbe Schmalz-Mehl-Behandlung steht fast wörtlich beim zweiten Stück in mha-279 und rfk-070 - kein Konfit, sondern eine Krusten- und Schutztechnik.

Praxis. Die drei Zonen liegen gleichzeitig am selben Fisch auf dem Rost und brauchen unterschiedliche Hitze, was anspruchsvoller ist als das Stück-für-Stück-Garen der Verwandten. Bewährt hat sich die Lösung aus mar-265: flache Steine unter den Rost legen, sodass die volle Glut nur unter das Mittelteil kommt, während Vorder- und Hinterteil mildere Hitze bekommen. Den heißen Wein in einem Topf am Feuer bereithalten und das Tuch immer wieder begießen, solange der Fisch gart.

Was ist ein 'Rost' und wie verwende ich ihn?

Im Mittelalter wurde oft ein hölzerner Rost aus frischem, grünem Hartholz (z.B. Hasel, Weide, Buche) verwendet und über reiner Glut platziert. Das grüne Holz verbrennt nicht sofort, sondern glimmt und gart den Fisch langsam. Alternativ kann heute ein Metallrost über Holzkohle oder ein Backofenrost verwendet werden. Mehr dazu auf unserer Grundlagen-Seite.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja. Ein ganzer Hecht gart auf dem Rost über Glut, dazu braucht es nur Schmalz, Mehl, Salz und heißen Wein - kein Ofen. Ein frischer Fisch muss am Markttag besorgt oder gekühlt mitgebracht werden. Die Garzeit liegt bei etwa 30-45 Minuten. Etwas Übung verlangt, dass die drei unterschiedlich behandelten Zonen am selben Fisch verschiedene Hitze bekommen - flache Steine unter den Rost helfen, die Glut zu lenken.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Regensburger Kochbuch' (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde. Es ist ein Beispiel für die gehobene bürgerliche Festküche dieser Zeit und Region, die Wert auf vielseitige Zubereitung und repräsentative Schaugerichte legte.

Was bedeutet 'dreyer lay essen von ainem vischen'?

Dies bedeutet 'drei Arten von Speisen aus einem einzigen Fisch'. Das Rezept beschreibt, wie verschiedene Teile desselben ganzen Hechts unterschiedlich zubereitet werden, sodass am Ende drei Garweisen an einem Fisch zu sehen sind.

Wildu machen dreyr lay essen von ainem vischen Von ainem visch das der visch denoch gancz sey So nym ainen hecht vnd schlag vmb das mitel tayl ain nas tuch vnd leg In dan auf ain rast vnd salcz In vnd las in praten vnd des fadertail des kops das pegeus mitt hayssem schmalcz vnd pespreng es mit melb vnd das thuch pegeus fursich dar mit hayssem wein vnd das hinter taill das prett sich selber auff dem rost vnd ain gute salssen dar zue
rast

Ein Rost, oft aus Holz, auf dem Speisen über Glut gegart wurden. Siehe auch die Grundlagen-Seite zu hölzernen Rosten.

salcz In vnd las in praten

Hier als Verben zu lesen: „salze ihn und lass ihn braten".

pegeus

Eine mittelbairische Form von „begieße" (p für b).

fursich

Hier „fortwährend, immer wieder", nicht „vorsichtig". Das nasse Tuch wird laufend mit heißem Wein begossen, damit es feucht bleibt und das Mittelstück weiter dämpft.

melb

Eine mittelbairische Form von „Mehl".

salssen

Salse - eine Würzsauce als Begleitung zum Gericht.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919
Folio
Fol. 026v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, Regensburg, um 1500-1510)
Entstehung
Regensburg, Bayern, 1505

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdreyr lay

Gewählte Lesart: ‚dreierlei‘ oder ‚drei Arten von‘. Die Endung ‚-yr‘ ist eine mittelbairische Schreibvariante für ‚-er‘.

Lesartfursich

Gewählte Lesart: ‚fortwährend / immer weiter‘. Das Tuch wird laufend mit heißem Wein begossen, damit es feucht bleibt und das Mittelstück weiter dämpft - eine technische Garanweisung.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚vorsichtig‘ - Verworfen: ‚vorsichtig‘ (sorgsam) tilgt den eigentlichen Garmechanismus, das fortlaufende Feuchthalten des Tuchs. Mittelbairisch/frühneuhochdeutsch steht ‚fürsich‘ für ‚fort / weiterhin / nach vorne‘; ‚vorsichtig‘ wäre ‚vorsichtigklich/sorgsam‘.

Lesartfadertail

Gewählte Lesart: ‚Vorderteil‘. Die Schreibweise ‚fader-‘ statt ‚vorder-‘ ist eine mittelbairische Lautvariante, bei der ‚f‘ für ‚v‘ steht; gemeint ist der vordere Teil mit dem Kopf.

Lesartpespreng

Gewählte Lesart: ‚bestreue‘. Die Schreibweise ‚pespreng‘ ist eine mittelbairische Variante von ‚besprengen‘ oder ‚bestreuen‘, wobei ‚p‘ für ‚b‘ steht.

Originalwerk (~1505) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 026v, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 5919 (Regensburg, um 1500); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M9 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Gut am Feuer machbar: ganzer frischer Hecht auf dem Rost über Glut, dazu Schmalz, Mehl, Salz und heißer Wein - kein Ofen nötig. Ein ganzer Fisch ist in etwa 30-45 Minuten durch. Frischer Hecht muss am Markttag gekauft oder gekühlt mitgebracht werden. Ein Rost lässt sich aus frischem Hartholz vor Ort bauen. Etwas anspruchsvoller als das simple Zerteilen: die drei Zonen am selben Fisch brauchen unterschiedliche Hitze - flache Steine unter den Rost legen, damit nur das Mittelteil volle Glut bekommt.
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