Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Falsche Eierbrühe für den Karfreitag

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

VorspeiseVorspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen2-4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Willst du eine gute „Eierbrühe“ machen, die sich am Karfreitag gut essen lässt, ganz aus Mandeln und Wein: Stoße die Mandeln fein im Mörser und verrühre sie mit Wein.

Gib Ingwer dazu sowie einen kleinen Schuss getrocknete Fischbrühe. Ist keine Fischbrühe zur Hand, nimm stattdessen ein wenig Wasser. Färbe die Brühe gelb, mit Safran.

Beim Anrichten schneide gewürfeltes Weißbrot (Semmel) hinein.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
mandel Mandeln - -
wein Wein - -
Ingwer Ingwer - -
winczig durrer visch prue getrocknete Fischbrühe Fischhändler, oder selbst aus Stockfisch/Trockenfisch ansetzen Wasser statt Fischbrühe, so ausdrücklich im Original genannt, falls keine Fischbrühe erhältlich ist
gelb Safran (zum Gelbfärben) Gewürzhandel, gut sortierter Supermarkt -
semel burfflatt Weißbrot, gewürfelt - -

Welches Gericht ist das? Eine safrangelbe, sämige Mandel-Wein-Brühe mit Ingwer und einem Schuss Fischbrühe - eine eifreie „Cremesuppe“ avant la lettre, deren ganzer Witz darin liegt, dass sie wie eine reichhaltige Eierbrühe aussieht (Safran steht für das Eidotter), obwohl am strengen Fasttag Karfreitag weder Ei noch Milch noch Fleisch erlaubt waren. Im Korpus fast wortgleich belegt in m5919-026 (Cgm 5919, Regensburg um 1500) - einer Parallelüberlieferung desselben Rezepts aus einer anderen Handschrift.

Zum Durchstreichen. Das Rezept verlangt, die fein gestoßenen Mandeln „mit Wein durich“ (durch) zu rühren, nennt aber kein Hilfsmittel dafür. Die eng verwandten Rezepte mon-220 und mon-222 im selben Korpus verlangen an vergleichbarer Stelle ausdrücklich ein Tuch. In der Praxis lohnt es sich, die Masse durch ein feines Tuch oder Sieb zu streichen, um Mandelstückchen zu entfernen - eine naheliegende, aber für dieses Rezept selbst nicht wörtlich belegte Ergänzung.

Praxis. Mandeln im Mörser sehr fein stoßen und mit Wein zu einer milchigen Flüssigkeit verrühren, durch ein Tuch oder feines Sieb passieren. Ingwer und einen kleinen Schuss (eingekochte oder getrocknete) Fischbrühe unterrühren - ersatzweise etwas Wasser, wie im Original ausdrücklich vorgesehen. Mit Safran gelb färben. Kein Erhitzen nötig: Die Mischung wird kalt zubereitet und direkt serviert. Beim Anrichten gewürfeltes Weißbrot (Semmel) hineingeben. In etwa 20 Minuten fertig, komplett eifrei und ohne Kühlbedarf - ideal für die Lagerküche.

Warum heißt die Speise 'Eierbrühe', obwohl gar kein Ei enthalten ist?

Das ist eine bewusste Fasten-Täuschung. Am Karfreitag waren Eier und Fleisch verboten, deshalb wurde eine Mandel-Wein-Brühe angesetzt und mit Safran gelb gefärbt, damit sie wie eine echte Eierbrühe aussieht. Solche optischen Imitationen waren in der mittelalterlichen Fastenküche verbreitet.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, sehr gut sogar. Mandeln stoßen, mit Wein verrühren, mit Ingwer und Safran würzen und mit Brotwürfeln servieren, das geht in unter 20 Minuten mit einfachem Equipment (Mörser, Tuch zum Durchstreichen, Schüssel) und ohne Kühlungsbedarf.

Was bedeutet 'mach es gelb' im Rezept?

Das ist die Anweisung, die Brühe mit Safran gelb einzufärben, damit sie optisch an eine echte Eierbrühe mit Eidotter erinnert, obwohl kein Ei verwendet wird.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

ITem will dw machen ein guett ayr prue dy dw an dem karfreytag woll geessen magst von mandel vnd von wein So stoss den mandel chlain vnd streich In mit wein + durich thue dar ein Ingwer vnd ein winczig durrer visch prue magstu der visch prue nicht gehaben so nym ein wenig wasser vnd mach es gelb vnd wenn dw es anrichtest so sneyd dar ein semel firfflatt burfflatt
ayr prue

Wörtlich 'Eierbrühe', obwohl das Rezept kein Ei enthält. Der Name bezeichnet hier eine Fasten-Imitation: eine Mandel-Wein-Brühe, die durch die gelbe Safranfärbung optisch an Eierbrühe erinnert.

semel

Semmel/Weißbrot, hier gewürfelt als Einlage. Dient nicht der Bindung, sondern als Suppeneinlage.

gelb

Die Anweisung 'mach es gelb' meint das Färben mit Safran, wie auch die CoReMA-Sachglosse zu diesem Rezept bestätigt.

burfflatt

Verwandt mit dem im Korpus belegten 'wurfflott' (würfelig, in Würfel geschnitten) und bezeichnet die Schnittform des Weißbrots. Im Manuskript ist das vorangehende 'firfflatt' vom Schreiber selbst durchgestrichen (TEI-Beleg: del-Markierung) - 'burfflatt' ist die endgültige, vom Schreiber intendierte Lesart, keine zweite gleichwertige Schnittart.

karfreytag

Karfreitag war neben Aschermittwoch einer der strengsten Fastentage im Kirchenjahr, strenger als die gewöhnliche Fastenzeit - das erklärt den Aufwand der Ei-Illusion gerade an diesem Tag.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 083v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartayr prue

Gewählte Lesart: Der Rezeptname 'Eierbrühe' bezeichnet eine Fasten-Imitation ohne echtes Ei, die durch Safranfärbung optisch an Eierbrühe erinnert.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Name könnte auf eine ältere, eierhaltige Grundform des Gerichts verweisen, die für den Fastentag abgewandelt wurde. - Namen von Gerichten überdauern manchmal Zutatenänderungen aus früheren, nicht-fastenkonformen Versionen.

Lesartdurich

Gewählte Lesart: 'durich' (durch) bezieht sich auf das Durchrühren/Passieren der Mandel-Wein-Masse; das Transkript nennt dabei kein Hilfsmittel wie ein Tuch oder Sieb.

Andere mögliche Lesart:

  • Nach dem Vorbild der eng verwandten Rezepte mon-220 ('slach durich ein tuch mit wein') und mon-222 ('slach In durich ain tuch mit ainem ay') dürfte auch hier ein Tuch zum Passieren gemeint sein, auch wenn das Wort in diesem Transkript fehlt. - Formelhafte Parallelkonstruktion in zwei Schwesterrezepten desselben Korpus, aber ohne direkten Beleg im Text dieses Rezepts selbst.

Lesartwinczig durrer visch prue

Gewählte Lesart: Eine kleine Menge getrockneter, konzentrierter Fischbrühe, etwa aus Stockfisch angesetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • 'Durrer' könnte sich weniger auf die Zubereitungsart der Brühe als auf ihre insgesamt geringe, knapp bemessene Menge beziehen. - Mhd. 'dürr' kann neben 'getrocknet' auch allgemein 'karg/wenig' konnotieren, der Kontext lässt beide Lesarten zu.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 083v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Kein Kochschritt nötig, nur Mandeln stoßen, mit Wein verrühren, würzen und mit Brotwürfeln servieren. In 20 Minuten fertig, alle Zutaten lagerfähig oder problemlos mitzubringen.
Alle Rezepte aus Mondseer Kochbuch Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.