Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Grüne Fischsulze

Tegernseer Wirtschaftsbüchlein (Speisenbuch) · Kloster Tegernsee, Bayern · 1460

LesartRekonstruktion aus ZutatenlisteFischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofküche
Zubereitungszeit40 Min.Portionen4 PersonenBuchTegernseer Speisenbuch (~1460)

Zur grünen Sulze: 1 Maß Wein, 12 Eier, Essig und Pfeffer.

Hinweis: Im Original steht nur diese Zutaten- und Mengenliste der klösterlichen Großküche. Fisch und grüne Kräuter sind nicht genannt - sie sind aus dem Folio-Kontext (Sulzfisch-Rezepte auf fol. 54r) und aus dem Namen 'gruene sulsen' erschlossen.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
visch festes Fischfilet, gegart 500 g Fischhändler -
1 maß wein Weißwein (zum Garen; 1 bayer. Maß ~1 L, herunterskaliert mit Faktor 3 wie die Eier) 350 ml - -
12 ayr 4 Eier 4 Stück - -
eßig etwas Weinessig - - -
Petersilie und grüne Kräuter (für die Farbe) - Wochenmarkt, Garten -
pfeffer Pfeffer nach Geschmack - - -

Welches Gericht ist das? Eine grüne, ei-gebundene Kräutersauce über gekochtem Fisch - der Sache nach eine warme Verwandte der grünen Sauce (Salsa verde) und der Frankfurter Grünen Soße, hier mit Ei statt Brot gebunden. Trotz des Namens sulsen ist es nach der Zutatenliste keine kalt gestockte Aspik-Sülze: Eier binden durch Hitze, nicht durch Erkalten, und ein Geliermittel (Hausenblase) ist nicht genannt.

Der Name verspricht mehr, als der Text hergibt. Das Original (1 maß wein, 12 ayr, eßig und pfeffer) nennt weder Fisch noch Kräuter. Der Fisch ist aus dem Folio-Kontext erschlossen (fol. 54r trägt mehrere Sulzfisch-Rezepte, vgl. teg-009, teg-043), das grün aus dem Namen - period-typisch durch ausgepressten Petersilien-/Kräutersaft, nie durch moderne Behelfsfarben. Beide Ergänzungen sind redaktionelle Schlussfolgerungen, keine Angaben aus der Quelle selbst.

Sulsen - warm gebunden, nicht kalt gestockt. Die Ei-Essig-Masse stockt beim sanften Erhitzen durch Eiweißkoagulation. Wer eine wirklich kalt-feste Sülze will, braucht zusätzlich Hausenblase (hausenplaten), die im Tegernseer Speisenbuch andernorts als Geliermittel belegt ist.

Praxis. Festen Fisch (Hecht, Karpfen, ca. 500 g) in Wein gar ziehen und bereitlegen. 4 Eier mit etwas Weinessig und Pfeffer verrühren, reichlich fein gehackte Petersilie/grüne Kräuter untermischen. Diese Masse über sanfter Hitze (Wasserbad oder kleine Flamme) unter stetigem Rühren binden lassen, bis sie merklich andickt - nicht aufkochen, sonst gerinnt sie grießig. Heiß über den Fisch gießen, warm servieren.

Wie wird die Sulze grün?

Durch reichlich frische grüne Kräuter (vor allem Petersilie), die unter die Ei-Essig-Masse gemischt werden. Die Bindung entsteht durch sanftes Erhitzen der Ei-Masse - Eier stocken durch Hitze (Eiweißkoagulation), nicht durch Erkalten. Für eine wirklich kalt-gestockte Sülze wäre historisch Hausenblase (hausenplaten) nötig, die im Tegernseer Speisenbuch als Geliermittel belegt ist.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Tegernseer Speisenbuch (1453-1534, Kloster Tegernsee, Bayern). Klösterliches Speisenbüchlein des Benediktiner-Klosters Tegernsee (BSB München, Cgm 8137). Das Speisenbuch (fol. 45r-85r) dokumentiert den Klosteralltag: welche Speisen zu Fastenzeiten und Festtagen aufzutischen waren. Typische bayerische Klosterküche - Fastengerichte, Fischspeisen, Milch- und Mehlspeisen. Datiert 1453-1534. Das Fischbüchlein (fol. 97r-109v) enthält Anweisungen zur Fischerei. Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Manuskript M13 katalogisiert.

zu gruener sulsen: 1 maß wein, 12 ayr, eßig und pfeffer.
gruene sulsen

„Grüne Sulze" - hier nach der Zutatenliste keine kalt gestockte Aspik, sondern eine warm mit Ei gebundene, grün gefärbte Kräutersauce über Fisch. Das Wort sulsen deckt im Korpus auch warme, dickliche Zubereitungen ab.

hausenplaten

Hausenblase - aus der Schwimmblase des Hausen/Störs gewonnenes Geliermittel, im Tegernseer Speisenbuch für echte Aspik-Sülzen belegt. Hier nicht genannt, daher keine kalte Sülze.

Handschrift
Tegernseer Wirtschaftsbüchlein (Speisenbuch)
Folio
fol. 54r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Ostmittelbairisch, 15./16. Jh.)
Entstehung
Kloster Tegernsee, Bayern, 1460

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesart

Lesart

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Tegernseer Speisenbuch, BSB Cgm 8137, fol. 54r - Münchener Digitalisierungszentrum Quelle öffnen
Transkription
BSB Cgm 8137, Kochbüchlein (fol. 45r-85r). Edition: Anton Birlinger, Kalender und Kochbüchlein aus Tegernsee, Germania 9 (1864), S. 192-207. Gemeinfrei. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Frischer Fisch nötig; Ei-Masse über kleiner Flamme/Wasserbad binden (nicht kochen), warm servieren - am Feuer machbar. Eine kalt gestockte Variante mit Hausenblase wäre dagegen eingeschränkt (Kaltstellen).
Alle Rezepte aus Tegernseer Speisenbuch Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.