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Knoblauch-Gallerte zu einer Gans

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen6-8 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Nimm eine junge Gans, die gut und schön zubereitet ist.

Danach nimm Knoblauch und Weißbrot in gleichen Mengen und stoße dies gut. Gib dann Weinessig und Honig hinzu und ziehe es vorher durch.

Du kannst es auch würzen, wenn du möchtest, es ist aber nicht gewöhnlich.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ain ganß die jung sy die wol vnd schon berait sy 1 junge, gut und sauber zubereitete Gans Metzger, Wochenmarkt -
knobloch Knoblauch - -
wißbrot Weißbrot - altbackenes Weißbrot
win essich Weinessig - -
hong Honig - -
bewurtzen Gewürze (optional) gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Pfeffer, Ingwer, Zimt

Welches Gericht ist das? Eine kalte, brotgebundene Knoblauchsauce zur Gans: Knoblauch und eingeweichtes Weißbrot zu gleichen Teilen zerstoßen, mit Weinessig und Honig süß-sauer angerührt und passiert, dann zur zubereiteten Gans gereicht. Das Grundprinzip - kräftiges Geflügel mit einer scharf-säuerlichen, brotgebundenen Sauce statt einer Bratensauce zu servieren - ist bis heute in mediterranen Knoblauch-Brot-Saucen wie Agliata oder Skordalia lebendig.

Mörser oder nicht? Das Transkript nennt für das Zerstoßen von Knoblauch und Weißbrot kein Gefäß (‚stosß daz wol‘). Die fast wortgleiche Schwester-Rezeptur ka1-029 im selben Codex nennt hier ausdrücklich einen Mörser (‚stosß daz in ainem morser‘) - eine plausible, aber für ka1-023 selbst nicht belegte Ergänzung.

Durchziehen, aber wodurch? Ebenso bleibt offen, wodurch die Mischung gezogen wird: ka1-023 sagt nur ‚zuch es vor hin durch‘, ohne ein Tuch oder Sieb zu nennen. Das ist im Ka1-Korpus keine Ausnahme - auch andere Rezepte der Handschrift verwenden ‚durch‘ ohne Objekt als knappe Formel fürs Passieren. Die Schwester-Rezeptur ka1-029 füllt die Lücke mit ‚durch ain tuach‘ - stützt die naheliegende Praxis, ersetzt aber keinen fehlenden Beleg in ka1-023 selbst.

Kalt oder gekocht? Anders als ka1-029, das die Sauce nach der Honigzugabe ausdrücklich aufkochen lässt, kennt ka1-023 keinen Kochschritt. Die Sauce bleibt hier eine kalte, ungekochte Würzpaste - Essig und Honig sorgen zugleich für die Haltbarkeit.

Praxis. Knoblauch und eingeweichtes, ausgedrücktes Weißbrot zu gleichen Teilen im Mörser zu einer feinen Paste zerstoßen. Mit Weinessig und Honig zu einer gießfähigen, süß-sauren Sauce verrühren und durch ein feines Tuch oder Sieb streichen, bis sie glatt ist. Kalt zur fertig zubereiteten Gans reichen. Wer würzen möchte, kann sparsam Pfeffer, Ingwer oder Zimt zugeben - laut Rezept ist das aber nicht die übliche Praxis.

Was ist eine ‚Gallerte‘ (Galrait) in diesem Rezept?

Im mittelalterlichen Kontext kann ‚Gallerte‘ (Galrait) eine breite Palette von Zubereitungen umfassen. Hier, ohne die Nennung von Geliermitteln wie Fischblase oder kollagenreicher Brühe, handelt es sich wahrscheinlich um eine dickflüssige, passierte Sauce mit einer würzig-süß-säuerlichen Note, die als Beilage zur Gans dient.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, die Zubereitung der Gallerte selbst ist sehr einfach und schnell am offenen Feuer machbar. Die größte Herausforderung ist die Gans, die entweder bereits zubereitet mitgebracht oder vor Ort aufwendig gebraten oder gekocht werden muss. Die Sauce kann aber problemlos frisch zubereitet werden.

Was bedeutet der Hinweis ‚es ist aber nicht gewöhnlich‘ bezüglich der Gewürze?

Dieser Vermerk deutet darauf hin, dass die Grundrezeptur mit Knoblauch, Brot, Essig und Honig bereits als schmackhaft und ausreichend galt. Gewürze waren teuer und wurden oft als Statussymbol oder für besondere Geschmacksnuancen eingesetzt. Die Aussage impliziert, dass man sie hinzufügen kann, wenn man möchte, es aber nicht die Standardpraxis für dieses Gericht war.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Galrait an ain ganß Ain knobloch galrait an ain ganß nem ain ganß die jung sy die wol vnd schon berait sy dar nach niem knobloch vnd wißbrot glich vil vnd stosß daz wol vnd denn win essich dar an vnd hong vnd zuch es vor hin durch du macht es ouch bewurtzen ob du wil es ist nit gewonlich etc.
Galrait

Im Mittelalter ein vielseitiger Begriff, der sowohl eine gelierte Sülze als auch eine dickflüssige, oft passierte Sauce bezeichnen konnte. Hier, ohne explizites Geliermittel, ist eine Sauce wahrscheinlicher - eine Lesart, die die wortgleiche Schwester-Rezeptur m384-039 unabhängig bestätigt.

die wol vnd schon berait sy

‚schon‘ ist hier eine unumgelautete Schreibvariante von ‚schön‘ im Sinne von ‚gut/ordentlich‘ - keine spezifisch bairisch-österreichische Dialektform. Die wortgleiche Schwester-Handschrift m384-039 liest dieselbe Formulierung ebenso als ‚gut und schön zubereitet‘.

stosß daz wol

Das Transkript nennt kein Gefäß für das Zerstoßen. Ein Mörser ist die naheliegende Praxis und wird von der Schwester-Rezeptur ka1-029 im selben Codex ausdrücklich genannt (‚in ainem morser‘) - für ka1-023 selbst ist das eine plausible, aber nicht wörtlich belegte Ergänzung.

zuch es vor hin durch

‚vor hin‘ ist hier ein Adverb im Sinne von ‚vorher/zuvor‘, nicht richtungsanzeigend. Das Transkript nennt kein Passiermedium - kein ‚tuoch‘ oder ähnliches. ‚Durch‘ ohne Objekt ist im Ka1-Korpus eine wiederkehrende, elliptische Kurzformel fürs Passieren; die Schwester-Rezeptur ka1-029 füllt sie mit ‚durch ain tuach‘, was die naheliegende Praxis stützt, aber keine wörtliche Aussage von ka1-023 ist.

es ist nit gewonlich

Dieser Hinweis bedeutet, dass die Grundrezeptur ohne zusätzliche Gewürze als ausreichend und typisch galt. Gewürze waren teuer und wurden oft sparsam oder nur für besondere Anlässe verwendet.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Folio
Fol. 110v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartGalrait

Gewählte Lesart: Eine dicke, passierte Knoblauch-Sauce mit süß-säuerlicher Note, die als Beilage zur Gans dient.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine gelierte Sülze oder Aspik. - Dies ist unwahrscheinlich, da keine Gelatine oder kollagenreiche Brühe als Zutat genannt wird, die eine Gelierung bewirken könnte. Die wortgleiche Schwester-Rezeptur m384-039 kommt unabhängig zum selben Ergebnis.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 110v, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125 ("Sermones", [Reichenau], 15. Jh.), Rezeptteil fol. 108r-120r - Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die Zubereitung der Gallerte ist schnell und einfach. Die Herausforderung liegt in der Gans selbst, die gut vorbereitet (gebraten oder gekocht) ins Lager gebracht oder vor Ort zubereitet werden muss. Die Sauce kann frisch am Feuer angerührt werden.
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