Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450
Nimm eine junge Gans, die gut und schön zubereitet ist.
Danach nimm Knoblauch und Weißbrot in gleichen Mengen und stoße dies gut. Gib dann Weinessig und Honig hinzu und ziehe es vorher durch.
Du kannst es auch würzen, wenn du möchtest, es ist aber nicht gewöhnlich.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| ain ganß die jung sy die wol vnd schon berait sy | 1 junge, gut und sauber zubereitete Gans | Metzger, Wochenmarkt | - |
| knobloch | Knoblauch | - | - |
| wißbrot | Weißbrot | - | altbackenes Weißbrot |
| win essich | Weinessig | - | - |
| hong | Honig | - | - |
| bewurtzen | Gewürze (optional) | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Pfeffer, Ingwer, Zimt |
Welches Gericht ist das? Eine kalte, brotgebundene Knoblauchsauce zur Gans: Knoblauch und eingeweichtes Weißbrot zu gleichen Teilen zerstoßen, mit Weinessig und Honig süß-sauer angerührt und passiert, dann zur zubereiteten Gans gereicht. Das Grundprinzip - kräftiges Geflügel mit einer scharf-säuerlichen, brotgebundenen Sauce statt einer Bratensauce zu servieren - ist bis heute in mediterranen Knoblauch-Brot-Saucen wie Agliata oder Skordalia lebendig.
Mörser oder nicht? Das Transkript nennt für das Zerstoßen von Knoblauch und Weißbrot kein Gefäß (‚stosß daz wol‘). Die fast wortgleiche Schwester-Rezeptur ka1-029 im selben Codex nennt hier ausdrücklich einen Mörser (‚stosß daz in ainem morser‘) - eine plausible, aber für ka1-023 selbst nicht belegte Ergänzung.
Durchziehen, aber wodurch? Ebenso bleibt offen, wodurch die Mischung gezogen wird: ka1-023 sagt nur ‚zuch es vor hin durch‘, ohne ein Tuch oder Sieb zu nennen. Das ist im Ka1-Korpus keine Ausnahme - auch andere Rezepte der Handschrift verwenden ‚durch‘ ohne Objekt als knappe Formel fürs Passieren. Die Schwester-Rezeptur ka1-029 füllt die Lücke mit ‚durch ain tuach‘ - stützt die naheliegende Praxis, ersetzt aber keinen fehlenden Beleg in ka1-023 selbst.
Kalt oder gekocht? Anders als ka1-029, das die Sauce nach der Honigzugabe ausdrücklich aufkochen lässt, kennt ka1-023 keinen Kochschritt. Die Sauce bleibt hier eine kalte, ungekochte Würzpaste - Essig und Honig sorgen zugleich für die Haltbarkeit.
Praxis. Knoblauch und eingeweichtes, ausgedrücktes Weißbrot zu gleichen Teilen im Mörser zu einer feinen Paste zerstoßen. Mit Weinessig und Honig zu einer gießfähigen, süß-sauren Sauce verrühren und durch ein feines Tuch oder Sieb streichen, bis sie glatt ist. Kalt zur fertig zubereiteten Gans reichen. Wer würzen möchte, kann sparsam Pfeffer, Ingwer oder Zimt zugeben - laut Rezept ist das aber nicht die übliche Praxis.
Im mittelalterlichen Kontext kann ‚Gallerte‘ (Galrait) eine breite Palette von Zubereitungen umfassen. Hier, ohne die Nennung von Geliermitteln wie Fischblase oder kollagenreicher Brühe, handelt es sich wahrscheinlich um eine dickflüssige, passierte Sauce mit einer würzig-süß-säuerlichen Note, die als Beilage zur Gans dient.
Ja, die Zubereitung der Gallerte selbst ist sehr einfach und schnell am offenen Feuer machbar. Die größte Herausforderung ist die Gans, die entweder bereits zubereitet mitgebracht oder vor Ort aufwendig gebraten oder gekocht werden muss. Die Sauce kann aber problemlos frisch zubereitet werden.
Dieser Vermerk deutet darauf hin, dass die Grundrezeptur mit Knoblauch, Brot, Essig und Honig bereits als schmackhaft und ausreichend galt. Gewürze waren teuer und wurden oft als Statussymbol oder für besondere Geschmacksnuancen eingesetzt. Die Aussage impliziert, dass man sie hinzufügen kann, wenn man möchte, es aber nicht die Standardpraxis für dieses Gericht war.
Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).
Im Mittelalter ein vielseitiger Begriff, der sowohl eine gelierte Sülze als auch eine dickflüssige, oft passierte Sauce bezeichnen konnte. Hier, ohne explizites Geliermittel, ist eine Sauce wahrscheinlicher - eine Lesart, die die wortgleiche Schwester-Rezeptur m384-039 unabhängig bestätigt.
‚schon‘ ist hier eine unumgelautete Schreibvariante von ‚schön‘ im Sinne von ‚gut/ordentlich‘ - keine spezifisch bairisch-österreichische Dialektform. Die wortgleiche Schwester-Handschrift m384-039 liest dieselbe Formulierung ebenso als ‚gut und schön zubereitet‘.
Das Transkript nennt kein Gefäß für das Zerstoßen. Ein Mörser ist die naheliegende Praxis und wird von der Schwester-Rezeptur ka1-029 im selben Codex ausdrücklich genannt (‚in ainem morser‘) - für ka1-023 selbst ist das eine plausible, aber nicht wörtlich belegte Ergänzung.
‚vor hin‘ ist hier ein Adverb im Sinne von ‚vorher/zuvor‘, nicht richtungsanzeigend. Das Transkript nennt kein Passiermedium - kein ‚tuoch‘ oder ähnliches. ‚Durch‘ ohne Objekt ist im Ka1-Korpus eine wiederkehrende, elliptische Kurzformel fürs Passieren; die Schwester-Rezeptur ka1-029 füllt sie mit ‚durch ain tuach‘, was die naheliegende Praxis stützt, aber keine wörtliche Aussage von ka1-023 ist.
Dieser Hinweis bedeutet, dass die Grundrezeptur ohne zusätzliche Gewürze als ausreichend und typisch galt. Gewürze waren teuer und wurden oft sparsam oder nur für besondere Anlässe verwendet.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Galrait
Gewählte Lesart: Eine dicke, passierte Knoblauch-Sauce mit süß-säuerlicher Note, die als Beilage zur Gans dient.
Andere mögliche Lesart:
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