Koch vnd Kellermeysterey von allen Speisen vnd Getrencken · Frankfurt am Main · 1574
Breche die Stiele der Kirschen ab. Zerstoße die Kirschen mitsamt den Kernen in einem Mörser. Nimm Feigen und Rosinen für dieses Gericht. Weiche weiße Brotschnitten in Wein ein. Vermische alle Zutaten miteinander. Streiche die Masse durch ein Tuch, dabei gibst du weiteren Wein hinzu. Achte darauf, dass die Konsistenz weder zu dick noch zu dünn wird. Gib eine Prise Mehl und Butter hinzu. Verrühre alles gut in einer Pfanne. Richte das Mus an, während es kocht, wie du es auch mit anderem Mus tun würdest. Gib geklärtes Schmalz und Gewürze darüber. Serviere es so. Auf diese Weise kannst du auch Muses aus Amarellen, Weichseln oder Erdbeeren zubereiten. Roter Wein passt besser dazu als weißer. Die Prise Mehl sollst du zuvor gut mit etwas Wein verrühren, ehe du sie zur Masse gibst. Dann rühre alles gut um, bis es kocht; so dickt es ein und erhält eine gute Konsistenz.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| die stiel ab/ stos in eim Mörser mit Kern vnd al | 500 g Kirschen (mit Kernen) | - | Entsteinte Kirschen, ggf. mit Bittermandelaroma für den Kerngeschmack |
| Feigen | 100 g getrocknete Feigen | - | - |
| Rosin | 50 g Rosinen | - | - |
| weis Brotschnitten | Weißbrot | - | - |
| Wein | 250 ml Rotwein | - | Traubensaft oder Wasser für eine alkoholfreie Variante |
| ein steublin Mehl | 1 TL Weizenmehl | - | - |
| Butter | 20 g Butter | - | - |
| lauter Schmaltz | 2 EL geklärtes Schweineschmalz | Metzger | Geklärte Butter (Ghee) oder Pflanzenöl |
| Würtz | 1 Prise gemahlene Gewürze (z.B. Zimt, Nelken, Ingwer) | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein warmes Kirschenmus - ein gebundenes Frucht-Püree, das als süße Speise serviert wird. Es ist der Vetter des Powidl und der vielen mittelalterlichen Frucht-Müser (Feigenmus, Rosinenmus, Pflaumenmus), die quer durch die Kochbücher laufen. Der Text nennt die Verwandtschaft selbst: ebenso lassen sich Amarellen-, Weichsel- und Erdbeermus machen.
Die Kirschen werden mit Kern und allem im Mörser zerstoßen. Das ist Absicht: die zerstoßenen Kerne geben eine feine Bittermandel-Note ab. Beim Kochen wird das verantwortliche Enzym deaktiviert, sodass im fertigen Mus praktisch keine Blausäure verbleibt - dasselbe Prinzip wie bei Bittermandellikören. Wer den Mörser-Aufwand scheut, entsteint und gibt einen Tropfen Bittermandelaroma zu.
Gebunden wird doppelt: zuerst mit in Wein geweichtem Weißbrot - das zeittypische Bindemittel -, dann mit einem steublin Mehl, einer Prise Mehl. Der Text gibt dafür die genaue Anweisung: das Mehl vorher gut mit Wein verrühren (zwieren), ehe es in die Masse kommt, dann rühren bis es kocht - so klumpt es nicht und müset es sich, dickt also zur Mus-Konsistenz ein. Das ist eine frühe Mehl-Anrührbindung, wie sie in den späteren Quellen des 16. Jahrhunderts neben der älteren Brotbindung auftaucht.
Gekrönt wird das fertige Mus mit lauter Schmaltz (geklärtem Schmalz) und Gewürzen - eine glänzende, würzige Fett-Haube, die obenauf gegeben wird. Roter Wein, sagt der Text ausdrücklich, passt besser als weißer; er gibt Farbe und Tiefe.
Praxis. 500 g Kirschen (entsteint oder mit ein paar mitgemörserten Kernen für das Aroma) mit 100 g getrockneten Feigen und 50 g Rosinen sowie ein paar in Rotwein eingeweichten Weißbrotscheiben fein pürieren, mit insgesamt etwa 250 ml Rotwein durch ein Sieb oder Tuch treiben - nicht zu dick, nicht zu dünn. 1 TL Mehl glatt mit etwas Wein verrühren, zur Masse geben, mit 20 g Butter in der Pfanne unter Rühren aufkochen, bis es eindickt. Anrichten, mit etwas geklärtem Schmalz (oder Butter) und gemahlenen Gewürzen (Zimt, Nelken, Ingwer) bestreuen. Warm servieren.
Das Rezept weist an, die Kirschen mitsamt den Kernen im Mörser zu zerstoßen, eine gängige Praxis, um den mandelartigen Geschmack der Kerne freizusetzen. Die Kerne enthalten Amygdalin, das beim Zerstoßen geringe Mengen Blausäure freisetzen kann; diese sind jedoch selbst roh weit unter der toxischen Schwelle, und durch das Kochen wird das verantwortliche Enzym deaktiviert, sodass im fertigen Mus praktisch keine Blausäure mehr vorhanden ist, dasselbe Prinzip wie bei Bittermandellikören.
Ja, dieses Rezept ist sehr gut für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind robust und gut transportierbar. Das Zerstoßen im Mörser kann auch mit einem großen Holzstößel erfolgen, und das Kochen in einer Pfanne über offenem Feuer ist unkompliziert. Für eine schnellere Zubereitung können die Kirschen bereits zu Hause entsteint und grob zerkleinert werden.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch 'Koch und Kellermeisterei', das um 1574 in Frankfurt am Main veröffentlicht wurde. Es ist ein typisches Beispiel für die frühneuzeitliche Küche im deutschsprachigen Raum, die oft süße und herzhafte Elemente miteinander verband und einfache, aber effektive Verdickungsmethoden nutzte.
Ein 'steublin Mehl' bedeutet eine kleine Menge Mehl, eine Prise oder ein Teelöffel. 'Lauter Schmaltz' bezieht sich auf geklärtes, reines Schmalz, meist Schweineschmalz. Es wurde oft als Fett zum Anbraten oder als geschmacksgebende Zutat verwendet und über fertige Speisen gegeben, ähnlich wie heute Butter oder Öl.
Mitsamt den Kernen zerstoßen - für die Bittermandel-Note. Das Kochen deaktiviert das Enzym, sodass im fertigen Mus praktisch keine Blausäure verbleibt.
Eine Prise Mehl - hier als Anrührbindung (vorher mit Wein glattgerührt), zusätzlich zur älteren Brotbindung.
Gründlich verrühren - das Mehl mit Wein klumpenfrei anrühren, ehe es in die heiße Masse kommt.
Es dickt ein und wird zu Mus - der Bindungs-Effekt beim Aufkochen.
Geklärtes, reines Schmalz - hier als glänzende, würzige Fett-Haube über das fertige Mus gegeben.
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