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Kalbslebermus nach Tegernseer Art

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 725 · Tegernsee / Oberbayern · 1480

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit75 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMünchner Kochbuchhandschriften (Cgm 725) (~1480)

Nimm die Leber von einem Kalb und siede sie gar. Treibe die gekochte Leber dann zusammen mit Weißbrot durch ein feines Tuch, sodass eine sehr glatte Masse entsteht, ähnlich der Konsistenz einer feinen Pfeffersauce.

Gieße diese Lebermasse anschließend in heißes Schmalz. Gib ein wenig Essig und Gewürze hinzu und lass alles kurz aufwallen. Das Mus wird gut schmecken.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
dy leber von einem kalb Kalbsleber - Metzger -
weissem prott Weißbrot - - altbackenes Weißbrot oder Toastbrot ohne Rinde
haisz Smalcz Schweineschmalz - - Butterschmalz oder Pflanzenöl für eine vegetarische Variante
ein wenig essig etwas Essig - - Weinessig oder Apfelessig
gewurcz Gewürze - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Eine Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Nelken und Muskatblüte

Welches Gericht ist das? Ein Leberpfeffer / eine feine Leberpastete: gekochte Kalbsleber wird mit Weißbrot durch ein Tuch passiert (alls ain pffeffer - wie eine dunkle Brotsauce), dann in heißem Schmalz mit Essig und Gewürz aufgekocht. Ein herzhafter Pasteten-/Aufstrich-Vorfahr.

Technik. Das Passieren mit eingeweichtem Brot bindet die Masse samtig (Brotbindung statt Mehlschwitze); der Essig gibt die süß-saure Spannung, die viele mittelalterliche Leber-Gerichte prägt (vgl. die Leber-Brotsaucen ant-041 und bgs-029).

Praxis. Kalbsleber gar kochen, mit etwas eingeweichtem Weißbrot fein pürieren/passieren, in heißem Schmalz mit einem Schuss Essig und Gewürzen (Pfeffer, Ingwer, Nelke, Muskatblüte) kurz aufkochen. Warm als Mus oder Aufstrich. Frische Leber braucht Kühlung - im Lager als Tagesgericht machbar.

Was ist ein ‚Lebermus'?

Ein ‚Lebermus' ist eine mittelalterliche Bezeichnung für eine Art feine Leberpastete oder ein Leberpüree. Es wurde oft als Beilage oder Brotaufstrich serviert und zeichnete sich durch eine sehr glatte, gebundene Konsistenz aus.

Welche Gewürze soll ich für dieses Rezept verwenden?

Das Rezept nennt nur allgemein ‚Gewürze'. Typisch für ein herzhaftes Gericht dieser Zeit und Region wäre eine Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Nelken und Muskatblüte. Du kannst die Menge und Mischung nach deinem Geschmack anpassen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung ist in etwa 60-90 Minuten am offenen Feuer möglich. Beachte, dass frische Kalbsleber eine Kühlkette benötigt, aber für einen Tageseinsatz im Lager gut machbar ist.

Was bedeutet die Anweisung ‚treib sy dan durch ein tuech'?

Diese Anweisung bedeutet, die gekochte Leber und das Brot durch ein feines Tuch oder Sieb zu passieren. Ziel ist es, eine besonders glatte, feine Masse zu erhalten, ähnlich einer modernen Pastete, die mit einem Pürierstab oder Blender erreicht werden kann.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Münchner Kochbuchhandschriften (Cgm 725) (spätes 15. Jh., Tegernsee / Oberbayern). Kleine Kochrezeptsammlung (22 Rezepte) aus einer überwiegend medizinisch-pharmazeutischen Sammelhandschrift des Klosters Tegernsee. Die Rezepte liegen in zwei Lagen: ein Wein- und Lebkuchenrezept auf Bl. 41r, die Hauptsammlung auf Bl. 139r-142v. Inhaltlich Fruchtmuse (Erdbeer, Weichsel, Holunder, Reis, Kalbsleber), Quittenlatwerge, Schweinsbraten, gefüllter Kapaun, mehrere Fastenfisch-Gerichte (Fischsülze, Fisch im Pfeffer, gebackener Fisch) sowie gefüllte Eier, gebrannte Küchlein und kandierter grüner Ingwer. Zweite Tegernsee-Quelle im Korpus neben dem Tegernseer Speisenbuch (Cgm 8137) - ermöglicht den direkten Vergleich zweier Kochüberlieferungen desselben Klosters. Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Handschrift M5 ediert.

Item ain leber musz Nym dy leber von einem kalb vnd sewd die vnd treib sy dan durch ein tuech mit weissem prott alls ain pffeffer vnd gews dann das In ain haisz Smalcz vnd ein wenig essig vnd gewurcz darein vnd las erwallen es wirtt guett
leber musz

Ein ‚Mus' (mhd. muos) bezeichnete im Mittelalter eine breiige, pürierte oder pastetenartige Speise, die sowohl süß (Fruchtmus) als auch herzhaft (Fleischmus, Lebermus) sein konnte. Hier ist es eine Art feine Leberpastete oder -püree.

sewd die

‚Sieden' bedeutet hier, die Leber in Wasser gar zu kochen.

treib sy dan durch ein tuech

Das Durchtreiben durch ein Tuch (oder Sieb) diente dazu, eine besonders feine, glatte Konsistenz zu erzielen, vergleichbar mit modernem Pürieren oder Passieren.

alls ain pffeffer

Die ‚Pfeffersauce' (Pfeffer) war im Mittelalter eine häufige, dunkle und kräftig gewürzte Sauce, oft mit Brot gebunden. Der Vergleich bezieht sich hier auf die gewünschte glatte, gebundene Konsistenz und den würzigen Charakter des Mus, nicht auf eine wörtliche Identität mit einer Pfeffersauce.

Smalcz

Tierisches Fett, meist Schweineschmalz. Es dient hier als Bratfett und Geschmacksträger.

gewurcz

Eine allgemeine Bezeichnung für Gewürze. Im spätmittelalterlichen Bayern wären dies typischerweise Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskatblüte und eventuell Galgant gewesen. Die genaue Mischung ist dem Koch überlassen.

erwallen

Kurz aufkochen oder aufwallen lassen, um die Zutaten zu verbinden und das Mus zu erhitzen.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 725
Folio
Fol. 139v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostmittelbairisch, Kloster Tegernsee, spätes 15. Jh.)
Entstehung
Tegernsee / Oberbayern, 1480

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartalls ain pffeffer

Gewählte Lesart: Diese Phrase beschreibt die gewünschte Konsistenz und den würzigen Charakter des Lebermuses, das ähnlich glatt und pikant wie eine mittelalterliche Pfeffersauce sein soll. Es ist keine Anweisung, eine Pfeffersauce hinzuzufügen.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Phrase könnte bedeuten, dass das Lebermus mit einer Pfeffersauce vermischt werden soll. - Dies ist weniger wahrscheinlich, da das Rezept die Pfeffersauce als Vergleich für die Textur und Würzung verwendet und nicht als separate Zutat auflistet, die hinzugefügt werden soll.

Lesartgewurcz

Gewählte Lesart: Der Begriff ‚Gewürze' ist allgemein gehalten und bezieht sich auf eine typische mittelalterliche Gewürzmischung für herzhafte Speisen, wie Pfeffer, Ingwer, Nelken und Muskatblüte.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 139v, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 725 (spätes 15. Jh.); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M5 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 725), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in etwa 60-90 Minuten fertig. Frische Kalbsleber benötigt eine Kühlkette, ist aber für einen Tageseinsatz im Lager gut machbar.
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