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Welscher Eierkuchen (Kräuter-Frittata)

Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43 (CoReMA A1) · Bayern (Landshut) · 1450

LagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.2/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit15 Min.Portionen2-4 PersonenBuchKochbuch Meister Eberhards (~1450)

Nimm zehn Eier und schlage sie gut auf. Gib Petersilie hinzu und rühre es untereinander. Nimm einen Mörser und stelle ihn auf glühende Kohlen. Gib einen Löffel voll Schmalz hinein und lass es heiß werden. Gieße die Eier hinein und lass es langsam backen. Lege es dann ganz auf eine Schüssel und versalze es nicht.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
zehen eyer 10 Eier - -
peterlein Petersilie - -
einen loeffel vol schmaltz 1 Löffel voll Schmalz Supermarkt Pflanzenöl oder Butter

Welches Gericht ist das? Ein welscher (italienischer) Eierkuchen - im Kern eine Kräuter-Frittata: zehn verquirlte Eier mit Petersilie, in heißem Schmalz langsam gestockt und ganz auf eine Schüssel gestürzt. Lebende Verwandte: die italienische frittata di erbe und die spanische tortilla de hierbas. Es ist die schlankste Variante der Eierkuchen-Familie des Korpus - ohne Käse, ohne Füllung, ohne Süße (vgl. die reicheren bgs-052, boc-043, boc-044). Fast wortgleich überliefert als koe-015 im Königsberger Kochbuch.

Technik. Der morserr ist hier ein Kochgefäß, kein Stoßmörser: auf die Glut gesetzt, ein Löffel Schmalz darin erhitzt, die Eiermasse hineingegeben und kul (kühl = bei milder Hitze) gestockt, damit sie nicht bräunt. Ein dickwandiger Metallmörser oder kleiner Topf gibt genau die sanfte, gleichmäßige Hitze, die das kul pachen verlangt. Die Warnung versaltz es nit ist eine Küchenwarnung, keine Salzmenge - das Schmalz trägt schon Würze, also sparsam salzen.

Praxis. Modern: 10 Eier mit reichlich gehackter Petersilie verquirlen, in einer schweren oder gusseisernen Pfanne 1 EL Schmalz (oder Butter/Pflanzenöl) richtig heiß werden lassen, dann die Hitze zurücknehmen und die Masse bei milder Hitze langsam durchstocken. Zu starke Unterhitze verbrennt den Boden, bevor die Mitte fest ist. Am Schluss ganz auf die Schüssel stürzen (gerösteter Boden oben), nicht wenden. Ergibt einen sättigenden, kräuterdurchzogenen Fladen für 2-4 Personen.

Warum heißt der Eierkuchen ‚welsch‘?

‚Welsch‘ (frühneuhochdeutsch ‚welisch‘) bedeutet ‚italienisch‘ - vgl. die ‚welsche Nuss‘ = Walnuss. Gemeint ist also ein Eierkuchen nach italienischer Art, im Kern eine Kräuter-Frittata. Die Vorlage steht fast wortgleich auch im Königsberger Kochbuch, wo sie ‚weyschenn kuchen‘ heißt; die hiesige Schreibung ‚meyschen‘ ist sehr wahrscheinlich ein Verschreiber (m statt w).

Was ist ein ‚Mörser‘ in diesem Rezept und brauche ich einen Mörser und Stößel?

In diesem Rezept ist der ‚Mörser‘ kein Stoßgefäß, sondern ein feuerfestes Kochgefäß, das direkt auf glühende Kohlen gesetzt wird. Für moderne Nachkocher ist eine kleine gusseiserne Pfanne oder ein flacher Topf über milder Glut der passende Ersatz.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist sehr gut für die Lagerküche geeignet. Es ist schnell zubereitet (ca. 15-20 Minuten), benötigt nur wenige, robuste Zutaten und einfache Ausrüstung wie eine Pfanne oder einen Topf über dem Feuer. Im Sommer die rohen Eier tagesfrisch verarbeiten.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Kochbuch Meister Eberhards‘, das um 1450 am Hof Herzog Heinrichs von Bayern-Landshut entstand. Es ist in Frühneuhochdeutsch (bairischer Dialekt) verfasst und Teil einer Sammelhandschrift aus dem 15. Jahrhundert.

Wiltu machen ein meyschen kuchenn So nym auff zehen eyer vnd zuslach sie wol vnd nym darzu peterlein vnd rurr es vndereinander vnd nym einen morserr vnd setz auff ein kolenn vnd thue dar ein einen loeffel vol schmaltz vnd laß es heyß werdenn vnd geuß die eyerr darein vnd laß es kul pachen vnd thu es also gantz auff ein schussel versaltz es nit
meyschen kuchenn

‚meyschen' ist hier mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Verschreiber für ‚weyschen' = welisch = italienisch (welscher Kuchen). Der Wort-für-Wort-Zwilling koe-015 im Königsberger Kochbuch hat an gleicher Stelle ‚weyschenn kuchen'; m und w sind in der Schreiberhand der Periode leicht verwechselbar. ‚Welscher Eierkuchen' = eine frühe Kräuter-Frittata.

morserr

Hier dient der Mörser nicht zum Zerstoßen, sondern als feuerfestes Kochgefäß, das direkt auf die Glut gesetzt wird - ein im Korpus mehrfach belegtes Muster (vgl. koe-015, koe-002, koe-013). Modern entspricht das einer kleinen, schweren Pfanne oder einem flachen Topf über milder Glut.

kul pachen

‚kühl backen' meint im Kontext des Garens über Glut ein langsames, schonendes Stocken bei moderater Hitze, damit der dicke Eierkuchen gleichmäßig durchgart, ohne anzubrennen.

Handschrift
Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43 (CoReMA A1)
Folio
Fol. 059v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch, 15. Jh.)
Entstehung
Bayern (Landshut), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmeyschen kuchenn

Gewählte Lesart: ‚welischer (italienischer) Kuchen‘ - eine Kräuter-Frittata nach welscher Art. Belegt durch den fast wortgleichen Zwilling koe-015, der an gleicher Stelle ‚weyschenn kuchen‘ liest; ‚meyschen‘ ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Verschreiber (m statt w).

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Maischkuchen‘ - ein aus einer ‚Maische‘ (Brei/Teig) zubereiteter Kuchen. - Verworfen: Eine Maische ist ein Getreide- oder Malzbrei; hier gibt es weder Getreide noch Teig, nur Eier und Petersilie. Die Herleitung wäre eine erfundene Etymologie, der der parallele Zwilling koe-015 mit der kohärenten Lesart ‚welsch‘ widerspricht.

Lesartmorserr

Gewählte Lesart: Wir interpretieren ‚morserr‘ hier als ein feuerfestes Kochgefäß (Topf oder Pfanne), das auf Kohlen gesetzt wird. Dasselbe Muster zeigt der Zwilling koe-015 sowie koe-002 und koe-013.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine wörtliche Lesart als ‚Mörser‘ (Stoßmörser) ist denkbar. - Das Wort ‚morserr‘ ist explizit genannt. Doch der Text beschreibt, wie er auf die Glut gesetzt und Schmalz darin erhitzt wird - es wird nichts zerstoßen. Die Verwendung als Kochgefäß ist daher schlüssiger.

Lesartkul pachen

Gewählte Lesart: Wir interpretieren ‚kul pachen‘ als ‚langsam und schonend backen‘ bei moderater Hitze - so bleibt der Eierkuchen hell und zart, der Rand brennt nicht an, bevor die Mitte stockt.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 059v, Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. A1 (Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf oder in der feuerfesten Pfanne über moderater Glut in etwa 15-20 Minuten fertig. Robuste Zutaten, kein Kühlbedarf, einfaches Equipment. Im Sommerlager die rohen Eier tagesfrisch verarbeiten.
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