Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Gebratene Milch vom Spieß

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RezeptSonstigesLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm Milch und Eier zu gleichen Teilen und schlage sie kräftig miteinander, bis sie sich gut vermengt haben. Gib Safran hinein und fülle die Mischung in einen kleinen Topf.

Stelle diesen Topf in einen größeren Kessel mit siedendem Wasser, so dass kein Wasser in den kleinen Topf laufen kann. Lass die Mischung im Wasserbad sieden, bis sie fest geworden ist.

Schütte sie dann auf ein weißes Tuch und beschwere sie darin, damit das Wasser herausgepresst wird. So wird es hart wie ein Käse.

Schneide sie danach in Stücke, stecke diese auf einen Spieß und brate sie über einem Rost. Bestreue sie mit Gewürz und begieße sie mit Schmalz. So gib sie zu essen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
milich Milch - -
air Eier - -
saffrann Safran Gewürzhandel, Online-Gewürzhandel -
wasßr Wasser (für das Wasserbad) Leitung -
geburcz Gewürz - -
spalcz Schmalz - -

Welches Gericht ist das? Eine Ei-Milch-Mischung wird im Wasserbad zu einem festen Gerinnsel gegart, im Tuch ausgepresst bis hart wie Käse, dann in Stücke geschnitten, aufgespießt, über der Glut gebraten, gewürzt und mit Schmalz begossen. Das ist kein echter Käse - kein Lab, keine Fermentation -, sondern ein hitzegeronnenes Ei-Milch-Gel, das zum Käse-Imitat verarbeitet und wie ein Fleischstück am Spieß behandelt wird. Mehrere Handschriften überliefern nahezu wortgleich denselben Rezepttyp, kein Einzelfall also, sondern ein etablierter spätmittelalterlicher Küchentrick. Die Verwandtschaft zu heutigen Grillkäse-Spießen (Halloumi, Paneer Tikka, gegrillter Feta) ist rein technisch: dasselbe Prinzip, ein Milchprodukt so fest zu machen, dass es am Spieß nicht zerläuft, für dasselbe Problem, keine Abstammungslinie.

Der kleine Topf im Kessel. 'haffran', wenig später im Text 'haffen' genannt, meint einen kleinen Topf, der ins siedende Wasser eines größeren Kessels gestellt wird, ein frühes Wasserbad. Zwillingsrezepte bestätigen unabhängig dieselbe Zwei-Gefäß-Konstruktion mit derselben Anti-Überlauf-Formel (das Wasser darf nicht in den inneren Topf laufen). Diese sanfte, indirekte Hitze verhindert, dass die empfindliche Ei-Milch-Masse anbrennt oder klumpig statt gleichmäßig gerinnt.

Auspressen statt bloßem Abtropfen. Nach dem Gerinnen wird die Masse auf ein Tuch geschüttet und darin beschwert, damit das Wasser herausgepresst wird, erst dadurch wird sie zusätzlich hart wie Käse, eine Steigerung gegenüber dem vorherigen bloßen Gestocktsein. Zwillingsrezepte zeigen, wie das konkret aussieht: mit einem Brett und Steinen beschweren oder das Tuch auswinden. Wer die Masse anschließend kräftig auspresst, bekommt ein schnittfestes Ergebnis, das Aufspießen und Braten übersteht.

Praxis. Milch und Eier im Verhältnis 1:1 sind ungewöhnlich eiweißreich für einen Eierstich, genau dieser hohe Eianteil sorgt dafür, dass die Masse am Ende fest genug ist, um geschnitten, aufgespießt und über der Glut gebraten zu werden, ohne auseinanderzufallen. Nach dem Auspressen in eher kleine, kompakte Stücke schneiden und vorsichtig aufspießen, selbst nach dem Pressen bleibt die Masse zerbrechlicher als Halloumi oder gepresster Schnittkäse, also beim Wenden über der Glut behutsam vorgehen. Ein gewöhnlicher Rost aus Metall über der Glut funktioniert unbedenklich; ein Rost aus frischem Grünholz, wie ihn ein anderes Rezept derselben Zeit nennt, ist für dieses Rezept selbst nicht belegt und bleibt Geschmackssache.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut machbar. Man braucht einen kleinen und einen größeren Topf für das Wasserbad, ein sauberes Tuch zum Abtropfen sowie einen Spieß und einen Rost über der Glut. In etwa einer bis eineinhalb Stunden ist die Milch-Käse-Speise fertig, alle Zutaten sind lagerfreundlich und brauchen keine besondere Kühlung.

Was für einen Rost braucht man zum Braten der Milch-Käse-Stücke, und wie vermeide ich, dass sie durchfallen?

Das Rezept selbst nennt nur 'rost', ohne Materialangabe: ein gewöhnlicher Rost aus Metall über der Glut funktioniert unbedenklich und ist archäologisch gut belegt. Ein anderes Rezept derselben Zeit beschreibt für ein sehr ähnliches Gericht einen ausdrücklich hölzernen Rost aus frischem Grünholz, das ist plausibel, aber für dieses Rezept nicht textlich belegt und wird auf der Grundlagen-Seite selbst nur als eine von mehreren ungesicherten Thesen behandelt. Damit die Stücke nicht durchfallen oder zerbrechen, hilft es, die Masse vorher kräftig auszupressen und eher kleine, kompakte Stücke zu schneiden.

Warum wird die Ei-Milch-Mischung im Wasserbad gegart und nicht direkt über dem Feuer?

Direkte Hitze würde die empfindliche Ei-Milch-Masse anbrennen oder ungleichmäßig gerinnen lassen. Der kleine Topf steht deshalb in siedendem Wasser in einem größeren Kessel, so dass die Wärme sanft und gleichmäßig ankommt, genau wie beim modernen Wasserbad für Cremes und Saucen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

ITem nym milich vnd air geleich vnd + kloppf dy vast vntter ein ander vnd thue + saffrann dar In vnd thues in ain haffran vnd secz in ain siedens wasßr In ain chessel da + das wasßr nit in denn haffen nicht gee / vnd lass sieden vnczt das es s gestocht dar nach scheuss es auff ain weiss tuech vnd + besauber ym tuech das wasser da von seycht so wirtt es hertt als ein kass dar nach so + sneycz vnd stoss an ain spiss vnd pracz auff ain rost vnd thue geburcz dar auff vnd begeuss mit spalcz vnd gibs czw essen etc.
haffran

Ein kleiner Topf/Häferl, in den die Ei-Milch-Masse gefüllt wird. Wenige Zeilen später nennt der Text dasselbe Gefäß erneut 'haffen', beide Stellen meinen offenbar denselben kleinen Innentopf des Wasserbads, nicht den großen Kessel.

gestocht

Gemeint ist 'gestockt', also fest geronnen/geliert, so wie sich Ei-Milch-Mischungen beim Erhitzen zu einer festen Masse setzen.

besauber

Vermutlich verwandt mit 'beschweren': die Masse wird im Tuch aktiv beschwert/ausgepresst, damit das Wasser herausgepresst wird, nicht bloß passiv abgetropft. Der genaue Lautweg von 'besauber' zu 'beschwer' ist nicht restlos gesichert, aber mehrere Zwillingsrezepte beschreiben an derselben Stelle übereinstimmend dieses aktive Pressen, etwa mit Brett und Steinen beschwert oder das Tuch ausgewunden.

hertt

Bairisch/mhd. 'hart' (nicht 'fest'): eine Steigerung gegenüber dem zuvor genannten Gestocktsein, die Masse wird nach dem Auspressen im Tuch noch fester, nämlich hart wie Käse.

kass

Käse ist hier nur ein Vergleichsmaßstab für die Festigkeit der Masse, nicht selbst Zutat des Rezepts.

pracz

Bairische Verbform von 'braten', also 'brat es' - Kochanweisung, kein Substantiv.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 086r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarthaffran

Gewählte Lesart: Ein kleiner Topf/Häferl (dasselbe Gefäß, das wenig später im Text als 'haffen' bezeichnet wird), in das die Ei-Milch-Masse gefüllt und ins Wasserbad gestellt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • CoReMA glossiert 'haffran' an dieser Stelle als 'cauldron' (Kessel). - Der Text unterscheidet aber ausdrücklich zwischen diesem Gefäß und dem größeren 'chessel', der das siedende Wasser enthält. Zudem glossiert CoReMA an derselben Textstelle die zweite Nennung desselben Gefäßes ('haffen') als 'pot' (kleiner Topf), eine uneinheitliche Doppel-Glossierung, die eher für eine grobe Lexem-Zuordnung ohne Kontext-Abgleich spricht als für eine bewusste Größenaussage. Ein Zwillingsrezept verwendet für beide Nennungen konsequent dasselbe Wort und stützt damit die primary_reading (ein einziges kleines Gefäß) deutlich stärker als CoReMAs gespaltene Glossierung.

Lesartbesauber

Gewählte Lesart: Vermutlich verwandt mit 'beschweren': die abgetropfte Masse wird im Tuch aktiv beschwert/ausgepresst, damit das Wasser herausgepresst wird, nicht bloß passiv abgetropft.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich 'be-sauber(e)' im Sinn von 'sammle/reinige die Masse im Tuch' (rein passives Abtropfen). - Diese Lesart galt bisher als primary_reading, ist aber durch Zwillingsrezepte an derselben Stelle im Ablauf überholt: dort wird die Masse explizit mit Brett und Steinen beschwert oder das Tuch ausgewunden, um das Wasser herauszupressen. Der genaue Lautweg von 'besauber' zu 'beschwer' bleibt unsicher, da kein direkter Wörterbuchbeleg für diese Form existiert, die beschriebene Handlung (aktives Pressen statt passives Abtropfen) ist aber durch die Zwillinge gut gestützt.

Lesartrost (Material)

Gewählte Lesart: Ein gewöhnlicher Rost, heute üblicherweise aus Metall, über der Glut. mon-261 nennt nur 'rost' ohne Materialangabe.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein Rost-Gestell aus frischem Grünholz (etwa Hasel, Weide, Buche). - Diese These stammt aus einem anderen Rezept derselben Zeit, das ausdrücklich einen hölzernen Rost nennt, und wird auf der Grundlagen-Seite selbst als eine von mehreren unbewiesenen Thesen gekennzeichnet. Für mon-261 selbst ist sie nicht textlich gestützt, physikalisch aber plausibel.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 086r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Wasserbad im Kessel, Abtropfen im Tuch, dann Spieß über der Glut: alles mit Lager-Standardausrüstung machbar, insgesamt etwa 60 bis 90 Minuten. Milch und Eier brauchen keine Kühlung, solange sie frisch verarbeitet werden.
Alle Rezepte aus Mondseer Kochbuch Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.