München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505
Willst du eine Sülze von Kalbsfüßen zubereiten, so koche die Kalbsfüße gut in Wein. Wenn sie gar gekocht sind, nimm sie aus der Brühe und stoße sie klein in einem Mörser. Streiche sie dann mit der Brühe durch ein Tuch.
Gib einen guten Honig und gute Gewürze hinzu und lass es erneut sieden. Schäume es schön ab und gieße es dann auf eine kleine Pfanne. Lass es stehen, bis es fest wird.
Nimm es dann wieder über die Hitze und ziehe es schnell wieder herunter. Schlage es auf eine Bank, dann schneide es, wie du willst, und versalze es nicht.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| kelber fuessen | Kalbsfüße | Metzger | - |
| wein | Wein | - | - |
| honig | guten Honig | - | - |
| gut gewurtz | gute Gewürze | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskatblüte |
| Salcz | Salz | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine echte Kalbsfuß-Sülze (Aspik) - hier geliert sie tatsächlich, denn Kalbsfüße sind kollagenreich (anders als der zweifelhafte Kornblüten-Trick anderswo). Verwandt mit kkm-060 (Kalbsleber-Sülze) und ri15632-035 (Gallerte u.a. von Kalbsfüßen).
Die Technik. Kalbsfüße in Wein weich kochen, fein mörsern, mit der Brühe durch ein Tuch streichen, mit Honig und Gewürz erneut sieden, sauber abschäumen, auf eine Pfanne gießen und fest werden lassen. Kurz wieder erwärmen, auf eine Bank stürzen und schneiden.
geyslicz/geischlicz. Ein zeittypischer Name für diese Sülze/Gallert von Füßen (vgl. ‚Geschlitz'); die genaue Wortbildung ist unsicher.
Praxis. Wie Kalbsfuß-Sülze/Sulze: Füße lange auskochen (gibt Gelatine), würzen, klären, kalt stocken lassen, in Schnitten servieren.
Im mittelalterlichen Kochkontext ist ein ‚Mörser' ein großer Fleischmörser, kein kleiner Gewürzmörser. Er diente dazu, Fleisch, Fisch oder andere Zutaten zu einer feinen Farce zu zerstoßen. Für dieses Rezept kannst du die Kalbsfüße nach dem Kochen mit einem Fleischwolf fein wolfen oder in einer Küchenmaschine pürieren, um eine glatte Konsistenz zu erreichen. Wer authentisch arbeiten möchte, verwendet einen großen Granit-Mörser mit einem schweren Holzstößel.
Eingeschränkt (Aufwand & Kühlung): Die Zubereitung ist zeitaufwendig und erfordert eine zuverlässige Kühlung, damit die Sülze fest wird. Das Zerkleinern der Kalbsfüße im Mörser ist aufwendig, kann aber durch einen Fleischwolf oder Mixer ersetzt werden. Das erneute Erhitzen und schnelle Abziehen erfordert Fingerspitzengefühl am offenen Feuer. Es ist am besten für Schaukochen geeignet, bei dem die Kalbsfüße bereits am Vortag gekocht und zerkleinert wurden und die Sülze über Nacht in einer Kühlbox fest werden kann.
Dieses Rezept stammt aus dem ‚Regensburger Kochbuch' (Cgm 5919), einer Handschrift, die um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde. Es repräsentiert die gehobene bürgerliche bis klösterliche Festküche des mittelbairischen Raums und zeigt die Vorliebe für aufwendige Sülzen und Pasteten dieser Zeit.
‚Geyslicz' (oder ‚geischlicz') stammt aus dem Slawischen (böhm. ‚kyselice' = saure Mehlspeise) und meinte ursprünglich eine saure Hafergrütze - so noch in den Mondseer Rezepten mon-151 und mon-152. Der Name weitete sich aber auf jede feste, in eine Form gegossene und kalt fest gewordene Speise aus, unabhängig von der Zutat - hier auf eine Kalbsfuß-Sülze, deren natürliches Kollagen beim Abkühlen geliert. Vergleichbar mit modernem Aspik, nur dass der Name ursprünglich von einer ganz anderen, getreidebasierten Speise kommt.
Die Etymologie ist geklärt: ‚Geislitz' ist ein slawisches Lehnwort (böhm. ‚kyselice' = saure Mehlspeise, ‚kyselý' = sauer), belegt bei Lexer, im Schweizerischen Idiotikon und im Grimm'schen DWB - NICHT von ‚Geschlitz' oder ‚Geiß' abzuleiten, trotz des Anklangs. Ursprünglich bezeichnete es speziell eine saure Hafergrütze (so in den engen Korpus-Belegen mon-151 und mon-152); der Name weitete sich aber offenbar auf jede feste, gegossene und erkaltete Masse aus - hier auf eine Kalbsfuß-Sülze, ganz ohne Getreide. Gemeinsam ist beiden Verwendungen nur die Zubereitungstechnik (kochen, in eine Form gießen, kalt fest werden lassen), nicht die Zutat.
Schäume es schön ab - der Schaum/Trub muss weg, damit die Sülze klar wird.
Auf eine Bank/Platte stürzen, um die feste Sülze zum Schneiden zu lösen.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Eine Sülze/Gallert von Kalbsfüßen. Etymologie geklärt: slawisches Lehnwort (böhm. ‚kyselice' = saure Mehlspeise), belegt bei Lexer/Idiotikon/Grimm. Ursprünglich eine saure Hafergrütze (vgl. mon-151, mon-152); der Name wurde hier auf eine ganz andere, kollagenbasierte Sülze übertragen - gemeinsam ist nur die Gieß-und-Erkalten-Technik.
Andere mögliche Lesart:
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