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Grüne Hühner mit Petersilien-Sauce

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

GeflügelHauptspeise · GeflügelLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit90 Min.Portionen2-4 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Die grünen Hühner bereitest du wie folgt zu:

Nimm fein gehackte Petersilie und vermische sie mit Eiern und Mehl. Würze die Mischung kräftig.

Schlage diese Masse anschließend durch ein feines Tuch, um eine glatte, grüne Sauce zu erhalten. Verfahre dann damit so, wie es im vorhergehenden Rezept (mha-182, „Schwarze Hühner mit farbigen Nägelein") beschrieben ist: Gieß die grüne Sauce über die gebratenen Hühner.

Zur Garnierung: Spicke die grünen Hühner mit Gewürznelken, die mit essbarem Silber- UND Goldblatt überzogen sind, diese Farb-Kombination ist im Schwarzen-Hühner-Rezept ausdrücklich den grünen Hühnern vorbehalten.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
huner (aus mha-182) 2 gebratene Hühner - -
petersill geriben Petersilie - -
ayren Eier - -
mel Mehl - -
gewurcz wol Gewürze - -
nagelein (aus mha-182) Gewürznelken (mit Silber- UND Goldblatt überzogen) - -
silbrein vnd guldein (aus mha-182) Essbares Silber- und Goldblatt Spezialgeschäft für Backzubehör, Online-Handel Für eine günstige Variante: Nelken mit Safran (gold-gelb) oder rotem Sandelholz einfärben

Welches Gericht ist das? Ein spätmittelalterliches Bankett-Schaugericht: gebratene Hühner, übergossen mit einer ungekochten, durch ein Tuch passierten Petersilien-Ei-Sauce. Die Grundidee - frische Kräuter roh mit Ei und Mehl verquirlt, passiert, über warmes Fleisch gegossen - ist eine frühe Vorstufe der grünen Kräutersaucen-Familie (Sauce Verte, Salsa Verde), allerdings ohne deren spätere Essig-Öl-Emulsion. Fast wortgleich findet sich dasselbe Verfahren im Königsberger Kochbuch (koe-011, „Grün gebratenes Huhn") sowie, mit anderer Verwendung, in der englischen Verde Sawse (foc-136).

Praxis. Die Hühner werden zunächst gebraten, wie im vorhergehenden Rezept mha-182 beschrieben. Für die Sauce Petersilie fein hacken oder im Mörser zerstoßen (geriben), mit Eiern und etwas Mehl vermischen und kräftig würzen, der Text nennt keine festen Mengen, üblich für „gewurcz wol" waren Salz, Pfeffer, Ingwer, Galgant und Nelken. Die Masse durch ein feines Tuch passieren, das entfernt Petersilienfasern und Ei-Klümpchen und ergibt eine glatte, sattgrüne Sauce. Anschließend über die bereits gebratenen Hühner gießen.

Eine Schwachstelle sollte man ehrlich benennen: Der Text erwähnt kein Erhitzen der Sauce selbst, sie wird kalt angerührt und lediglich über das heiße Huhn gegossen. Die Resthitze eines fertig gebratenen Huhns reicht kaum aus, um rohes Ei sicher zu garen oder eine verlässliche Bindung zu erzeugen, in der Praxis empfiehlt es sich, die Petersilien-Ei-Mischung kurz und vorsichtig zu erwärmen, bevor sie über die Hühner kommt. Frisch passieren und zügig servieren, Petersiliengrün oxidiert und verfärbt sich sonst braun. Zum Abschluss die Hühner mit Gewürznelken spicken, die abwechselnd mit Silber- und Goldblatt überzogen sind, laut mha-182 ist diese doppelte Edelmetall-Garnierung den grünen Hühnern als teuerster Variante der Serie vorbehalten.

Sind die ‚Grünen Hühner‘ wirklich Hühner, oder ein Gemüse-Gericht?

Echte Hühner. Der Name bezieht sich auf die grüne Sauce aus Petersilie, Eiern und Mehl, die über die gebratenen Hühner gegossen wird. Sie sind das dritte Glied einer dreiteiligen Bankett-Serie im Meister Hans: rote Hühner, schwarze Hühner (mha-182), grüne Hühner, alle drei sind gebratene Hühner, jeweils mit einer farbigen Sauce übergossen und unterschiedlich verzierten Gewürznelken garniert.

Worauf bezieht sich die Anweisung ‚wie oben beschrieben steht‘?

Diese Formulierung verweist auf das unmittelbar vorhergehende Rezept im Meister Hans (mha-182, ‚Schwarze Hühner mit farbigen Nägelein‘), das die Anweisung enthält: die Sauce über die gebratenen Hühner gießen und mit Gewürznelken garnieren. Für die grünen Hühner gilt dabei nach der dortigen Garnier-Hierarchie ausdrücklich: silberne UND goldene Nägelein.

Wie mache ich ‚silberne und goldene Nägelein‘?

Du überziehst Gewürznelken vorsichtig mit essbarem Silber- oder Goldblatt (im Spezialgeschäft für Backzubehör oder online erhältlich). Für die grünen Hühner brauchst du beide Sorten gemischt. Alternativ kannst du die Nelken auch mit periodentreuen Pflanzenfarben (Safran für Gold-Gelb, rotes Sandelholz für Rot) einfärben, um einen ähnlichen Effekt zu erzielen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dieses Rezept ist für eine festliche Tafel gedacht und erfordert aufwendige Vorbereitung, insbesondere die Hühner-Bratung und das filigrane Belegen der Gewürznelken mit Silber- und Goldblatt, die am Lager kaum umsetzbar sind. Zuhause vorbereiten.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Kochbuch des Meisters Hans‘, das um 1460 in Basel verfasst wurde. Es ist Teil einer kleinen Serie von Bankett-Schau-Hühnern (rot, schwarz, grün) und spiegelt die gehobene spätmittelalterliche Tafel-Kultur wider, in der Farb-Symbolik und Edelmetall-Garnierung den Status des Hauses zeigten.

Die grunen huner beraitt also . Item groenne huner mach also . Nym petersill geriben mit ayren vnd mel vnd gewurcz wol vnd schlachs durch ain tuoch vnd thue dem auch also Als oben geschriben stet .
grunen huner

„Grüne Hühner" sind gebratene Hühner, die ihre Farbe durch eine grüne Petersilien-Ei-Sauce erhalten. Sie sind das dritte Glied einer dreiteiligen Bankett-Serie im Meister Hans: rote Hühner (mit silbernen Nägelein), schwarze Hühner (mit goldenen Nägelein), grüne Hühner (mit silbernen UND goldenen Nägelein). Die Garnier-Hierarchie hebt die grüne Variante als Höhepunkt hervor.

geriben

Hier im Sinne von fein gehackt oder im Mörser zerstoßen, nicht gerieben wie mit einer Reibe. Im Mhd. kann „reiben" auch das feine Zerkleinern im Mörser meinen.

gewurcz wol

Eine allgemeine Anweisung zum kräftigen Würzen, die typischerweise Salz, Pfeffer, Ingwer, Galgant und Nelken umfasste.

schlachs durch ain tuoch

Die Masse durch ein feines Tuch passieren, um eine sehr glatte Sauce-Konsistenz zu erzielen.

Als oben geschriben stet

Bezieht sich auf das unmittelbar vorhergehende Rezept (mha-182, „Schwarze Hühner mit farbigen Nägelein"), das die Anweisung enthält, die Sauce über die gebratenen Hühner zu gießen und sie mit Gewürznelken zu spicken. Für die grünen Hühner gilt dabei nach mha-182 ausdrücklich: silberne UND goldene Nägelein (die rote Variante nur silbern, die schwarze nur golden).

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 069r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgrunen huner

Gewählte Lesart: ‚Grüne Hühner‘ sind gebratene Hühner, die durch eine grüne Petersilien-Ei-Sauce ihre Farbe erhalten. Diese Lesart ergibt sich zwingend aus dem Verweis auf das vorhergehende Rezept mha-182, das eine identische Sauce-über-Huhn-Logik beschreibt und die grünen Hühner ausdrücklich in der Garnier-Hierarchie nennt.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine eigenständige grüne Sauce ohne Bezug zu konkretem Geflügel. - Diese Lesart ist schwächer, weil der Verweis ‚als oben geschriben stet‘ direkt auf mha-182 zeigt, das eine Sauce-für-gebratene-Hühner ist, nicht auf ein eigenständiges Mus.

Lesartgeriben

Gewählte Lesart: ‚Geriben‘ wird hier im Sinne von fein gehackt oder im Mörser zerstoßen verstanden, um die Petersilie für die glatte Sauce vorzubereiten.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte auch bedeuten, dass die Petersilie durch ein Sieb oder Tuch gerieben wird, um den Saft zu extrahieren. - Das Verb ‚reiben‘ konnte im Mhd. auch das Passieren durch Tuch/Sieb bedeuten. Für die glatte grüne Sauce ist beides denkbar, das Endergebnis ähnlich.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 069r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Festtafel-Schaugericht: gebratene Hühner unter leuchtend grüner Petersilien-Ei-Sauce, garniert mit silber- und goldverzierten Gewürznelken. Aufwendige Präsentation, zuhause vorbereiten.
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