Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wollt ihr eine rote Geislitz zubereiten, so nehmt ein halbes Pfund Rosinen. Passiert diese gut mit den Gewürzen für die Geislitz und gebt Safran hinzu. Wenn die Masse gesotten ist, gießt sie auf eine Schüssel und lasst sie kalt werden. Serviert sie dann so.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| ain ? 1/2 talentum weinper | 250 g Rosinen | - | - |
| gewurcz | Gewürze (für die Geislitz) | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Zimt, Nelken, Ingwer, Kardamom, Pfeffer |
| saffrian | Safran | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
Welches Gericht ist das? Eine gekochte, mit Rosinen und Gewürzen versetzte Masse, die auf eine Schüssel gegossen wird und beim Erkalten fest wird - kein Getränk und keine dünne Sauce, sondern eine gestockte Frucht-Süßspeise, wie man sie heute am ehesten von einem festen Fruchtaufstrich oder einer Latwerge kennt.
Die stillschweigend vorausgesetzte Flüssigkeit. Der Text nennt weder Wasser noch Wein zum Einweichen der Rosinen, doch trockene Rosinen lassen sich kaum roh „durchschlagen“ (passieren) - dafür braucht es vorheriges Einweichen oder kurzes Erwärmen in etwas Flüssigkeit. Das Rezept setzt diesen Zwischenschritt vermutlich als bekannt voraus, wie es die gleiche Formel „slachs durch“ auch im Schwesterrezept mon-239 tut.
Praxis. Rosinen (250 g) mit einem Schuss Wasser oder Wein kurz erwärmen, bis sie weich sind, dann zusammen mit den Gewürzen für die Geislitz fein durch ein Sieb oder eine Reibe passieren, bis eine glatte Masse entsteht. Safran erst danach unterrühren, er braucht keine lange Kochzeit. Die Masse kurz aufkochen und einkochen lassen, bis sie sich verdickt, dann in eine Schüssel gießen und an einem kühlen, schattigen Ort (oder über Nacht) fest werden lassen. Kalt servieren.
Eine ‚Geislitz‘ war im Mittelalter eine Art gestockte Speise, die oft aus Getreide, Früchten oder Wein zubereitet wurde. Ursprünglich eine saure Hafergrütze, entwickelte sie sich zu einer breiteren Kategorie von süß-sauren, gewürzten und oft gefärbten Gerichten, die kalt serviert wurden.
Das Rezept nennt keine spezifischen Gewürze außer Safran. Typisch für süß-saure mittelalterliche Gerichte wären jedoch Zimt, Nelken, Ingwer, Kardamom oder eine Prise Pfeffer. Experimentiere mit einer Mischung, die dir schmeckt.
Ja, mit Einschränkungen. Die Zutaten sind lagerfähig und die Zubereitung am Feuer ist einfach. Allerdings muss das Gericht nach dem Kochen abkühlen und fest werden, was in einem heißen Sommerlager ohne Kühlmöglichkeiten eine Herausforderung sein kann. Ein kühler, schattiger Platz oder eine Kühlbox sind für das Erstarren hilfreich.
Ein ‚talentum‘ war ein mittelalterliches Gewichtsmaß. In diesem Kontext, im süddeutschen und österreichischen Raum, entsprach es in der Regel einem Pfund, also etwa 500 Gramm. Ein halbes Talentum sind somit 250 Gramm.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Der Begriff „Geislitz“ (von slawisch „kyselice“) bezeichnete ursprünglich eine saure Hafergrütze. Im Spätmittelalter erweiterte sich die Bedeutung jedoch auf verschiedene Arten von festen, gegossenen und kalt gestockten Speisen, oft auf Frucht- oder Weinbasis. Hier handelt es sich um eine gewürzte, gesüßte und gefärbte Variante.
Ein „Talentum“ war ein mittelalterliches Gewichtsmaß, das regional variierte. Im süddeutschen und österreichischen Raum entsprach es oft einem Pfund, also etwa 500 g. Ein halbes Talentum sind demnach etwa 250 g.
„Slachs durch“ (von „schlagen durch“) bedeutet hier, die Rosinen zu passieren oder sehr fein zu zerstoßen/pürieren, um eine glatte Masse zu erhalten, die sich gießen und stocken lässt.
„Der Geislitz-Gewürz“ (mit bestimmtem Artikel) legt eine feststehende, für Geislitz-Gerichte übliche Gewürzmischung nahe statt allgemeiner Gewürze. Im Schwesterrezept mon-239 steht an derselben Stelle eine namentlich benannte Mischung („Rumanie“) - ein Hinweis, dass solche Mischungen rezeptintern als Fachbegriff behandelt wurden.
Die CoReMA-GAMS-Objektseite zu diesem Rezept glossiert „weinper“ allgemein als „grape“, ohne zwischen frisch und getrocknet zu unterscheiden. Im Kontext (feste Gewichtsmenge, Verarbeitung zu einer stichfesten, passierten Masse) bleibt „Rosinen“ die im Korpus übliche und hier plausiblere Lesart.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
geysslicz / geysslycz
Gewählte Lesart: „Geislitz“ als Gerichtname, eine Art gewürzte, gesüßte und kalt gestockte Speise auf Frucht- oder Weinbasis. Die CoReMA-GAMS-Glosse „sauce (dish)“ unterstützt eine breite Interpretation als zubereitetes Gericht, das auch eine sämige Konsistenz haben kann. Die „rottew“-Färbung und die Zutaten (Rosinen, Safran) passen zu einer solchen Speise.
Andere mögliche Lesart:
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