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Reh-Haut-Sülze - kollagenreiche Aspik aus dem Niederwild

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

Hauptspeise · Wild·Hofküche
600 Min.ca. 1,5-2 L Sülze (je nach Rehhaut-Größe)Rheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Original - Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)

Reh-Haut-Sülze - kollagenreiche Aspik aus dem Niederwild - Originalseite aus Rheinfränkisches Kochbuch
fol. 287r, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), Public Domain Mark 1.0

Transkription - Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)

Wiltu abir ein galrey machen von einer rechun So nym die hut vnd bruwe das hare abe vnd mach sie gar sůberlich vnd siede sÿ vnd kerryp sÿ tzu samen dan tzu stück sÿ spannen lang vnd tzweyer finger breyte vnd mach ein gude sulße dar uß wol gestanden.

fyndling.de 2026 (Vision-Transkription nach dem PD-Scan der SBB Berlin, Mgf 244, fol. 287r) - CC BY-NC-SA 4.0

Moderne Übersetzung

Lagerküche-Tipp: Schlachte-Verarbeitung - traditioneller Jagd-und-Wild-Topf.

Bei der Jagd-Verwertung fällt eine kollagenreiche Ressource an: die Reh-Haut. Sie ergibt eine der festesten Sülzen, die die mittelalterliche Küche kannte.

Willst du eine Sülze aus einem Reh machen, so nimm die Haut und brühe das Haar ab[1]. Mach sie ganz sauber und siede sie. Krimpe sie zusammen[2], dann schneide sie zu Streifen, eine Spanne lang und zwei Finger breit[3]. Mache daraus eine gute Sülze, gut bestanden (= gut geliert).

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
hut von einer rechun 1 ganze Reh-Haut (frisch von der Jagd, vor dem Gerben) Jäger / Wildhandel - die Haut wird normalerweise zum Gerben weiterverkauft, lässt sich aber kulinarisch für eine Charge Sülze abzweigen Hirsch- oder Wildschwein-Haut (vergleichbar kollagenreich); im Notfall kommerzielle Speisegelatine

Anmerkungen

rechun

Reh (Capreolus capreolus) - im mhd. `rech` / `reche`. Die Endung `rechun` ist paläographisch in dieser Hand kaum von `rechen` (Standard-Dativ) zu unterscheiden, weil `u` und `e` in der Kursive identische Minim-Cluster bilden. Standard-Niederwild des deutschen Spätmittelalters.

bruwe das hare abe

„Brühe das Haar ab" - die Haut wird kurz in kochendes Wasser getaucht, damit sich die Haare leicht abziehen lassen. Klassisches Schlachter-Verfahren, identisch zur Schwein-Vorbereitung.

kerryp

Vermutlich regional-mhd. für „kerben" / „einschneiden" - klassisches Schlachter-Verb für das Zerlegen von Häuten oder Fleisch. Der Wort-Stamm ist paläographisch ungeklärt: im Scan sichtbar ein deutlicher Descender unter die Zeile und ein doppelter Mittel-Stamm. Eine alternative Lesung als `kerve` (mhd. `kerven`) ist möglich, aber im Scan weniger gestützt. Die Bedeutung bleibt sinngleich: einschneiden / zerkerben.

spannen lang vnd zweyer finger breyte

Mittelalterliche Maße: eine Spanne = Handbreite = ca. 20 cm; „zwei Finger breit" = ca. 3-4 cm. Die Sülze wird also aus mundgerechten Streifen gemacht, die in einer Schüssel mit Brühe ausgegossen werden.

wol gestanden

„Wohl bestanden" = gut geliert, schnittfest. Qualitätskriterium für Sülze.

Häufige Fragen

Funktioniert Rehhaut wirklich als Gelatine-Quelle?

Ja, hervorragend. Tierhaut besteht zu großen Teilen aus Kollagen, dem chemischen Vorläufer der Gelatine. Beim langen Sieden hydrolisiert das Kollagen, die Brühe wird beim Abkühlen fest. Hirsch-, Reh- und Wildschwein-Haut liefern besonders feste Gele, weil die wilden Tiere mehr Muskelarbeit haben und daher dichtere Kollagen-Strukturen aufbauen.

Wie lange muss die Haut kochen?

6-10 Stunden bei mildem Sieden. Die Haut sollte am Ende weich und gleichmäßig durchgegart sein, sich aber noch in Streifen schneiden lassen. Wer länger kocht, bekommt zwar reineren Aspik, verliert aber die appetitliche Streifen-Optik. Tipp: das Wild-Knochen mit auskochen, das verstärkt den Geschmack.

Wie ist der Geschmack?

Wild-würzig, leicht erdig, deutlich kräftiger als Aspik aus Kalbsfuß oder Schwein. Gut zu Wildgerichten, Schwarzwurzeln, Roter Bete, Apfel-Meerrettich. In modernen Wild-Speisekarten findest du Reh-Sülze fast nirgends mehr - eine fast vergessene Spezialität, die das Mittelalter geliebt hat.

Was war historisch der Wert der Reh-Haut?

Die Haut war hochwertig - sie wurde meistens gegerbt (zu Reh-Leder verarbeitet, das geschmeidiger ist als Hirsch-Leder). Eine ganze Haut kulinarisch zu verarbeiten war im Spätmittelalter eine bewusste Wahl, vermutlich bei besonders kleinen oder zarten Häuten, oder wenn nach der Jagd genügend Material vorhanden war.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Aus dem Rheinfränkischen Kochbuch (Ms. germ. fol. 244, fol. 287r), entstanden um 1445 in der Mittelrhein-Region. Die Handschrift liegt in der Staatsbibliothek zu Berlin.

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