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Leberwickel im Schweinenetz vom Rost

Kochbuch-Fragment aus dem Deutschordensarchiv (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384) · Deutschordensland / Preußen · 1470

SchweinHauptspeise · SchweinLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.4/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit45 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKönigsberger Kochbuch (~1470)

So nimm eine Leber und hacke sie sehr klein. Würze sie gut. Nimm dann einen frischen (heurigen) Speck und Rosinen. Lege das Netz vor dich und bestreiche es gut mit Eigelb. Nimm dann die gehackte Leber und schlage sie auf das Netz. Schlage ein anderes Netz darüber und stecke es mit Spießchen gut fest. Lege es dann auf einen Rost und bestreiche es erneut mit Eigelb und Petersilie.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
ein leber Leber 1 Metzger -
wirtz sie woll Gewürze (Salz, Pfeffer, Ingwer) - - -
ein heirigenn speck frischer (heuriger) Speck 1 Stück Metzger -
weinber Rosinen - Supermarkt -
das netz 2 Schweinenetze 2 Stück Metzger (auf Vorbestellung) -
Eyr thotternn Eigelb - Supermarkt -
petersilge Petersilie - Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Ein Leberwickel im Schweinenetz, über der Glut gegart - ein Verwandter der französischen Crépinette und der italienischen Fegatelli (vgl. das Schweineleber-Pendant ant-080), aber auch der bis heute in Großbritannien verbreiteten „faggots“ (gehackte Innereien im Netz). Die engsten Zwillinge im Korpus sind meb-010 (nahezu wortgleich) und mon-130; auch boc-023 nutzt dieselbe Netzfett-Technik für eine andere Tierart.

Weinbeeren. Mit ‚weinber' sind hier - wie im Königsberger Kochbuch meist - Rosinen gemeint; ob die Handschrift an dieser Stelle tatsächlich frische Weintrauben meinte, lässt sich nicht sicher klären. Für die Praxis funktionieren beide, geben dem Gericht aber eine unterschiedliche Textur.

Praxis. Schweinenetz beim Metzger vorbestellen. Leber fein hacken und würzen; Speck und Rosinen bereitstellen - der Text nennt kein ausdrückliches Mischen, beides kann untergehoben oder auf der Leber verteilt werden. Netz auslegen, mit Eigelb bestreichen, die gehackte Leber darauf verteilen, mit einem zweiten Netz bedecken und mit Holzspießchen fixieren. Auf dem Rost über der Glut garen, dabei erneut mit Eigelb und Petersilie bestreichen.

Wo bekomme ich Schweinenetz?

Schweinenetz (Bauchnetz, Omentum) ist ein feines Fettgewebe, das du beim Metzger auf Vorbestellung bekommst. Es ist nicht immer im Standardsortiment. Es umhüllt die Füllung, hält sie saftig und schmilzt beim Garen fast vollständig weg.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt (Kühlung): Der Engpass ist die rohe frische Leber - sie verdirbt bei Wärme schnell und sollte durchgehend kühl gehalten und zeitnah verarbeitet werden. Frischer (ungeräucherter) Speck ist ebenfalls kühlpflichtig, aber weniger kritisch. Eigelb als bloße Zutat braucht keine besondere Kühlung. Das Garen am Rost über der Glut ist im Lager gut machbar.

Was bedeutet 'heirigenn speck'?

‚Heurig' heißt ‚von diesem Jahr', also junger, frischer Speck - nicht geräucherter. Frischer Rückenspeck ist die passende Wahl; er gibt dem mageren Lebergemenge Saft und Fett.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Königsberger Kochbuch (15. Jh., Deutschordensland / Preußen). Kurzes Kochbuch-Fragment (34 Rezepte) aus dem Archiv des Deutschen Ordens, ursprünglich auf der Marienburg (Malbork), heute im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Die einzige preußisch-ostmitteldeutsch geprägte Quelle im Fyndling-Korpus - ein regionaler Kontrast zur süddeutschen und italienischen Überlieferung. Schwerpunkt auf Würzsaucen und gefärbten Begleitsaucen (eine zusammenhängende Reihe weißer, grüner, schwarzer und rotschwarzer Brathühner), Mörserspeisen, Sülzen sowie Fastenküche mit kunstvollen Imitationsgerichten (Bratwurst aus Feigen, Fisch als Sülze). Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Handschrift B6 ediert.

Willthu machenn ein gefullte leber vonn ??? So niem ein leber vnd hacke die gar klein vnd thu wirtz sie woll vnd niem dann ein heirigenn speck vnd weinber vnd lege das netz for dich vnd bestreich es wol mytt Eyr thotternn vnd nim dann die leber vnd schlags vff das netz vnd schlag ein ander nez daruber vnd verspeill das woll vnd leg es dann vff ein rost vnd beschlags mytt Eir dotternn vnd mitt petersilge
heirigenn speck

‚Heurig' bedeutet ‚von diesem Jahr', also junger/frischer Speck - nicht geräuchert. Vgl. ‚Heuriger' = junger Wein.

weinber

‚Weinbeeren' werden hier als Rosinen übersetzt - Projekt-Konvention für diese Rezeptfamilie, gestützt durch die eng verwandten Parallelrezepte. Ob an dieser Stelle ursprünglich frische Weintrauben gemeint waren, lässt sich nicht sicher klären; beide Lesarten sind belegbar.

netz

Das ‚Netz' bezeichnet das Schweinenetz) (Omentum majus), ein feines Fettgewebe, das in der Küche zum Umwickeln von Füllungen verwendet wird - es hält sie saftig, in Form und schmilzt beim Garen weg.

verspeill

‚Verspeilen' = mit Speilen (kleinen Holzspießchen) feststecken/fixieren, damit der Netz-Wickel beim Garen zusammenhält.

rost

Ein hölzerner Rost oder Grillrost über der Glut.

Handschrift
Kochbuch-Fragment aus dem Deutschordensarchiv (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384)
Folio
Fol. 003v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch mit ostmitteldeutschen Merkmalen, 15. Jh.)
Entstehung
Deutschordensland / Preußen, 1470
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvonn ???

Gewählte Lesart: Der Originaltitel weist eine Lücke auf (beschädigte Stelle). Wir lassen die Tierart der Leber offen (‚Gefüllte Leber'), da der Text keine weiteren Hinweise gibt.

Lesartheirigenn speck

Gewählte Lesart: ‚heurig' = von diesem Jahr, also junger/frischer Speck.

Lesartweinber

Gewählte Lesart: ‚weinber' = Rosinen (Projekt-Konvention für diese Rezeptfamilie, gestützt durch die eng verwandten Parallelrezepte meb-010 und mon-130, die ebenfalls so gelesen werden).

Andere mögliche Lesart:

  • Frische Weintrauben. - Die digitale Erschließung dieser Handschrift verlinkt ‚weinber' an dieser Stelle mit der Bedeutung ‚frische Traube', nicht ‚Rosine' - die Beleglage ist nicht eindeutig. Wir bleiben bei Rosinen, weil die engsten Parallelrezepte im Korpus konsistent so gelesen werden, halten die Frage aber für ungeklärt.

Lesartverspeill das woll

Gewählte Lesart: ‚verspeilen' = mit Holzspießchen (Speilen) feststecken, um den Netz-Wickel zu sichern.

Originalwerk (~1470) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 003v, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, XX. HA, OBA, Nr. 18384 (15. Jh.); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. B6 (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Kühlung): Der Engpass ist die rohe frische Leber - sie verdirbt bei Wärme schnell und sollte durchgehend kühl gehalten und zeitnah verarbeitet werden. Frischer (ungeräucherter) Speck ist ebenfalls kühlpflichtig, aber weniger kritisch. Das Garen am Rost über der Glut ist im Lager gut machbar.
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