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Gefüllte Eier am Holzstäbchen (Kolbat-Eier)

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505

VorspeiseVorspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit25 Min.Portionen4-6 Personen (10 Eier)BuchRegensburger Kochbuch (Cgm 5919) (~1505)

Willst du Kolbat-Eier zubereiten:

Reibe ein klein wenig Ei und schneide etwas Muskatblüte klein darunter. Salze es ein wenig. Dann brich die Eier an der Spitze auf und nimm das Eiweiß heraus. Stecke in jedes Ei ein Holzstäbchen und gib dann die Füllung hinein. Rühre es mit dem Holzstäbchen durcheinander und lass die Holzstäbchen darin stecken. Setze die Eier ans Feuer und lass sie braten. Gib sie dann weg. Drei Macisblüten reichen für zehn Eier.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ayr 10 Eier - -
mustat 3 Macisblüten gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel ersatzweise eine kleine Prise Muskatnuss
saltz Salz - -
holczlein 10 Holzstäbchen Supermarkt (Schaschlikspieße) oder selbst schnitzen -

Welches Gericht ist das? Die Schau-Variante der gefüllten Eier: gewürzte Dottermasse zurück in die heile (rohe) Eierschale, ein Holzstäbchen als Stiel und Rührwerkzeug eingesteckt, am Feuer gegart. Das fertige Ei sitzt am Stiel wie eine kleine Keule oder ein Kolben - daher der Name kolbat (kolbenförmig). Im Korpus die engste Schwester der Gefüllten Eier in der Schale (gleiche Schalen-Befüll-Illusion, dort mit kleinem Teighütchen statt Stiel) und der Gefüllten Eier am Spieß; die hartgekochte, halbierte Form derselben Speise lebt heute als gefüllte Eier oder Devilled Eggs weiter. Der cross-source-Zwilling derselben Technik - am spicz öffnen, entleeren, gewürzte Eimasse zurück in die heile Schale, darin garen - sind die Münchner krausen Eier (m384-082 in der Schale, m384-081 vom Rost); 098 unterscheidet sich allein durch den Kolben-Stiel.

Die Mechanik (thue das weys herauß). Der Quellentext wirkt erst widersprüchlich, löst sich aber im Vergleich mit den Schwesterrezepten: Das rohe Ei wird an der Spitze (spicz) heil geöffnet, das Eiweiß (weys) herausgegossen, die Schale heil behalten. Ein Holzstäbchen kommt hinein, dann die aus Dotter, Muskatblüte und Salz gewürzte Masse, die man mit dem Stäbchen direkt in der Schale verrührt. Das Stäbchen bleibt stecken, das Ei wird senkrecht in Glutnähe gegart. Das Eiweiß wandert also heraus, der gewürzte Dotter kommt am Stiel zurück - beim in-buch Schwesterrezept kroß ayr (m5919-027) ist es genau umgekehrt.

Ein Schaustück, kein robustes Bratgericht. Eine dünne rohe Schale offen ans Feuer zu setzen ist heikel - sie platzt bei Hitze leicht, die offene Schale ohne Verschluss kippt und läuft. Das gehört zum Charakter des Gerichts: Der Reiz liegt im Tafel-Effekt, dem Ei am Stiel, nicht in der Küchenleistung. Das sollte man ehrlich so sehen und nicht glattbügeln.

Kein Binder im Original. Anders als verwandte Rezepte nennt der Text keinen Binder - kein geriebenes Semmelbrot, kein zugeschlagenes Ei. Eine reine Dotter-Macis-Salz-Masse sackt beim Garen in der offenen Schale leicht, statt fest zu werden. Wer es praktisch stabiler will, kann etwas geriebene Semmel unterziehen - das ist eine küchenpraktische Krücke, im Original aber nicht belegt.

Praxis. Eier roh an der Spitze heil öffnen, Eiweiß auffangen (anderweitig verwenden), die Schalen heil behalten. Dotter mit etwas fein gehackter Muskatblüte und ein wenig Salz verrühren. Die Quellenangabe „drei mustat auf zehn Eier" passt genau zur Muskatblüte (Macis): man schneidet die Blütenblätter (statt sie zu reiben), und drei Macisblüten auf zehn Eier sind eine kräftige, aber normale Würze - drei ganze Muskatnüsse wären hier giftig. Dieselbe „drei mustat"-Menge steht auch in m5919-060 und m5919-103. Masse in die Schalen füllen, ein Holzstäbchen einsetzen, am Stäbchen verrühren, die Eier senkrecht in Glutnähe oder in heiße Asche betten und langsam garen. Bruch- und Lauf-Gefahr gehören dazu.

Was sind 'Kolbat-Eier'?

Gefüllte Eier am Stiel: kolbat heißt kolben- oder keulenförmig (zu kolb = Kolben, Keule). Die Eier stecken am Holzstäbchen und sehen am Feuer aus wie kleine Keulen oder Kolben am Stiel - daher der Name. Es ist die Spieß-Variante der gefüllten Eier, verwandt mit den Kuglechten Eyern und den Krausen Eiern am Spieß.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Machbar, aber fummelig - eher ein Schaustück als ein robustes Bratgericht. Die rohe Schale heil zu öffnen, das Eiweiß auszugießen und die ungebundene Masse in der offenen Schale am Feuer zu garen ist heikel: Die dünne Schale platzt bei Hitze leicht, die Füllung läuft. Mit dem Stäbchen als Halter senkrecht in Glutnähe oder in heißer Asche klappt es - dann hat man den Schaueffekt, das Ei am Stiel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Regensburger Kochbuch' (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde. Es ist ein Beispiel für die gehobene bürgerliche Küche dieser Zeit in Mittelbayern, die oft raffinierte Zubereitungen und exotische Gewürze wie Muskatnuss verwendete.

Warum drei Muskatnüsse auf zehn Eier?

Die Angabe an dreyn mustat hastu genug zu zehen ayern ist auffällig hoch - drei ganze Muskatnüsse würden zehn Eier bitter und betäubend würzen, eine einzige Nuss reicht normalerweise für sehr viele Portionen. Wahrscheinlich liegt eine Übertreibung oder ein Schreiberfehler vor (die Handnotiz mustat ?! stutzt zu Recht); möglich ist auch demonstrativer Aufwand mit einem teuren Importgewürz. Modern stark reduzieren - eine kleine Prise frisch geriebene Muskat pro zwei Eier genügt.

Wildu machen kolbat ayr So reib ain winczigs ayr vnd schneid darunter mustat clain vnd saltz ain winzigs vnd prich dan dy ayr pey dem spicz auff vnd thue das weys herauß vnd mach In ain yglichs ye ain holczlein vnd thue dan dy full darein vnd rur es mit dem hoczlein durch einander vnd las dy holczlein darin stecken vnd secz es zw dem feur vnd las es praten vnd gib es dan hin weg an dreyn mustat hastu genug zu zehen ayern
kolbat

Kolben-/keulenförmig (zu mittelbairisch kolb = Kolben, Keule). Ein Form-Adjektiv: die am Holzstäbchen steckenden gefüllten Eier sehen aus wie kleine Keulen am Stiel. Dieselbe Benennungslogik wie beim Schwesterrezept Kuglechte Eyer (kugelig).

mustat

mustat hier = Muskatblüte (Macis). Die ganze Muskatnuss ist ausgeschlossen: drei ganze Nüsse auf zehn Eier („an dreyn mustat … zu zehen ayern“) wären ungenießbar und giftig - drei Macisblüten dagegen eine normale, milde Würze, und „schneid … clain“ passt zu den schneidbaren Blütenhäutchen. Eine Senf-Lesart (alte Senfei-Tradition; mustat < lat. mustum ardens) ist denkbar, aber unwahrscheinlich: der Schreiber schreibt Senf sonst senft, Senf lässt sich nicht klein schneiden, und die verwandten Schalen-Eier in Cgm 384 (m384-081/082) würzen mit Pfeffer/Safran statt Senf.

spicz

Spitze. Die Eier werden an der spitzeren Seite vorsichtig geöffnet, um das Eiweiß zu entfernen und die Füllung einzubringen.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919
Folio
Fol. 026r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, Regensburg, um 1500-1510)
Entstehung
Regensburg, Bayern, 1505

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartkolbat

Gewählte Lesart: Kolben-/keulenförmig (zu mittelbairisch kolb = Kolben, Keule; das Suffix -at bildet ein Form-Adjektiv wie in wirflat = gewürfelt). Die am Holzstäbchen aufgespießten gefüllten Eier ähneln kleinen Keulen oder Kolben am Stiel - das ist der Schaueffekt, der dem Gericht den Namen gibt. Morphologisch parallel zum Schwesterrezept Kuglechte Eyer (kugelige Eier) im Koch- und Kellermeisterbuch.

Lesartthue das weys herauß / dy full

Gewählte Lesart: Der Text wirkt erst widersprüchlich: Man bricht das Ei an der Spitze auf, nimmt das Eiweiß heraus (thue das weys herauß) und gibt dann eine Füllung (dy full) hinein. Plausibelste Lesart im Licht der Schwesterrezepte: Aus etwas Ei (dem Dotter), Muskat und Salz wird eine gewürzte Masse angerührt; vom Ei wird das Eiweiß entfernt, ein Holzstäbchen in die heile Schale gesteckt, die gewürzte Masse hineingegeben und mit dem Stäbchen direkt in der Schale verrührt. Das Eiweiß wird also abgetrennt, der gewürzte Dotter kommt am Stiel zurück - dieselbe Mechanik wie beim in-buch Schwesterrezept m5919-027 (kroß ayr), nur dass dort der Dotter herausgenommen und das Eiweiß in der Schale gelassen wird; hier ist es umgekehrt.

Lesartmustat (drei auf zehn Eier)

Gewählte Lesart: Muskatblüte (Macis) - mild, schneidbar, in dieser Menge unbedenklich. Die ganze Muskatnuss scheidet wegen der Dosis aus.

Andere mögliche Lesart:

  • Senf (Senfei) - Senfei ist eine alte Fastenspeise und „an dreyn … genug“ klingt nach einem gemessenen Maß. Dagegen: der Schreiber nutzt für Senf sonst senft, Senf schneidet man nicht klein, und die verwandten Schalen-Eier in Cgm 384 würzen mit Pfeffer/Safran - daher nachrangig.

Originalwerk (~1505) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 026r, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 5919 (Regensburg, um 1500); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M9 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Mehr Schaustück als Sattmacher. Die rohe Eierschale heil an der Spitze öffnen, das Eiweiß ausgießen, die heile Schale halten, ein Holzstäbchen einsetzen und die gewürzte Masse in der offenen Schale am Feuer garen - das ist am Lager fummelig und bruchanfällig, nicht der unkomplizierte Topf-auf-Glut-Fall. Wer es probiert, bettet die Eier am Stäbchen senkrecht in Glutnähe oder in heiße Asche, damit die dünne Schale nicht platzt und die ungebundene Füllung nicht ausläuft. Eier und Muskat sind unproblematisch in der Lagerung, die Stäbchen lassen sich vor Ort schnitzen - die Schwierigkeit liegt im Handling, nicht in den Zutaten.
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