München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 384 · Südwestdeutschland · 1470
Für krause Eier brich sie an der spitzen Seite auf und leere die Schalen ganz aus. Nimm nur die Eierdotter und schlage sie gut in einer Schüssel.
Würze, salze und färbe sie. Gib gehackte Petersilie und Salbei oder Waldmeister oder andere Gewürze hinein, was du möchtest. Röste es und hacke es klein.
Gib es wieder in die Schalen und stecke es auf Spießchen. Brate es auf einem Rost.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ayer | Eier | - | - | - |
| ytal ayer totter | Eigelb | - | - | - |
| bewurtz | Gewürze | - | - | Pfeffer, Ingwer, Muskat |
| saltz | Salz | - | - | - |
| farbs | Färbemittel | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Safran (für Gelbfärbung) |
| peterlin | gehackte Petersilie | - | - | - |
| salbin oder braunwurtzen oder ander ding | Salbei oder Waldmeister oder andere Gewürze, gehackt (optional) | - | - | andere frische Kräuter wie Minze oder Majoran |
Welches Gericht ist das? Ein mittelalterliches Schau- und Tafelstück: gewürztes Eigelb wird geröstet, klein gehackt (daher kraus = krümelig) und in die leeren, intakten Halbschalen zurückgefüllt, dann auf Spießchen über dem Rost gegart. Das festlichste Glied im Ei-Quartett des Münchner Korpus und fast wortgleich mit dem rheinfränkischen Zwilling rfk-047 (kruse eyer); im Geist ein höfischer Vorfahr unserer gefüllten Eier (Devilled Eggs), nur dass die gefüllte Schale nochmals über dem Feuer Farbe nimmt.
krosz ayer = krause Eier. krosz ist die alemannisch-südoberdeutsche Lautvariante (u→o) zu rheinfränkisch kruse = kraus/gekräuselt - dieselbe Wurzel lebt im heutigen Gekröse. Gemeint ist die krümelig-gekräuselte Textur der gehackten Eimasse, nicht „knusprig“ (das ist modern-niederdeutsch und hier nicht belegt).
Nur das Eigelb. ytal ayer totter heißt „bloß Eigelb“ (ytal = eitel/nur). Das Eiweiß bleibt außen vor; die reine Dottermasse röstet zu einer dichten, krümeligen Farce.
branwurtzen - Waldmeister. Das Rezept lässt die Kräuter offen (Petersilie plus Salbei oder Waldmeister „oder andere Gewürze“). Ehlert glossiert braunwurtz als Waldmeister; die Reichenauer Parallelhandschrift (ka1-082) nennt an dieser Stelle Minze. Waldmeister enthält Cumarin - nur sparsam und frisch (nicht angewelkt) verwenden, sonst herb-bitter und in größerer Menge bedenklich; Minze ist der unkompliziertere Ersatz. Ein in der Parallele genanntes sabiner (Sadebaum) scheidet als giftiges Küchenkraut aus.
Praxis. Nur Eigelb gut verschlagen, dezent würzen und salzen, gehackte Petersilie und ein zweites Kraut (Salbei, etwas Waldmeister oder Minze) dazu. In einer Pfanne über dem Rost rösten, bis die Masse stockt und krümelig wird, dann fein hacken. Eier vorsichtig am spitzen Ende öffnen, ausleeren und die Halbschalen sauber als Förmchen behalten - die leeren Schalen sind sehr fragil, das ist der eigentliche Knackpunkt. Die Eimasse in die Schalen füllen, auf dünne Spießchen stecken und kurz über milder Glut nachgaren. Die „würze-und-färbe“-Formel läuft hier schematisch mit; auf der ohnehin gelben Dottermasse wäre Safran eher Aroma- als Farbmittel - kräftig färben muss man nicht.
‚Krause Eier‘: das gewürzte Eigelb wird geröstet, klein gehackt (daher ‚kraus‘ = krümelig) und in die leeren Schalen zurückgefüllt, auf Spießchen über dem Rost gegart. ‚krosz‘ ist die südoberdeutsche Lautvariante zu rheinfränkisch ‚kruse‘; ‚knusprig‘ wäre eine moderne Fehldeutung.
Schaugericht: Die Zubereitung ist aufwendig und erfordert Sorgfalt beim Befüllen der Eierschalen. Sie eignet sich hervorragend als Vorführung auf einem Mittelaltermarkt, wobei die Eimasse im Voraus zubereitet und das Befüllen sowie das finale Grillen vor Publikum erfolgen kann.
‚Ytal ayer totter‘ bedeutet ‚nur Eigelb‘ - ‚ytal‘ (eitel) wurde im Sinne von ‚bloß, nur‘ verwendet. ‚Branwurtzen‘ (bei Ehlert ‚braunwurtz‘) ist Waldmeister, ein aromatisches Waldkraut. Waldmeister enthält Cumarin und sollte nur sparsam und frisch (nicht angewelkt) verwendet werden; ersatzweise eignet sich Minze, wie sie die Reichenauer Parallelhandschrift nennt.
Dieses Rezept stammt aus dem Münchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384) (2. Hälfte 15. Jh., Südwestdeutschland). Das umfangreichste der Münchner Kochbuchhandschriften und das letzte in CoReMA edierte: 83 alemannische (südwestdeutsche) Rezepte des späten 15. Jh., sauber rubriziert von einer Hand auf Bl. 076r-078r und 103v-115v. Schwerpunkt auf Saucen und Vorräten - zahlreiche Salsen (Sältz), Pfeffer- und Leberpfeffer-Saucen (auch schwarzer Pfeffer), Gumpost (eingelegtes süß-saures Gemüse/Obst), Latwergen, Senf sowie Kraut- und Gemüsegerichte. Die gelegentlich erwähnte hebräische Schrift betrifft nur spätere Marginal-Nachträge (Bl. Ir + 122v-123v), nicht die Kochrezepte. Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Handschrift M2 ediert; größtes Cross-Link-Potenzial zu den anderen Münchner Büchern (Cgm 725/349/811).
‚krosz ayer‘ = Krause Eier (südoberdeutsch-alemannische Lautvariante u→o zu rheinfränkisch ‚kruse‘ = kraus/gekräuselt). Der Name meint die krümelige Textur der gerösteten und klein gehackten Eigelb-Masse, nicht ‚knusprig‘. Fast wortgleich mit rfk-047.
Ehlert glossiert ‚braunwurtz‘ als Waldmeister (Galium odoratum), nicht Brunnenkresse. Die Reichenauer Parallelhandschrift (ka1-082) hat an dieser Stelle stattdessen ‚minsen‘ (Minze) - beides aromatische Würzkräuter zum Eigelb.
Hier das spitze Ende der Eierschale (Cgm 384 ‚an dem spitz‘) - im Schwesterrezept rfk-047 wird stattdessen das stumpfe ‚große‘ Ende geöffnet. Es geht darum, die Schale als möglichst heile Halbschale für die Wiederbefüllung zu erhalten.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ayer | chicken egg Q15260613 |
| ytal ayer totter | yolk Q16336079 |
| bewurtz | spice Q42527 |
| saltz | table salt Q11254 |
| farbs | food coloring Q753009 |
| peterlin | parsley Q25284 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
krosz / kroß ayer
Gewählte Lesart: ‚krosz/kroß ayer‘ = Krause Eier. ‚krosz‘ ist die südoberdeutsch-alemannische Lautvariante (Vokal u→o) zu rheinfränkisch ‚kruse‘ = kraus/gekräuselt; das fast wortgleiche rfk-047 ‚kruse eyer‘ bestätigt die Lesung. Gemeint ist die Textur (luftig-gekräuselt bzw. krümelig), nicht ‚knusprig‘. Dieselbe krōs/krūs-Wurzel lebt im heutigen ‚Gekröse‘ (mhd. (ge)krœse ← krūs = kraus/gefältelt) - das macht die alemannische o-Lautung ‚krosz‘ auch ohne Umweg über ‚kruse‘ transparent.
Andere mögliche Lesart:
branwurtzen / braunwurtzen
Gewählte Lesart: Waldmeister (Galium odoratum) - so glossiert Ehlert ‚braunwurtz‘ ausdrücklich. Die ältere Auto-Lesung ‚Brunnenkresse‘ ist damit überholt. Die Reichenauer Parallelhandschrift (ka1-082) bietet an dieser Stelle ‚minsen‘ (Minze) - eine ebenfalls aromatische, küchentaugliche Kräuterzugabe.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 03.07.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.