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Gefüllte Eierschalen

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291 · Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg · 1492

VorspeiseVorspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen2-4 PersonenBuchAlemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (~1492)

Nimm Eier und brich sie am großen, stumpfen Ende auf. Leere die Schalen aus und nimm nur das Eigelb. Schlage das Eigelb gut auf und würze es kräftig. Färbe es zudem und mische gehackte Petersilienblätter und Salbei darunter.

Brate die Masse in einer Pfanne an und hacke sie klein. Fülle die Masse zurück in die Eierschalen. Stecke die gefüllten Schalen auf ein Spießchen und brate sie auf einem Rost.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
aiger Eier - - -
Iltel tuter Eigelb - - -
wurtz es wol Gewürze - - Pfeffer, Ingwer, Salz
ferwe es Färbemittel - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Safran für Gelbfärbung
gehacket ble terlin Petersilie, gehackt - - -
salbin Salbei - - -
(implied) Fett zum Braten - - Butterschmalz oder Pflanzenöl

Welches Gericht ist das? Rohes Eigelb wird gewürzt, gefärbt, mit Petersilie und Salbei vermischt, in der Pfanne angebraten, klein gehackt und zurück in die geleerte Eierschale gefüllt; die wiederbefüllten Schalen werden auf ein Spießchen gesteckt und auf dem Rost gebraten - eine Illusionsspeise, die das Ei in seiner eigenen Schale neu inszeniert. Ein entfernter lebender Verwandter ist das moderne gefüllte Ei (etwa das „Russische Ei“): gleiches Grundprinzip aus leerer Halbschale und aufbereiteter Dotterfüllung, aber mit anderer Technik - hier wird die Füllung angebraten und die Schale selbst nochmals über Feuer geröstet, während das moderne Gericht kalt und ohne erneutes Garen der Schale serviert wird.

Welches Ende wird aufgebrochen? Das Original nennt den „grosen spitz“ als Aufbruchstelle - wörtlich „die große Spitze“, gemeint ist aber paradox das stumpfe, breite Ende der Schale: Dort sitzt die Luftkammer, die Schale ist dünner, die Öffnung wird größer, und das Ei kann später auf dem schmalen Ende aufrecht stehen. Vier unabhängige Zwillinge (rfk-047, mon-018, mha-116, ri15632-007) bestätigen diese Lesart übereinstimmend; das spitz zulaufende Ende der Schale wäre die falsche Bruchstelle.

Praxis. Eier am stumpfen Ende vorsichtig aufbrechen, die Schale vollständig entleeren und intakt beiseitelegen. Nur das Eigelb (kein Eiweiß) verquirlen, würzen, färben und mit gehackter Petersilie und Salbei vermischen - Eigelb allein bindet beim Anbraten fester und reichhaltiger als ganzes Ei. Die Masse in wenig Fett in der Pfanne anbraten, bis sie fest ist, dann klein hacken; das erzeugt die krümelige Textur, die dem Gericht den Namen gibt, und macht die Masse formbar. Die gehackte Masse zurück in die leeren Schalen füllen, die Schalen auf ein Spießchen stecken und auf dem Rost nochmals rösten. Offen bleibt, wie die zerkleinerte Füllung in der oben offenen Schale beim Aufspießen und Rösten hält - der Text nennt dafür kein Bindemittel oder keinen Verschluss; ein fest angedrückter Füllstand ist die naheliegendste, aber unbelegte Praxislösung. Wegen der Einzelschalen-Handhabung mit Bruchrisiko ist das Gericht eher ein Schaugericht für kleinere Runden als ein robuster Massen-Schnellgang.

Was bedeutet 'Krosaiger'?

„Krosaiger“ ist ein frühneuhochdeutscher Gerichtname für gefüllte, „krause“ Eier, der über mehrere Handschriften hinweg belegt ist (etwa als „krosz ayer“ oder „kruse eyer“). Das Rezept beschreibt, wie Eier am stumpfen Ende geöffnet, geleert, mit einer gewürzten Eigelb-Kräuter-Mischung gefüllt und dann auf einem Spieß über dem Feuer gebraten werden. Die Füllung wird vor dem Zurückgeben in die Schale angebraten und zerkleinert, was ihr eine krümelige, „krause“ Textur verleiht.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Am offenen Feuer mit Pfanne und Rost ist es machbar und braucht keine Kühlung. Es ist aber kein schneller Massen-Gang: Jede Eierschale muss einzeln vorsichtig aufgebrochen, entleert und befüllt werden, mit entsprechendem Bruchrisiko - eher ein Schaugericht für kleinere Portionen als ein robuster Standard-Gang für viele Gäste.

Welche Gewürze soll ich für die Eimasse verwenden?

Das Rezept nennt keine spezifischen Gewürze, nur „wurtz es wol“ (würze es gut). Typische mittelalterliche Gewürze für Eierspeisen wären Salz und Pfeffer. Für die Färbung, die das Original als festen Arbeitsschritt nennt und nicht als Option, kannst du eine Prise Safran verwenden, um eine goldgelbe Farbe zu erzielen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Alemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (1492, Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg). CoReMA-Handschrift N1: die 26 Kochrezepte (fol. 17r-24r) der Sammelhandschrift Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291, schwäbisch, 1492-1494. Anton Birlinger hat sie 1865 als "Alemannisches Büchlein von guter Speise" gedruckt - die einzige gemeinfreie wissenschaftliche Edition zu einer CoReMA-Handschrift und damit ein vollwertiger Gegencheck neben dem TEI-Text. Jedes Rezept trägt im Original eine rote Überschrift. Textlich am Ende der Traditionslinie des "Buoch von guoter Spise" (bgs, um 1350) und des Meister Eberhard (meb); direkte Motiv-Parallelen zu ka1 (Krosaier), zum Holdermus-Cluster (ka1/kkm/m384/meb/rfk) und zum heidnischen Pfannkuchen (ka2/m5919/mha/mon).

krosaiger krosaiger nim aiger vnd brich In by dem grosen spitz vnd ler die schalen vnd nim Iltel tuter vnd klopf die wol vnd wurtz es wol vnd dar zuo ferwe es vnd tuo gehacket ble terlin vnd salbin dar vnder vnd rost es In ainer pfanen vnd hack es klain vnd tuo es wider In die schalen vnd stos sy an ain spisli vnd brat sy vff ainen rost
krosaiger

Ein über mehrere Handschriften und Dialekträume belegter Gerichtname („Krause Eier“/„Kroßeier“), kein bloß regionaler Einzelbegriff - vgl. m384-082 („krosz ayer“), rfk-047 („kruse eyer“), ri15632-007 („Kroßeier“) und ka1-082. Mhd./alemannisch kros/kruse bedeutet „kraus, gekräuselt“ (nicht „knusprig“) und bezieht sich auf die krümelige Textur der angebratenen und gehackten Eigelbmasse.

grosen spitz

Bezeichnet trotz des Wortsinns „Spitze“ paradox das stumpfe, breite Ende der Eierschale: Dort sitzt die Luftkammer, die Schale ist dünner und die Öffnung wird größer. Vier unabhängige Zwillinge (rfk-047, mon-018, mha-116, ri15632-007) bestätigen diese Lesart übereinstimmend.

Iltel tuter

Mittelhochdeutsch „itel“ bedeutet „nur“ oder „bloß“, „tuter“ ist der Dotter - die Anweisung meint also, nur das Eigelb zu verwenden und das Eiweiß zu trennen. Der Zwilling m384-082 („nym ytal ayer totter“) bestätigt diese Lesart direkt.

ble terlin

Eine Verkleinerungsform von „Blätter“ oder „Blättchen“. Im Kontext von Gewürzen und der historischen Küche ist hier Petersilie gemeint.

salbin

Salbei, ein in der mittelalterlichen Küche häufig verwendetes Kraut, besonders zu Eiern und Fleisch.

rost

Ein Grillrost, auf dem die gefüllten Eierschalen über direkter Hitze gebraten werden. Siehe auch die Grundlagen-Seite zum hölzernen Rost.

Handschrift
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291
Folio
Fol. 021r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch, südwestdeutscher Sprachraum, 1492-1494)
Entstehung
Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, 1492

Originalwerk (~1492) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 021r, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hs 20291 ("Alemannisches Büchlein von guter Speise", schwäbisch, 1492-1494), Rezeptteil fol. 17r-24r - CC BY-NC-SA 3.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), N1 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am Feuer mit Pfanne und Rost machbar, ohne Kühlung oder Ofen. Aber kein schneller Massen-Gang: Jede Schale muss einzeln vorsichtig aufgebrochen, entleert, befüllt und aufgespießt werden - Einzelfertigung mit Bruchrisiko, nicht vorproduzierbar. Eher ein Schaugericht für kleinere Portionen als ein robuster Standard-Gang.
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