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Krauseier am Spieß

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

VorspeiseVorspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen2-3 PersonenBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Ein Eingerührtes machst du so: Schlage ein oder zwei Eier auf, oder so viele du möchtest. Feuchte ein kleines Pfännchen mit etwas Schmalz an und gieße die geschlagenen Eier hinein. Rühre sie über einem kleinen Glutfeuer ab, bis sie musartig-krümelig werden, das heißt dann ein Eingerührtes.

Nimm anschließend eine Eierschale und öffne sie an beiden Enden mit einem spitzen Werkchen. Fülle das Eingerührte in die Schale, stecke sie an einen Spieß und schiebe immer eine Brotrinde davor. Brate sie eine Weile, aber nicht zu lange.

Manche backen das Eingerührte stattdessen in heißem Schmalz. Für die Füllung kannst du auch Rosinen und etwas gemahlenen Zimt nehmen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain ay oder zway Ei 1 - -
ain ſchmalt Schmalz - - Butterschmalz
ayrſchal Eierschale - - -
ain rinden bꝛots Brotrinde - - -
weinbeerlen Rosinen - - -
zimetroͤꝛn ſtüpp Zimt, gemahlen - - -

Welches Gericht ist das? Ein über der Glut zu einer krümelig-musartigen Masse gerührtes Ei (ein „Eingerührtes“), das nicht wie ein gewöhnliches Rührei serviert wird, sondern zurück in seine eigene, an beiden Enden geöffnete Schale gefüllt, mit einer vorgeschobenen Brotrinde auf einen Spieß gesteckt und kurz über der Glut gedreht wird. Die Schale gibt der weichen Masse ihre ursprüngliche Eiform zurück - eine reine Schaupräsentation ohne lebendiges heutiges Gegenstück. Buchübergreifend gehört das Rezept zu einer weitverbreiteten Kroßeier-/Krauseier-Familie, die sich in Handschriften wie Cgm 384, Clm 15632, dem Rheinfränkischen und dem Mondseer Kochbuch ebenso findet wie in Staindls Druck; am engsten verwandt ist [alb-015], das dieselbe Schalen-Spieß-Technik mit demselben Bruchrisiko beschreibt.

Backen "es" oder "sie" in heißem Schmalz? Der Text nennt am Ende eine Alternative, die im Original offenlässt, worauf sich das Backen genau bezieht - auf die ganze, bereits gefüllte und gespießte Schale oder nur auf das rohe Eingerührte ohne Schale. Die zweite Lesart ist küchentechnisch die plausiblere: Eine Eierschale in heißem Fett würde vermutlich platzen oder Fett aufnehmen, während eine verwandte Zubereitung dieselbe Masse ganz ohne Schale in der Pfanne röstet. Wir folgen dieser Lesart, halten die andere aber für nicht ausgeschlossen.

Praxis. Für das Eingerührte ein oder zwei Eier verquirlen und in einem mit Schmalz ausgefetteten Pfännchen bei kleiner, ständig gerührter Glut zu einer trockenen, krümeligen Masse abrühren, ähnlich einem festen Rührei - im Original ein „Glütlin“ am Feuerrand, heute reicht kleine bis mittlere Herdhitze. Ein festes Zeitmaß nennt die Vorlage nicht: Sobald die Masse musartig zusammenfällt, ist sie fertig. Eine leere Eierschale an beiden Enden vorsichtig öffnen, die Masse einfüllen, auf einen Spieß stecken und mit einer Brotrinde davor sichern; nur wenige Minuten bei mäßiger Glut drehen - der Text warnt ausdrücklich „nicht zu lange“ -, da das Ei bereits durchgegart ist und nur noch Form und Oberfläche nachziehen sollen. Einfacher und robuster gelingt die Variante ohne Schale: die fertige Masse direkt in heißem Schmalz ausbacken. Für die süße Füllung genügen ein paar Rosinen und eine Prise gemahlener Zimt - eine Menge nennt die Vorlage nicht.

Was ist ein 'Eingerührtes'?

Ein Eingerührtes ist ein über schwacher Glut ständig gerührtes Ei-Gemisch, das dabei eine musartig-krümelige Konsistenz annimmt, ähnlich einem groben, trockenen Rührei. Es dient hier als Füllung, die anschließend in die Eierschale zurückgefüllt wird.

Warum steckt man das Ei in eine Eierschale und brät es am Spieß?

Die leere Schale gibt der weichen Ei-Füllung wieder eine feste, transportfähige Form, die sich auf den Spieß stecken lässt. Die vorgeschobene Brotrinde schützt die Schale und hält sie auf dem Spieß in Position, während beides über dem Feuer gedreht wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eher als Schaugericht denn als Schnellgericht. Die titelgebende Technik - Ei-Masse zurück in die Schale füllen und am Spieß braten - ist ein fummeliges, leicht zerbrechliches Vorführstück, keine Massenware für den laufenden Betrieb. Schneller und robuster gelingt die im Text genannte Alternative: die fertige Ei-Masse einfach in heißem Schmalz ausbacken, ganz ohne Schale. Kein Ofen, keine Kühlung nötig - reine Feuerküche.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Kroßayer / die prat man am ſpiß. ccv. Mach ein eingeruͤrts alſo / zerſchlahe ain ay oder zway / oder wie vil du wilt / netz ein pfaͤndel mit ſampt ain ſchmalt / geüß die klockten ayer darein / ruͤrs alſo ab / ob at⸗ Das ſechſt Buͦch. XXXVIII nem gluͤtlin / ſo wirts muͤßlat / das haißt ain eingeruͤrts / ſo muͤſt dann ayrſchal nemen / die muͦſt am ſpitel an bayden oꝛthen auffthuͦn / füll das eingeruͤrt inn die ſchal / ſtecks an ain ſpiß / vnnd ain rinden bꝛots allweg für / brats ain weil vnd nit lang / Erlich bachens in haiſſem ſchmaltz / iñs fül⸗ len / magſt wol weinbeerlen / zimetroͤꝛn ſtüpp nemen.
eingerürts

Ein 'Eingerührtes' ist eine über Glut gerührte Ei-Zubereitung, die eine musartig-krümelige Konsistenz annimmt, ähnlich einem groben Rührei.

Kroßayer

'Kroß' bezeichnet hier die krümelig-krause Textur des Eingerührten, nicht Knusprigkeit im modernen Sinn.

zimetrörn

Zimt-Röhrlein, also Zimtstangen in ihrer Handelsform. Zum Untermischen in die Füllung wird der Zimt gemahlen bzw. zerstoßen verwendet.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das sechste Buch: Gebäck
Folio
Fol. 037v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain ſchmaltanimal fat Q1423543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartErlich bachens in haissem schmaltz

Gewählte Lesart: Wir lesen das Pronomen als Bezug auf das Eingerührte selbst - die rohe Ei-Schmalz-Masse ohne Schale -, nicht auf die bereits gefüllte und aufgespießte Schale. Diese Lesart deckt sich mit einer verwandten Handschrift, die dieselbe Masse ganz ohne Schale in der Pfanne röstet.

Andere mögliche Lesart:

  • Das Pronomen könnte sich auch auf die ganze, bereits gefüllte und gespießte Schaleneinheit beziehen, sodass die Eierschale selbst in heißem Schmalz gebacken würde. - Küchenpraktisch fragwürdig, da eine Eierschale in heißem Fett vermutlich platzt oder Fett aufnimmt; der Text selbst entscheidet die Frage nicht eindeutig, und für dieses Kapitel gibt es keine Zweitquelle, die hier schlichten könnte.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 037v (gedruckte Blattzählung XXXVII verso), Rezept läuft bis 038r, Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (scripts/fetch_staindl_kraken.rb, german_print.mlmodel, 112 Scans) - seit 2026-09-01 fuer ALLE acht Buecher (std-001..294) primaer, liest auf diesem Druck deutlich sauberer als die vorherige BSB-Bibliotheks-OCR (Verhältnis 385,8 vs. 93,0, keine der bekannten M/W- und kl/El-Verwechslungen). Die BSB-Bibliotheks-OCR (scripts/fetch_staindl.rb, api.digitale-sammlungen.de/ocr) bleibt als Referenz im Cache, wird aber von keinem Rezept mehr gelesen. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die Schalen-Spieß-Technik ist ein zerbrechliches Schaustück - jede Schale muss einzeln geöffnet, befüllt und aufgespießt werden, kein Massenbetrieb. Die im Text genannte Alternative (Ei-Masse ohne Schale in heißem Schmalz ausbacken) ist dagegen in unter 20 Minuten am Feuer fertig, braucht nur ein kleines Pfännchen und keine Kühlung.
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Stand dieser Fassung: 08.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.