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Holundermus

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291 · Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg · 1492

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.2/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen4 PersonenBuchAlemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (~1492)

Für ein Holundermus nimm Holunderblüten und siede sie sehr gut in Milch. Mache mit der Milch und dem Mehl ein Mus und schlage es zuerst durch. Nimm dann geriebene Brezeln oder Semmeln und Eier hinzu und würze es, wenn du möchtest.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
holderbluost Holunderblüten - Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt (getrocknet) Getrocknete Holunderblüten
milch Milch - - -
mel Mehl - - -
geribnen bretzelen oder simelen Geriebene Brezeln oder Semmeln - - Paniermehl oder altbackenes Weißbrot
ayer Eier - - -
wurtz es ob du wiltt Gewürze (optional) - - Zimt, Muskatblüte oder Ingwer

Welches Gericht ist das? Ein mit Mehl gebundener, mit Holunderblüten aromatisierter Milchbrei (ein Mus), der zusätzlich mit geriebenem Weißbrot oder Brezeln und Ei nachgebunden wird. Die Aromapaarung aus Milch und Holunderblüten hat eine gewisse Familienähnlichkeit mit der schwäbisch-alemannischen Muas-Küche (Habermus, Ribelmus im Allgäu und in Vorarlberg) und mit heute verbreiteten Holunderblüten-Milch-Süßspeisen im süddeutsch-österreichischen Raum - ohne dass daraus eine ungebrochene Kontinuität abzuleiten wäre.

Eine unklare Stelle. Die Anweisung „schlach die milch des ersten durch“ steht im Transkript nach „mach ainmuoß“, nennt als Objekt aber wörtlich „die milch“, nicht „es“. Die naheliegende Lesart bezieht das Durchschlagen auf das bereits angerührte Mus, bevor Brezeln oder Semmeln und Eier hinzukommen - dafür spricht, dass „durchschlagen“ im übrigen Korpus sonst durchgängig auf eine schon kombinierte Masse angewendet wird, nie auf eine rohe Ausgangsflüssigkeit. Zwei eng verwandte Rezepte aus anderen Handschriften lesen den Ablauf jedoch anders: dort wird die Blütenmilch schon vor dem Eindicken zu Mus durch ein Tuch gezogen. Welche Reihenfolge hier gemeint ist, entscheidet der Text selbst nicht eindeutig.

Praxis. Holunderblüten (frisch oder getrocknet) in Milch gut auskochen. Mit Mehl zu einem Mus verkochen und dieses einmal durch ein feines Tuch oder Sieb streichen - das entfernt Blütenreste und eventuelle Klümpchen gleichzeitig. Geriebene Brezeln oder Semmeln und Eier einrühren. Der Text nennt danach keinen weiteren Hitzeschritt; aus Lebensmittelsicherheit empfiehlt es sich trotzdem, das Mus kurz auf kleiner Flamme zu erwärmen, bis das Ei gestockt ist. Nach Belieben würzen, etwa mit Zimt oder Muskatblüte.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Holundermus ist ein Goldstandard für die Lagerküche. Es ist in kurzer Zeit (ca. 20-30 Minuten) im Topf über offenem Feuer zubereitet. Die Zutaten sind robust und benötigen keine besondere Kühlung; Holunderblüten können auch getrocknet verwendet werden.

Was bedeutet 'schlach die milch des ersten durch' im Rezept?

Die Anweisung 'schlach die milch des ersten durch' steht im Transkript nach der Anweisung, aus Milch und Mehl ein Mus zu machen - sie bezieht sich also wahrscheinlich auf dieses bereits angerührte Mus, nicht auf die rohe Milch am Rezeptanfang. Vermutlich soll das Mus durch ein Tuch oder Sieb gestrichen werden, um Blütenreste zu entfernen und eine feine Textur zu erhalten. Alternativ könnte es auch bedeuten, das Mus gründlich glattzurühren, um Klümpchen zu vermeiden.

Was ist ein 'Mus' in diesem Kontext?

Ein 'Mus' (mittelhochdeutsch 'muos') bezeichnet im Mittelalter eine breiige Speise, die durch Kochen und Zerdrücken oder Passieren von Zutaten hergestellt wird. Es konnte sowohl herzhaft (z.B. Rübenmus) als auch süß (wie dieses Holundermus) sein und wurde oft als Beilage oder eigenständiges Gericht serviert.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Alemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (Schwäbischer Sprachraum - Entstehungsort unbekannt). CoReMA-Handschrift N1: die 26 Kochrezepte (fol. 17r-24r) der Sammelhandschrift Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291, schwäbisch, 1492-1494. Anton Birlinger hat sie 1865 als "Alemannisches Büchlein von guter Speise" gedruckt - die einzige gemeinfreie wissenschaftliche Edition zu einer CoReMA-Handschrift und damit ein vollwertiger Gegencheck neben dem TEI-Text. Jedes Rezept trägt im Original eine rote Überschrift. Textlich am Ende der Traditionslinie des "Buoch von guoter Spise" (bgs, um 1350) und des Meister Eberhard (meb); direkte Motiv-Parallelen zu ka1 (Krosaier), zum Holdermus-Cluster (ka1/kkm/m384/meb/rfk) und zum heidnischen Pfannkuchen (ka2/m5919/mha/mon).

ain holdermuos Ain holder muoß nim holderbluost vnd sud das gar wol In milch vnd mit der milch vnd mel mach ainmuoß vnd schlach die milch des ersten durch vnd nim denn geribnen bretzelen oder simelen vnd ayer vnd wurtz es ob du wiltt
holdermuos

Ein Mus aus Holunderblüten, Milch und weiteren Zutaten.

holderbluost

Die Blüten des Schwarzen Holunders (Sambucus nigra), die in der mittelalterlichen Küche zum Würzen verwendet wurden.

muoß

Ein Mus ist eine breiige Speise, die durch Kochen und Zerdrücken oder Passieren von Zutaten hergestellt wird.

schlach die milch des ersten durch

„Durchschlagen“ kann hier bedeuten, das bereits angerührte Mus durch ein Tuch oder Sieb zu passieren, um Blütenreste zu entfernen, oder es glattzurühren, um Klümpchen zu vermeiden.

des ersten

Vermutlich adverbial „zuerst/zuallererst“ - trägt einen Teil der Lesart von „schlach die milch des ersten durch“. Für diese Wendung liefern die Wörterbücher nur allgemeine Fragmente, keinen gesicherten Einzelbeleg.

geribnen bretzelen oder simelen

Geriebene Brezeln oder Semmeln (Weißbrot) dienten als Bindemittel und zur Texturgebung in vielen mittelalterlichen Rezepten.

wurtz es ob du wiltt

Die genaue Gewürzmischung ist hier nicht spezifiziert und dem Koch überlassen. Typisch wären süße Gewürze wie Zimt, Muskatblüte oder Ingwer.

Handschrift
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291
Folio
Fol. 021r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch, südwestdeutscher Sprachraum, 1492-1494)
Entstehung
Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, 1492
CoReMA-Handschrift

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

holderbluostelder flower Q67778134
milchmilk Q8495
melflour Q36465
ayerchicken egg Q15260613
wurtz es ob du wilttspice Q42527

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartschlach die milch des ersten durch

Gewählte Lesart: Die Phrase steht im Transkript nach 'mach ainmuoß' und bezieht sich damit vermutlich auf das bereits angerührte Mus aus Milch und Mehl, nicht auf die rohe Milch am Rezeptanfang. Übersetzt als 'schlage es zuerst durch' - vermutlich um es durch ein Tuch oder Sieb zu passieren und Blütenreste zu entfernen, bevor Brezeln oder Semmeln und Eier hinzukommen. Gestützt wird diese Lesart dadurch, dass 'durchschlagen' im übrigen Korpus (etwa bei bereits abgelöschtem Pfeffer oder einer schon verrührten Masse) durchgängig auf eine schon kombinierte Masse angewendet wird, nie auf eine rohe Ausgangsflüssigkeit.

Andere mögliche Lesarten:

  • Eine alternative Lesart wäre 'schlage es zuerst glatt'. - Das Verb 'schlagen' kann auch 'glattrühren' bedeuten, was im Kontext der Zubereitung eines Mus mit Mehl sinnvoll wäre, um Klümpchen zu vermeiden. Die Entfernung von Blütenresten wäre dann nicht impliziert.
  • Eine zweite alternative Lesart würde das Durchschlagen auf die Blütenmilch selbst beziehen, vor dem Eindicken zu Mus. - Zwei eng verwandte Rezepte (ka1-049 'Holder muoß', m384-062 'holder muosz') ziehen die Blütenmilch durch ein Tuch, bevor sie zum Mus eingedickt wird. Auch alb-016 nennt als Objekt wörtlich 'die milch', nicht 'es' - das spräche für dieselbe Reihenfolge. Dem steht die oben angeführte korpusweite Beobachtung entgegen, dass 'durchschlagen' sonst nur auf bereits angerührte Massen angewendet wird; die beiden Indizien weisen in unterschiedliche Richtungen, der Text selbst entscheidet nicht eindeutig.

Originalwerk (~1492) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 021r, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hs 20291 ("Alemannisches Büchlein von guter Speise", schwäbisch, 1492-1494), Rezeptteil fol. 17r-24r - CC BY-NC-SA 3.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), N1 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Im Topf am Feuer in 20-30 Minuten fertig. Robuste Zutaten ohne Kühlbedarf, Holunderblüten können getrocknet verwendet werden.
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Stand dieser Fassung: 28.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.