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Würzige Karpfen-Brotsauce („Galantine") nach Pariser Art

Le Ménagier de Paris · Paris · 1393

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10BrotBrot / BackwerkBürgerliche KücheBürgerlichFischFastenspeise
Zubereitungszeit45 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMénagier de Paris (~1393)

Zerstoße Safran, Ingwer, Nelken, Paradieskörner, langen Pfeffer und Muskatnüsse. Löse diese Gewürze im fetten Kochwasser auf, in dem der Karpfen gekocht wurde. Gib Verjus, Wein und Essig hinzu. Binde die Sauce mit etwas sehr fein zerstoßenem, geröstetem Brot, ohne es zu passieren - obwohl passierte Brotkrume eine feinere Sauce ergibt. Koche alles zusammen auf und gieße es über den gekochten Fisch, dann richte es auf Platten an. Das Gericht schmeckt gut aufgewärmt oder auf der Platte über dem Rost, besser als ganz kalt. Beachte, dass es auch ohne Safran schön und gut ist. Und beachte, dass es genügt, wenn auf jeder Platte zwei Stücke Karpfen und vier frittierte Gründlinge liegen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
saffran Safran - -
gingembre Ingwer - -
giroffle Nelken - -
graine Paradieskörner Online (z.B. Gewürzhändler) Schwarzer Pfeffer mit einem Hauch Kardamom
poivre long Langer Pfeffer Online (z.B. Gewürzhändler) Schwarzer Pfeffer
noiz muguectes Muskatnuss - -
grasse eaue en quoy la carpe avra cuit Kochwasser vom Karpfen - -
vertjus Verjus Feinkostladen, Online (z.B. Weinhandel) Weißweinessig oder Zitronensaft
vin Wein - -
vinaigre Essig - -
petit pain hazé Geröstetes Brot - -
poisson cuit (carpe) Gekochter Karpfen Fischhändler, Supermarkt -
gougon friz Frittierte Gründlinge Fischhändler (selten), alternativ kleine Fische wie Sardellen oder Sprotten Kleine frittierte Fische (z.B. Sardellen, Sprotten)

Welches Gericht ist das? Gekochter Karpfen unter einer reichen, brotgebundenen Gewürzsauce - die Pariser galentine. Trotz des Namens KEINE Sülze und kein Aspik: eine warme Würzsauce, die über den gekochten Fisch gegossen wird. Strukturell die ausgearbeitete bürgerliche Schwester zu Martinos knappem Karpfen-Rezept mar-240 (das nur die Garmethoden nennt) und ein enger Verwandter von sev-074 (Karpfen mit Gewürzsauce). Die Sauce selbst gehört in dieselbe brotgebundene Familie wie die Peverata ant-041.

Bindung im eigenen Kochsud. Die Gewürze werden im fetten Karpfen-Kochwasser (grasse eaue) aufgelöst - das ist der Geschmacksträger. Gebunden wird mit geröstetem Brot (pain hazé), zeittypisch statt mit Mehl. Der Text macht eine feine Konsistenz-Beobachtung: ungesiebtes Brot ergibt eine rustikalere, gesiebtes (durch ein Tuch passiertes) eine glattere, feinere Sauce - die Wahl liegt beim Koch.

Süß-saure Spannung. Verjus, Wein und Essig liefern die mittelalterliche Leitachse aus Säure gegen den fetten Fisch. Der saffran färbt gelb und gibt Status; der Text vermerkt ausdrücklich, dass die Sauce auch ohne Safran schön und gut ist - die Farbe ist also Luxus, nicht Pflicht.

Aufgewärmt besser als kalt. Eine praktische Bankett-Notiz: das Gericht schmeckt warm oder auf der Platte über dem Rost aufgewärmt besser als ganz kalt - ein Hinweis auf mehrtägige Festtafel-Verwertung.

Praxis. Karpfenstücke in leicht gesalzenem Wasser gar ziehen, den Sud auffangen. Eine Scheibe Brot rösten und fein zerstoßen. Safran, Ingwer, Nelken, Paradieskörner, langen Pfeffer und etwas Muskat im Mörser zerreiben, in ~250 ml warmem Karpfensud auflösen, je einen Schuss Verjus, Wein und Weinessig zugeben, mit dem Brot binden, kurz aufkochen. Über den Fisch gießen; nach altem Maß zwei Karpfenstücke und vier kleine frittierte Fische (Gründlinge, ersatzweise Sardellen/Sprotten) je Teller.

Wo bekomme ich Paradieskörner und langen Pfeffer?

Paradieskörner und langer Pfeffer sind in gut sortierten Gewürzläden oder online bei spezialisierten Gewürzhändlern erhältlich. Als Alternative für Paradieskörner kann man schwarzen Pfeffer mit einem Hauch Kardamom verwenden, für langen Pfeffer einfach schwarzen Pfeffer.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Gewürze und das Brot können vorab gemahlen und mitgebracht werden. Die Zubereitung der Sauce und des Fisches ist über offenem Feuer oder auf einem Kocher gut machbar. Die Anweisung, das Gericht auf dem Rost aufzuwärmen, unterstreicht die Lagerfreundlichkeit.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Ménagier de Paris', einem französischen Haushaltsbuch, das um 1393 verfasst wurde. Es bietet Einblicke in die bürgerliche Küche des späten Mittelalters in Paris und richtet sich an eine junge Ehefrau, die ihren Haushalt führen soll.

Was ist eine 'Galantine' in diesem Kontext?

Im mittelalterlichen Kontext, wie hier im 'Ménagier de Paris', bezeichnet 'Galantine' oft eine würzige, mit Brot angedickte Sauce, die über gekochten Fisch oder Fleisch gegossen wird. Es ist keine gelierte oder gefüllte Speise im modernen Sinne, sondern eine reichhaltige Begleitsauce.

Was bedeutet 'Verjus' und wo bekomme ich ihn?

Verjus ist der Saft unreifer Weintrauben. Er ist sauer wie Essig, hat aber ein fruchtigeres, weniger stechendes Aroma. Du findest ihn in gut sortierten Feinkostläden, bei Weinhandlungen oder online. Als Ersatz kannst du Weißweinessig oder Zitronensaft verwenden, wobei der Geschmack leicht abweichen wird.

Was ist ein 'Mörser' - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Wenn das Rezept 'zerstoßen' oder 'mahlen' verlangt, ist ein Mörser gemeint. Für Gewürze reicht ein kleinerer Gewürzmörser. Für das Brot kannst du einen großen Mörser verwenden oder es einfach in einer Küchenmaschine zu feinen Krümeln verarbeiten. Für die Lagerküche empfiehlt es sich, Gewürze und Brot bereits gemahlen mitzubringen.

Galentine pour carpe. Broyez saffran, gingembre, giroffle, graine, poivre long et noiz muguectes, et deffaictes de la grasse eaue en quoy la carpe avra cuit, et y mectez vertjus, vin et vinaigre, et soit lyé d'un petit pain hazé tresbien broyé et sans couler (ja soit ce que le pain coulé fait plus belle saulse) et soit tout bouly et gecté sur le poisson cuit, puis mis en platz. Et est bon reschauffé ou plat sur le greil, meilleur que tout froit. Nota qu'elle est belle et bonne sans saffran. Et Nota qu'il souffist que en chascun plat ait deux tronçons de carpe et quatre gougons friz.
Galentine

Im mittelalterlichen Kontext eine würzige Sauce, oft mit Brot gebunden, die über Fleisch oder Fisch gegossen wird, nicht die moderne gelierte Form.

graine

Kurzform für 'graine de paradis', also Paradieskörner (Aframomum melegueta), ein pfeffrig-kardamomartiges Gewürz.

grasse eaue

Das fetthaltige Kochwasser des Karpfens, das viel Geschmack enthält.

vertjus

Saft unreifer Weintrauben, der als Säuerungsmittel ähnlich wie Essig, aber mit fruchtigerem Aroma verwendet wird.

pain hazé

Geröstetes Brot, das zerstoßen zum Binden und Andicken von Saucen verwendet wird.

gougon

Gründling, ein kleiner Süßwasserfisch, der oft frittiert als Beilage serviert wurde.

Handschrift
Le Ménagier de Paris
Folio
Fol. 163v
Sprache
Moyen Français
Entstehung
Paris, 1393

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartGalentine

Gewählte Lesart: Eine warme, mit geröstetem Brot gebundene Würzsauce, die über den gekochten Fisch gegossen wird - KEINE Gelatine, kein Aspik, keine gefüllte kalte Fleischspeise. Die Sauce-Funktion ist im Text durch gecté sur le poisson cuit (auf den gekochten Fisch gegossen) eindeutig.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine gelierte/gepresste kalte Speise im modernen Sinn von "Galantine". - Diese Bedeutung entstand erst im 19. Jh. durch Bedeutungsverschiebung; der Ménagier beschreibt ausdrücklich das Übergießen des warmen Fisches mit der Sauce, keine Gelierung.

Originalwerk (~1393) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 163v, Scan: Bibliothèque nationale de France, Gallica (BnF Manuscrit Français 12477)
Transkription
Base de Français Médiéval (BFM), ENS Lyon - TEI P5, Lizenz Etalab Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am Topf/Feuer gut machbar: Fisch im Sud garen, Sauce binden, übergießen. Gewürze und Brot lassen sich vorgemahlen mitbringen; das Aufwärmen auf der Platte über dem Rost ist sogar ausdrücklich vorgesehen.
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